Der künstlich bewässerte Rasen vor Schloss Bellevue ist unnatürlich grün für diese Sommerwochen. Hundert Soldaten, die Ehrenformation der Bundeswehr, schwitzen unter der sengenden Julisonne in Reih und Glied auf dem Vorplatz des Bundespräsidialamts am Berliner Tiergarten. Polizisten haben die Passanten auf den gegenüberliegenden Gehweg verbannt. Niemand soll im Wege sein, wenn der schwarze Mercedes mit dem Kennzeichen O-1 erstmals mit Christian Wulff in die Zufahrt einbiegt.

Nach vier Wochen Vakanz hat Deutschland wieder einen Bundespräsidenten. Die Soldaten salutieren, als dieser vor die mit rotem Teppich bezogenen Stufen des Schlosses tritt. Für einen kurzen Moment spendet eine Wolke Schutz vor der Sonnenglut. Ein Offizier brüllt Befehle, dann erklingt die Nationalhymne. Wulff betritt seinen Amtssitz über einen Seiteneingang. Er hat einen anstrengenden Abend vor sich. Bis zu 5000 Gäste werden in seinem Schlossgarten das jährliche Sommerfest feiern. Bis dahin führe der Präsident Gespräche, heißt es aus seinem Stab.

Der heutige Freitag markiert das vorläufige Ende einer politischen Erschütterung, wie sie die Republik noch nicht erlebt hatte: Der völlig überraschende Rücktritt Horst Köhlers, die mühevolle Suche nach geeigneten Kandidaten, die neunstündige Zitterpartie bis Christian Wulff gewählt war, liegen hinter der Koalition. Heute soll wieder Normalität einkehren, hofft jedenfalls Schwarz-Gelb. Doch zuvor muss der neue Präsident in einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat im Reichstagsgebäude vereidigt werden.

Und der Mann, der den ganzen Trubel der vergangenen Wochen ausgelöst hatte, ist auch da. Im Plenarsaal des Bundestages sitzen auf vier Ehrenplätzen in allererster Reihe: Köhler, seine Frau Eva Luise, Christian Wulff – in dezentem Schwarz. Und neben ihm – im beigefarbenen Kostüm, seine 36-jährige Frau Bettina Wulff. Sie trägt Schuhe, die vorne so spitz wie Bleistifte aussehen.

Im Plenarsaal herrscht kurz völlige Stille. Dann spricht der Parlamentspräsident. Norbert Lammert würdigt Köhler und seine Frau Eva Luise. Der "kühl kalkulierende Ökonom" aus Schloss Bellevue habe oft Probleme jenseits der öffentlichen Wahrnehmung angesprochen. Er habe auch die Finanzkrise eher kommen sehen als andere Fachleute. "Kein bequemer Präsident" sei Köhler gewesen, sagt auch der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen, der als Bundesratspräsident vier Wochen lang als Staatsoberhaupt fungierte. Köhler sei ein "unabhängiger Kopf", womit Böhrnsen auch an dessen Kritik an der Regierungsarbeit oder dem internationalen Finanzmarkt erinnert.

Dann die Vereidigung. Das Plenum erhebt sich. Neun Jahre brauchte Christian Wulff, um Ministerpräsident in Niedersachsen zu werden, drei Wahlgänge bei der Präsidentschaftswahl. Beim Amtseid im Berliner Reichstag muss er zweimal ansetzen, weil das "ich" beim ersten Mal an die falsche Stelle im Satz rutscht. Christian Wulff, mit 51 Jahren ein junger Präsident, kann sich noch verbessern.

Anschließend schüttelt er die Hände von Kanzlerin Angela Merkel und von Vizekanzler Guido Westerwelle. Er tritt ans Rednerpult und blättert im Manuskriptmäppchen.

Wulffs Wahl weckte Wünsche: Etwa, dass er zäher als sein Vorgänger sei, der nach Kritik an einer Interviewäußerung zu Afghanistan genervt aufgab; dass er einen Funken der Strahlkraft und des Pathos’ seines Mitbewerbers Joachim Gauck entwickele. Oder dass er zumindest besser rede als Köhler.

Doch Wulffs Antrittsrede (Wortlaut hier)   ist eher die eines Ministerpräsidenten. Zwar hatte er die Erwartungen an diesen Auftritt gedämpft und immer wieder betont, dass er seine erste große Rede als Bundespräsident erst am 3. Oktober halten werde. Das heute im Bundestag sei lediglich eine "Antrittsrede". Er wolle bewusst, die Erwartungen im Vorfeld ein wenig rausnehmen, sagte Wulff. Ja, ausdrücklich "wehrte" er sich sogar dagegen, dass er mit den gleichen Maßstäben gemessen wird, wie seine Amtsvorgänger. Die hatten in der Regel ein paar Monate Zeit, sich auf die neue Rolle vorzubereiten. Wulff weiß erst seit Anfang Juni, dass er Präsident wird. 

Vermutlich hätte sein Kontrahent, Joachim Gauck, der heute auf der Zuschauertribüne sitzt, die Gelegenheit trotzdem genutzt, und sich an einer großen, geschichtsträchtigen Rede versucht. Wulff mag ein besserer Redner sein als sein Amtsvorgänger Horst Köhler. Gauck aber kann er rhetorisch das Wasser nicht reichen.

Manches brauche eben länger, sagt Wulff und erinnert an die Verhüllung des Reichstages durch Christo und Jeanne-Claude, der 25 Jahre Debatte voranging. Er präsentiert sich als Brückenbauer, als Kämpfer gegen Vorurteile. Er preist die kürzlich in Niedersachsen gewählte, türkischstämmige Integrationsministerin Aygül Özkan als deutsche Erfolgsgeschichte. Er will einen Bund von Einheimischen und Zugewanderten: "Wir dürfen nicht danach fragen, woher eine kommt, sondern, wohin er will." Er spricht von seiner Vision vom Miteinander der Kulturen und Mentalitäten, vom Mix "aus schwäbischer Gründlichkeit und italienischer Lebensart", bald vielleicht auch aus "rheinländischer Lebenskunst und chinesischer Bildungsbegeisterung". Er mahnt zu politischer Beteiligung und Anteilnahme, statt Parteien und Regierung nur zu kritisieren. Wulff liest von kleinen Blättern im Querformat, er spricht leicht monoton, in fast atemlosen, sich lange hinziehenden Sätzen.

Doch Wulff zeigt, dass er zu integrieren und überparteilich zu agieren vermag. Das kommt an: Mehrmals spenden sämtliche Fraktionen Applaus. Sogar die Linken klatschen, als er gleiche Bildungschancen für alle fordert und Deutschland als Integrationsland preist. Und die Linken trommeln mit den Füßen, als Wulff deren Präsidentschaftskandidatin Luc Jochimsen, wie Gauck, für den fairen Wahlkampf lobt.