Daten-Veröffentlichung Ministerien lehnen Internetpranger für freigelassene Straftäter ab

Unionspolitiker wollen Namen, Adressen und Fotos von freikommenden Schwerkriminellen im Internet veröffentlichen. Innen- und Justizministerium lehnen dies klar ab.

Die Bundesregierung lässt einzelne Unionspolitiker mit der Forderung nach einem Internetpranger abblitzen: Sie will die aus der Sicherungsverwahrung freikommenden 80 Schwerkriminellen nicht mit Namen, Adresse und Foto im Internet präsentieren. Dies sei "kein gangbarer Weg" zu mehr Schutz der Bevölkerung, sagten Sprecher von Bundesjustiz- und Bundesinnenministerium und verwiesen auch auf die Vorbehalte der Datenschützer. Nach dem ersten Eindruck sei dies "verfassungsrechtlich höchst problematisch". Im Übrigen sollten die Ängste der Bürger vor diesen Menschen nicht unnötig geschürt werden.

Gut 80 Schwerkriminelle müssen demnächst aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hatte moniert , dass sie noch zu einer Zeit verurteilt wurden, als die Sicherungsverwahrung noch auf maximal zehn Jahre befristet war. Die schwarz-gelbe Koalition streitet derzeit darüber, wie die Bevölkerung nun vor diesen Tätern wirksam geschützt werden kann.

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Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sagte im Radiosender NDR Info, die Sexualstraftäter müssten nach dem EGMR-Urteil nicht "automatisch freigelassen werden, denn das Bundesverfassungsgericht hat eindeutig die nachträgliche Sicherungsverwahrung als verfassungskonform bestätigt."

Auch Schünemann lehnte einen Internetpranger ab. Er verwies auf die USA, wo es "sogar Lynchjustiz" gegeben habe. Es gehe jetzt vielmehr um eine schnelle Reform der Sicherungsverwahrung, "damit die gefährlichen Straftäter auch weiterhin weggeschlossen bleiben".

Für einen Internetpranger sprach sich der CSU-Innenpolitiker Norbert Geis in der Bild aus. Zu einem besseren Schutz der Bevölkerung "kann auch ein Hinweis im Internet über den Wohnort von gefährlichen und immer noch frei herumlaufenden Sexverbrechern zählen".

Der CDU-Innenpolitiker Reinhard Grindel will rechtlich prüfen lassen, ob Name, Anschrift und Foto von Sexualstraftätern künftig auf Internetseiten der Polizei öffentlich gemacht werden können. Dem Kölner Stadt-Anzeiger sagte er: "Wir bräuchten dann aber eine einheitliche Linie in Bund und Ländern." Die Veröffentlichung von Daten im Internet sei aber "allenfalls die zweitbeste Lösung".

Eine Art Internetpranger für freigelassene Schwerkriminelle hatte am Wochenende der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, verlangt. "Ich will wissen, wenn ein Vergewaltiger in der Nachbarschaft meiner Enkelin wohnt", sagte er Bild am Sonntag .

Gegen einen Internetpranger wandte sich der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg. Das sei rechtlich nicht zulässig und "reine Effekthascherei", sagte er. Er verwies ebenfalls auf Fälle in den USA bis hin zu Lynchjustiz.

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) will die 80 freikommenden Schwerkriminellen, darunter viele Sexualstraftäter, in erster Linie durch eine elektronische Fessel überwachen . Zugleich arbeitet sie an einer grundsätzlichen Reform der Sicherungsverwahrung.

Schünemann sagte, eine solche Reform müsse sicherstellen, dass sie nicht mehr als Verlängerung der Strafe zu verstehen sei, wie dies der Gerichtshof moniert hatte, sondern eine Maßregel, die nicht nur auf das Wegsperren setze, sondern auch auf Besserung des Täters.

Der EGMR hatte im Dezember 2009 nicht die Sicherungsverwahrung im Grundsatz verworfen, sondern im Wesentlichen zwei Kernpunkte kritisiert. Zum einem sah er diese Form der Verwahrung als eine Fortsetzung der Strafe. Daher spricht jetzt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) von einer Sicherungsunterbringung, die nicht Gefängnis, aber auch nicht Luxuswohnung sein solle.

Zum anderen monierte der Gerichtshof, dass 1998 eine bis dahin geltende Befristung der Sicherungsverwahrung auf zehn Jahre aufgehoben wurde. Die 80 Täter, die noch unter den früheren Bedingungen verurteilt wurden, könnten nicht nachträglich länger weggesperrt werden. Sie müssten also auf der Grundlage einer neuen Regelung überwacht werden.

Das Innenministerium argumentiert, eine Sicherungsunterbringung würde die Bedenken des EGMR ausräumen und könnte eine Lösung sein sowohl für die 80 Altfälle als auch für die grundsätzliche Reform. Der SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy lehnt eine Überwachung von freigelassenen Schwerverbrechern durch eine elektronische Fußfessel ab. Der Vorschlag "wirkt hilflos und ist Unsinn", sagte er Handelsblatt Online .
 

 
Leser-Kommentare
  1. Unglaublich wie so etwas von einem CSU-Sicherheitsexperten kommen kann?? Ich bin fassungslos. Wie hat er sich dass denn vorgestellt, wie soll so jemand denn ein normales Leben führen können? Da fliegen doch nachts Backsteine in die Wohnung, Verachtung wo man nur hinsieht und von einem Job garnicht zu sprechen. Völlig an der Realität vorbei und menschenverachtender Vorschlag. Dennoch sollte die Gesellschaft vor diesen Menschen geschützt bleiben und zwar lebenslang.

  2. Wenn die Idee, die wohl eher der populistischen Profilierung dient, durch gegangen wäre, würde das nächste Urteil (vermutlich aus Karlsruhe) dem wieder ein Riegel vor schieben.

    Ergo: Viel heiße Luft um Nichts.

  3. "Für einem Internetpranger sprach sich der CSU-Innenpolitiker Norbert Geis in der Bild aus."

    A) Die CDU Wiedermal! Dieselbe CDU, die über div. Mitglieder immerwieder fordert Verfassungsgerichtsurteile zu missachten (Vorratsdatenspeicherung wird gebraucht), die Verfassung zu unterminieren (Flugzeuge abschiessen) und den Sozialstaat abzuschaffen (Hartz4, am besten noch halbieren)

    B) In der BILD. Klar, wo sonst kann man dem Stammtischproleten so schön zureden.

    [...]

    Bitte wählen Sie eine angemessenere Wortwahl. Die Redaktion/is

  4. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen und argumentierten Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wir leben aber nicht im mittelalter.
    zum anderen sollte man sich nicht auf das niveau eines stammtisch"politikers" begeben.
    solange zu dieser thematik keine klaren lösungsansätze vorgelegt worden sind darf gerne konstruktiv darüber geredet werden.
    alles andere ist unsinn.

    [...]

    Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die jeglichen Respekt vermissen lassen. Die REdaktion/is

    ist ihnen eigentlich bewusst, dass die todesstrafe mitnichten "kostengünstiger" ist als eine dauerhafte gefängnisstrafe?
    ich frage mich allen ernstes, worauf ihre argumentatsionskette aufgebaut ist.

    bei interesse hier nachzulesen:
    http://www.deathrow-usa.u...

    wir leben aber nicht im mittelalter.
    zum anderen sollte man sich nicht auf das niveau eines stammtisch"politikers" begeben.
    solange zu dieser thematik keine klaren lösungsansätze vorgelegt worden sind darf gerne konstruktiv darüber geredet werden.
    alles andere ist unsinn.

    [...]

    Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die jeglichen Respekt vermissen lassen. Die REdaktion/is

    ist ihnen eigentlich bewusst, dass die todesstrafe mitnichten "kostengünstiger" ist als eine dauerhafte gefängnisstrafe?
    ich frage mich allen ernstes, worauf ihre argumentatsionskette aufgebaut ist.

    bei interesse hier nachzulesen:
    http://www.deathrow-usa.u...

  5. wir leben aber nicht im mittelalter.
    zum anderen sollte man sich nicht auf das niveau eines stammtisch"politikers" begeben.
    solange zu dieser thematik keine klaren lösungsansätze vorgelegt worden sind darf gerne konstruktiv darüber geredet werden.
    alles andere ist unsinn.

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    überlegen, m.E., sind wir Mitbürger, die Gesellschaft, ja doch eben nicht mehr mittelalterlich geprägt!

    Mich würde ein Bürger, der, wenn er eine Wohnung will, sogar von sich aus ganz offen sagt, dass er hier Probleme hatte, deshalb eingesprerrt war, mehr imponieren und eher beruhigen, als einer, der das verheimlicht.
    Da würde man doch, ja, nur mehr auf seine Kinder aufpassen, etc., nicht aber diesem Menschen negativ begegnen. Er hatte oder hat ein Problem mit einer gewissen Wiederholungsgefahr, vor dieser Gefahr ist man eh nicht absolut sicher, also kann man, weil man dies nun also weiß, versuchen, sich damit zu arrangieren.
    Weiß man das nicht, dann geht das so eben nicht.

    Auf andere, bessere, Vorschläge - sehr gerne(!) - bin ich hier mal sehr gespannt.

    Nicht alles, was vom Volk, von größeren Teilen davon, begrüßt wird, muss deshalb doch schlecht sein!

    überlegen, m.E., sind wir Mitbürger, die Gesellschaft, ja doch eben nicht mehr mittelalterlich geprägt!

    Mich würde ein Bürger, der, wenn er eine Wohnung will, sogar von sich aus ganz offen sagt, dass er hier Probleme hatte, deshalb eingesprerrt war, mehr imponieren und eher beruhigen, als einer, der das verheimlicht.
    Da würde man doch, ja, nur mehr auf seine Kinder aufpassen, etc., nicht aber diesem Menschen negativ begegnen. Er hatte oder hat ein Problem mit einer gewissen Wiederholungsgefahr, vor dieser Gefahr ist man eh nicht absolut sicher, also kann man, weil man dies nun also weiß, versuchen, sich damit zu arrangieren.
    Weiß man das nicht, dann geht das so eben nicht.

    Auf andere, bessere, Vorschläge - sehr gerne(!) - bin ich hier mal sehr gespannt.

    Nicht alles, was vom Volk, von größeren Teilen davon, begrüßt wird, muss deshalb doch schlecht sein!

  6. Die Unionspolitiker, die diesen Vorschlag machen sind wohl von Ihrem Vorbildsland der USA inspiriert.
    Es stellt sich doch hier die Frage inwieweit jemand der einer demokratischen Partei angehört einen klaren Verstoß gegen das Grundgesetz in Kauf nimmt.
    Meines Erachtens gehört da die rote Karte gezogen oder ein Auwanderbefehl in Ihr bevorzugtes Land USA.
    Daß diese Straftäter nicht rückfällig werden, dafür ist der Staat verpflichtet, aber bitte nicht mit solchen Methoden.

  7. ... der aus den USA kommt, mitmachen? Ich bin relativ entsetzt über zustimmende Kommentare für einen 'online Pranger'. Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter. Übrigens, der europäische Gerichtshof hat nur etwas gegen eine nachträglich verhängte Sicherungsverwahrung ausgesagt, nicht jedoch gegen ein Gerichtsurteil mit anschließender Sicherungsverwahrung. Einige Täter würden Letzteres wohl vorziehen als von einem Mob, der Selbstjustiz übt, erschlagen zu werden.

  8. Wenn dann ein Großer Teil CDU Leute und Katholische Würdenträger in der Liste stehen dann wird dämlich geschaut. Der Lacher des Tages.

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