Sie sollen Kindern aus Hartz-IV-Familien Zugang zu Bildungs- und Freizeitangeboten ermöglichen: Gutscheine, wie sie Arbeitsministerin Ursula von der Leyen vorgeschlagen hat. Die Debatte darüber schlägt derzeit hohe Wogen. Bildungsministerin Annette Schavan unterstützt die Idee, ebenso Wirtschaftsweise, der Städtetag und mancher Sozialverband. Die CSU allerdings ist strikt dagegen. "Ein kollektives Misstrauensvotum gegen Langzeitarbeitslose" seien diese, argumentiert die bayerische Sozialministerin Christine Hadertauer mit Unterstützung ihres Chefs Horst Seehofer und befindet sich damit in seltener Allianz mit der Chefin der Linkspartei, Gesine Lötzsch.

Dabei geht es wohlgemerkt nicht darum, die Regelleistung durch Gutscheine komplett zu ersetzen. Geplant wird im Arbeitsministerium vielmehr, Kindern von Hartz-IV-Empfängern und möglicherweise auch solchen aus einkommensschwachen Familien zusätzlich zu dem Geldsatz einen Anspruch auf Bildungs- und Freizeitangebote zu gewähren, allerdings nicht in Form von Bargeld, sondern eben als Gutschein. Was das für die Regelsätze bedeutet, ob diese deswegen nicht doch auch niedriger ausfallen könnten als heute, dazu schweigt sich das Arbeitsministerium bisher aus.

Matthias Schulze-Böing ist ein Mann der Praxis. Er leitet das Jobcenter in Offenbach und ist Sprecher des Bundesnetzwerkes der Argen. Er befürwortet die Gutscheine. Zu oft schon hat er die Erfahrung gemacht, dass andernfalls zweckgebundenes Geld nicht zweckgebunden eingesetzt wird. "Gutscheine sorgen für Passgenauigkeit", sagt er wie alle, die für diese Lösung argumentieren. Das Geld komme dann tatsächlich bei den Kindern an. Aber stimmt das auch?

Ein Ort, an dem man schon bisher zumindest in Ansätzen studieren kann, wie ein solches Gutscheinsystem wirkt, ist die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart. Seit 2000 gibt es dort eine sogenannte Familiencard. Diese richtet sich allerdings keineswegs nur an Kinder von Sozialhilfeempfängern, sondern an alle Familien, deren Haushaltseinkommen 60.000 Euro brutto nicht übersteigt. 63 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren profitieren von dieser Leistung. Stigmatisierung muss schon aus diesem Grund niemand fürchten.

Das Guthaben auf der Karte ist jedoch eher bescheiden. Es beträgt 60 Euro im Jahr und wird von 240 Stellen akzeptiert, darunter Schwimmbädern, dem Zoo, Musikschulen, Sportvereinen und der Stadtbibliothek.

Für Hartz-IV-Empfänger, Einkommensschwache und ihre Kinder gibt es darüber hinaus eine Bonuscard. Anders als bei der Familiencard handelt es sich dabei nicht um eine Chipkarte mit Guthaben, sondern schlicht um einen Ausweis. Dieser verschafft weitere Vergünstigungen bei diversen Einrichtungen, aber auch beispielsweise für Landschulheimaufenthalte, das Schulessen, das mit der Karte nur noch einen Euro kostet, oder den öffentlichen Nahverkehr. Kindertagesstätten und Horte sind für Bonuscard-Inhaber zudem bis auf einen Essensbeitrag kostenfrei.

Der stellvertretende Leiter des Stuttgarter Jugendamtes, Heinrich Korn, ist überzeugt: "Die Bonuscard erreicht die Klienten". Wer sie nicht kennt oder die Leistungen nicht in Anspruch nimmt, wird vom Jugendamt oder auch von Kindertagesstätten, Schulen und Sozialarbeitern darauf hingewiesen.

Die Stuttgarter Erfahrungen zeigen aber auch, dass es vor allem die handfesten Angebote sind, die für die ärmeren Familien interessant sind. Die gebührenfreie Kinderbetreuung, das billige Mittagessen, der verbilligte Nahverkehr. Welche Leistungen darüber hinaus abgerufen werden, lässt sich nur an der Nutzung der Familiencard ablesen, die ja nicht nur Armen zur Verfügung steht.

Der allergrößte Teil der 3,7 Millionen, die die Stadt im vergangenen Jahr für diese Leistung aufgewendet hat, gehen an die Kur- und Bäderbetriebe. 36 Prozent aller Familiencard-Guthaben werden dafür genutzt. 22 Prozent fließen in die Kasse des Zoos, schulische Angebote wie der Aufenthalt in Landschulheimen haben einen Anteil von 18 Prozent. Sportvereine bringen es lediglich auf 8,4 und Musikschulen gar nur auf 0,25 Prozent.

Über die tatsächliche Nutzung geben diese Zahlen zwar nur bedingt Aufschluss. Schließlich wird nur erfasst, was tatsächlich mit der Karte bezahlt wird. Ob Ermäßigungen, die mit der Karte verbunden sind, genutzt werden, spiegelt sich in den Angaben nicht wieder. Auch wie die Bonuscard für Arme eingesetzt wird, ist aus dieser Aufstellung nicht abzulesen.