Bundeswehrreform Guttenberg kämpft für eine Rumpf-Armee

Geschrumpfte Truppe, freiwilliger Wehrdienst, Schnupper-Angebote: So will der Verteidigungsminister die Bundeswehr sehen. Die SPD warnt vor einer "Praktikanten-Armee".

Die geplante Bundeswehrreform wird konkret. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) will die Wehrpflicht aussetzen und die Bundeswehr um ein Drittel verkleinern. Bei einem Treffen mit den Experten der Koalitionsfraktionen kündigte er an, die Truppenstärke in den nächsten Jahren von derzeit 252.000 auf bis zu 163.500 Soldaten reduzieren zu wollen. Guttenberg präsentierte den Fachpolitikern insgesamt fünf Modelle, machte aber seine Präferenz unmissverständlich klar.

Die Rolle der Bundeswehr in der Nato will er nicht schwächen, sondern stärken und die Einsatzfähigkeit deutlich erhöhen. Derzeit kann der Bund nur 7000 bis 8000 Soldaten in Auslandseinsätze schicken.

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Nach der bisherigen Beschlusslage des Kabinetts soll die Reform bis 2014 rund 8,3 Milliarden Euro einsparen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat aber bereits deutlich gemacht, dass dieser Betrag noch schrumpfen könnte. Im Zuge der Sparbemühungen soll sich vor allem das Heer verkleinern. Der Minister wolle die größte Teilstreitkraft der Bundeswehr um 40.000 auf 54.500 Mann reduzieren, hieß es in einem Zeitungsbericht unter Berufung auf Pläne des Verteidigungsministeriums.

Die Wehrpflicht will Guttenberg im Grundgesetz verankert lassen. Die Bundeswehr solle aber keine jungen Leute mehr gegen ihren Willen einziehen. Der Verteidigungsminister plant stattdessen, einen freiwilligen "Schnupper-Wehrdienst" mit einer Länge von 12 bis 23 Monaten anzubieten. So will er Nachwuchs für die Berufsarmee rekrutieren. Auch Frauen sollen sich freiwillig melden können. Das Verteidigungsministerium geht in seiner Modellrechnung von 7500 Freiwilligen sowie 156.000 Berufs- und Zeitsoldaten aus.

In einem ersten Schritt der Reform hatte der Bund den Wehrdienst verkürzt. Er dauert seit Juli nur noch sechs Monate.

In der CDU stoßen die Pläne Guttenbergs auf Unbehagen. Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister forderte seine Partei zu einer gründlichen Debatte auf. Der Pflichtdienst für Männer habe der Armee gutgetan. Sie habe jedes Jahr Nachwuchs erhalten, den sie sonst nicht ohne weiteres bekommen hätte. Die Wehrpflicht zur Disposition zu stellen, "wäre schon eine Kursveränderung", sagte er. Die Wehrpflichtarmee könne mit einer Berufsarmee gut mithalten.

Der niedersächsische Regierungschef bedauerte auch die geplante Verkürzung des Wehrdienstes von neun auf sechs Monate.

Auch Hessens scheidender Regierungschef Roland Koch (CDU) warnte vor Änderungen an der Wehrpflicht: "Wir haben nur sehr wenig finanzielle Mittel, aber wir müssen die Bundeswehr in der Gesellschaft weiter fest verankern." CDU-Chefin und Kanzlerin Merkel will erst nach intensiver politischer Debatte entscheiden, wie ein Sprecher sagte. Die Kanzlerin sehe aber durchaus einen Ausgangspunkt für eine Reform und unterstütze neues Denken.

Die sicherheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Elke Hoff, zeigte sich im Unterschied zu de CDU-Vertretern zufrieden mit der Entwicklung. "Die Diskussion läuft für uns in die richtige Richtung", sagte sie. Sie erwarte aber von Guttenberg, dass er eine sicherheitspolitische Begründung für das Aussetzen der Wehrpflicht liefere. Wichtig sei bei der Reform, dass die Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber erhalten bleibe und in der Fläche ein sinnvolles System zur Nachwuchsgewinnung entstehe.

Auch die SPD will die Wehrpflicht im Grundgesetz erhalten, sie aber aussetzen, solange sich genügend Menschen für einen freiwilligen Wehrdienst melden. Dies bedeute, dass auch künftig alle jungen Leute zur Musterung müssten, sagte Parteichef Sigmar Gabriel. Er warnte Guttenberg jedoch, die Streitkräfte dürften auch nicht zu einer "Praktikanten-Armee" werden. Deshalb müsse der Dienst auch künftig zwölf Monate dauern.

Gabriel sprach sich auch für eine deutliche Aufwertung des Zivildienstes aus. Mit der von Guttenberg für Mitte nächsten Jahres geplanten Aussetzung der Wehrpflicht würde auch der Zivildienst wegfallen. Die Wohlfahrtsverbände haben bereits massive Bedenken angemeldet. Derzeit leisten knapp 50.000 junge Menschen Zivildienst. Spitzenreiter unter den Ländern ist Nordrhein-Westfalen mit 11.954, gefolgt von Bayern mit 6181 und Baden-Württemberg mit 6175 Zivildienstleistenden.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kritisierte die geplante Aussetzung der Wehrpflicht als halbherzig. Sie forderte einen endgültigen Abschied und stattdessen einen flexiblen, freiwilligen Kurzdienst für die Bundeswehr von 12 bis 24 Monaten für Frauen und Männer.

 
Leser-Kommentare
    • M.M.
    • 23.08.2010 um 16:22 Uhr

    Die Bundeswehr kann momentan bei einer Heeresstärke von 95 000 Mann bis zu 8000 Mann zu Einsätzen ins Ausland schicken.
    Und mit einem um 40 000 Mann verkleinerten Heer kommen dann mehr Soldaten für solche Einsätze zusammen ??

    Ich verstehe es nicht !!!!

    Bitte herzlich um Aufklärung seitens der hier im Forum üblicherweise versammelten "Abrüstungsexperten".

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    Die Bundeswehr nutzt den größten Teil ihres Apparates für die Ausbildung der Wehrpflichtigen.
    Die Wehrpflichtigen können in der Regel aufgrund der kurzen Verpflichtungsdauern nicht im Ausland eingesetzt werden, sie werden lediglich für den (extrem unrealistischen) Verteidigungsfall ausgebildet. Die Wehrpflicht ist heute schon nur eine Werbeveranstaltung, die Menschen dazu motivieren soll sich länger zu verpflichten.

    Der Bundeswehrapparat umfasst 250.000 Menschen, die aber zu einem großen Teil im Verwaltungsapparat beschäftigt sind. Auch hier nimmt die Betreuung der Wehrdienstleistenden wieder einen übergroßen Anteil ein. Noch dazu ist der Verwaltungsapparat hoffnungslos ineffizient.

    Weder die Einschränkung der Freiheit junger Menschen, noch die Kosten sind angesichts der Bedrohungslage und des Aufgabenspektrums der Bundeswehr gerechtfertigt.

    • joG
    • 23.08.2010 um 16:36 Uhr

    "die Truppenstärke in den nächsten Jahren von derzeit 252.000 auf bis zu 163.500 Soldaten reduzieren zu wollen. "

    Ich verstehe das so. Es gibt jetzt 252 Tausend Soldaten und davon 8.000, die auf Missionen gehen können. Das Missverhältnis scheint eigentlich so offensichtlich, dass man sich fragt, wie sukzessive Regierungen es übersehen konnten. Natürlich hat man lange geglaubt, man könnte weiterhin in dieser Hinsicht Trittbrettfahren und hat vielleicht daher den Glaubenssatz des Bürgers in Uniform hoch gehalten. Aber dennoch scheint das schon sehr verschwenderisch. 8 aus 252! Ohne Worte!

    Einen Wehrpflichtigen ins unbefriedete Ausland zu schicken, könnte evlt. als Totschlag ausgelegt werden; aber bei Berufssoldaten gehört so was im Prinzip zum Berufsrisiko. Es wäre also sogar möglich, irgendwann die gesamte Bundeswehr "zum Hindukusch" zu jagen --- und je länger ich darüber nachdenke..

    Angenommen man reduziert die Truppenstärke der Bundeswehr um 40.000 Mann, hat man viel mehr Geld zur Verfügung um mehr Soldaten der noch verbliebenen 54.500 im Ausland einzusetzen.

    Es fehlt taktisch und strategisch an allen Enden und Ecken mit verhehrenden Folgen für die Beteiligten, wie man beim großen verbündeten USA jetzt schon in aller Ausführlichkeit betrachten kann. Leider erfährt die Öffentlichkeit bei uns recht wenig von derartigen Vorgängen.

    Zur moralischen und rechtlichen Fragwürdigkeit der Auslandseinsätze kommt eine kaum zu überbietende Stümperhaftigkeit in der Ausführung.

    http://www.youtube.com/wa...

    Die Bundeswehr nutzt den größten Teil ihres Apparates für die Ausbildung der Wehrpflichtigen.
    Die Wehrpflichtigen können in der Regel aufgrund der kurzen Verpflichtungsdauern nicht im Ausland eingesetzt werden, sie werden lediglich für den (extrem unrealistischen) Verteidigungsfall ausgebildet. Die Wehrpflicht ist heute schon nur eine Werbeveranstaltung, die Menschen dazu motivieren soll sich länger zu verpflichten.

    Der Bundeswehrapparat umfasst 250.000 Menschen, die aber zu einem großen Teil im Verwaltungsapparat beschäftigt sind. Auch hier nimmt die Betreuung der Wehrdienstleistenden wieder einen übergroßen Anteil ein. Noch dazu ist der Verwaltungsapparat hoffnungslos ineffizient.

    Weder die Einschränkung der Freiheit junger Menschen, noch die Kosten sind angesichts der Bedrohungslage und des Aufgabenspektrums der Bundeswehr gerechtfertigt.

    • joG
    • 23.08.2010 um 16:36 Uhr

    "die Truppenstärke in den nächsten Jahren von derzeit 252.000 auf bis zu 163.500 Soldaten reduzieren zu wollen. "

    Ich verstehe das so. Es gibt jetzt 252 Tausend Soldaten und davon 8.000, die auf Missionen gehen können. Das Missverhältnis scheint eigentlich so offensichtlich, dass man sich fragt, wie sukzessive Regierungen es übersehen konnten. Natürlich hat man lange geglaubt, man könnte weiterhin in dieser Hinsicht Trittbrettfahren und hat vielleicht daher den Glaubenssatz des Bürgers in Uniform hoch gehalten. Aber dennoch scheint das schon sehr verschwenderisch. 8 aus 252! Ohne Worte!

    Einen Wehrpflichtigen ins unbefriedete Ausland zu schicken, könnte evlt. als Totschlag ausgelegt werden; aber bei Berufssoldaten gehört so was im Prinzip zum Berufsrisiko. Es wäre also sogar möglich, irgendwann die gesamte Bundeswehr "zum Hindukusch" zu jagen --- und je länger ich darüber nachdenke..

    Angenommen man reduziert die Truppenstärke der Bundeswehr um 40.000 Mann, hat man viel mehr Geld zur Verfügung um mehr Soldaten der noch verbliebenen 54.500 im Ausland einzusetzen.

    Es fehlt taktisch und strategisch an allen Enden und Ecken mit verhehrenden Folgen für die Beteiligten, wie man beim großen verbündeten USA jetzt schon in aller Ausführlichkeit betrachten kann. Leider erfährt die Öffentlichkeit bei uns recht wenig von derartigen Vorgängen.

    Zur moralischen und rechtlichen Fragwürdigkeit der Auslandseinsätze kommt eine kaum zu überbietende Stümperhaftigkeit in der Ausführung.

    http://www.youtube.com/wa...

  1. Die Bundeswehr nutzt den größten Teil ihres Apparates für die Ausbildung der Wehrpflichtigen.
    Die Wehrpflichtigen können in der Regel aufgrund der kurzen Verpflichtungsdauern nicht im Ausland eingesetzt werden, sie werden lediglich für den (extrem unrealistischen) Verteidigungsfall ausgebildet. Die Wehrpflicht ist heute schon nur eine Werbeveranstaltung, die Menschen dazu motivieren soll sich länger zu verpflichten.

    Der Bundeswehrapparat umfasst 250.000 Menschen, die aber zu einem großen Teil im Verwaltungsapparat beschäftigt sind. Auch hier nimmt die Betreuung der Wehrdienstleistenden wieder einen übergroßen Anteil ein. Noch dazu ist der Verwaltungsapparat hoffnungslos ineffizient.

    Weder die Einschränkung der Freiheit junger Menschen, noch die Kosten sind angesichts der Bedrohungslage und des Aufgabenspektrums der Bundeswehr gerechtfertigt.

    Antwort auf "Wie bitte ?????"
  2. 6. @ JoG

    Dies dürfte dem Grundsatzt der Verteidigungsarmee geschuldet sein. Deutschland soll ja keine Angriffskriege führen und so wurde warscheinlich lange davon ausgegangen das man nur wenige Soldaten für den Auslandseinsatzt braucht.
    Nun ist die weltweite politische Lage aber anders als zu dem Zeitpunkt des entstehens dieses Grundsatztes, so das auch ohne Angriffskriege man Soldaten für den Auslandseinsatzt benötigt.

    Antwort auf "Da stand doch..."
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    • joG
    • 24.08.2010 um 10:10 Uhr

    ...aber seit den 70ern drängen die Alliierten darauf, dass sich Deutschland mehr einbringt in den Erhalt der internationalen Sicherheit. Damals lief das unter Burden Sharing. Deutschland sträubte sich gegen die Kosten. Seit '89 ist es klar, dass diese nicht länger abwendbar sein würden. Aber man hat weder die Bevölkerung darauf vorbereitet noch hat man die notwendigen fiskalischen Maßnahmen ergriffen. So ist man unter massiven Druck seiner Alliierten nun geraten, die offen über Trittbrettfahrer und Feigheit zu sprechen begonnen haben.

    • joG
    • 24.08.2010 um 10:10 Uhr

    ...aber seit den 70ern drängen die Alliierten darauf, dass sich Deutschland mehr einbringt in den Erhalt der internationalen Sicherheit. Damals lief das unter Burden Sharing. Deutschland sträubte sich gegen die Kosten. Seit '89 ist es klar, dass diese nicht länger abwendbar sein würden. Aber man hat weder die Bevölkerung darauf vorbereitet noch hat man die notwendigen fiskalischen Maßnahmen ergriffen. So ist man unter massiven Druck seiner Alliierten nun geraten, die offen über Trittbrettfahrer und Feigheit zu sprechen begonnen haben.

  3. "einen freiwilligen Schnupper-Wehrdienst" Man möchte auf die Knie fallen, so gut ist diese Vorstellung :
    Hindernisbahnen bestehend aus Sandkästen, Swimmingpool und Wellnesbereich, dienstlich begleitetes Komatrinken und wenn der Abend dämmert wird die ganze Bande mit'm SPZ Marder ins Bettchen gebracht. Dürfen die zukünftigen Schnuppersoldaten denn schon mit richtigen Gewehren Wache schieben? Oder tut's für den Anfang auch so eine dieser Farbkugelwaffen: "Peng Du bist tot!" ---
    Und beim Test der Gasmasken wird man den Blähungen des Spiesses ausgesetzt, oder wäre das gegen die Genfer Konvention?

  4. Der Wegfall des Zivildienst wäre eine gewaltige Beschäftigungschance für die vielen Menschen, die heute nicht am Erwerbsleben teilnehmen können.
    Endlich könnten wir dann den Erwerbslosen eine Möglichkeit bieten ihre Produktivität der Gesellschaft sinnvoll anzubieten.

    Es heißt dann zwar sicher von einigen: "Wir können doch keine Hartz 4 Empfänger auf Pflegebedürftige loslassen."
    Ich glaube, dass das vor allem in den neuen Bundesländern, wo auch viele Gutgebildete arbeitslos sind, nicht zutreffend ist.

    Antwort auf "Trauer um Zivildienst"
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    • cvnde
    • 23.08.2010 um 17:23 Uhr

    Man kann nicht wahllos Bezieher von ALG2 in den Pflegebereich stecken. Denn das sind aufreibene Tätigkeiten, die nicht jeder Mensch einfach so wegsteckt.

    Wenn sie das machen, werden sie erreichen, dass viele Menschen, die vorher zum Teil sicher auch in "stressigen" Berufen tätig gewesen sind, zusammenbrechen werden, weil Sie alleine die "kontaktüberflutung" nicht aushalten. Wenn sie sich auf einaml anstatt mit maximal zehn Menschen am Tag mit 20 oder 40 Menschen auseinandersetzen sollen, die dann auch noch sehr "mitteilungsbedürftig" sind, dann kann es durchaus sein, dass Sie innerhalb einer recht kurzen Zeit stark rehabilitationsbedürftig sind.

    • cvnde
    • 23.08.2010 um 17:23 Uhr

    Man kann nicht wahllos Bezieher von ALG2 in den Pflegebereich stecken. Denn das sind aufreibene Tätigkeiten, die nicht jeder Mensch einfach so wegsteckt.

    Wenn sie das machen, werden sie erreichen, dass viele Menschen, die vorher zum Teil sicher auch in "stressigen" Berufen tätig gewesen sind, zusammenbrechen werden, weil Sie alleine die "kontaktüberflutung" nicht aushalten. Wenn sie sich auf einaml anstatt mit maximal zehn Menschen am Tag mit 20 oder 40 Menschen auseinandersetzen sollen, die dann auch noch sehr "mitteilungsbedürftig" sind, dann kann es durchaus sein, dass Sie innerhalb einer recht kurzen Zeit stark rehabilitationsbedürftig sind.

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