Buchvorstellung : Wie Sarrazin sich selbst erklärt

Ein neuer Geert Wilders will Thilo Sarrazin nicht werden. Anlass zur Selbstkritik sieht er bei seiner Buchvorstellung allerdings auch nicht.
Thilo Sarrazin präsentiert sein neues Buch © Soeren Stache dpa

Wenn sich Bundesbankvorstandsmitglied Thilo Sarrazin über eines derzeit nicht beschweren kann, dann ist es mangelndes Interesse. Seit etwa einer Woche erregt der "Klartext-Politiker" (Bild-Zeitung) die deutsche Öffentlichkeit mit seinem neuen Buch Deutschland schafft sich ab. Dabei ist es noch gar nicht erschienen.

Seit mehreren Tagen jedoch ist es nicht nur in Auszügen, sondern zumindest den Rezensenten der großen Medien auch in ganzer Länge bekannt. Und dennoch erlebt die offizielle Vorstellung am Montagvormittag im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin einen Ansturm, wie er selbst der Kanzlerin bisher nur selten gegönnt gewesen sein dürfte. 

So eng besetzt ist der Raum, dass Thilo Sarrazin sich nur mühsam seinen Weg zwischen Journalisten, die keinen Platz mehr bekommen haben, und Kameras vor zum Podium bahnen kann. Zehn Minuten etwa dauert es dann noch einmal, bis das Klicken der Fotoapparate verstummt.

Der Andrang – er dürfte für den für seine Eitelkeit bekannten Mann, der wie stets einen mausgrauen Anzug mit dezent gestreifter Krawatte trägt, und durch seine dunkelbraune Hornbrille ernst durch den Raum blickt, durchaus eine Genugtuung sein. Dass er vor der Tür von etwa 200 Demonstranten ausgepfiffen wurde, wird er da verschmerzen können.

Gleichwohl befindet sich Thilo Sarrazin an diesem Vormittag keineswegs in einer kommoden Lage. Während er vor den Journalisten auf dem Podium sitzt, beschließt das SPD-Präsidium ein paar Kilometer weiter, ein Parteiausschlussverfahren gegen den Ex-Finanzsenators von Berlin einzuleiten.

Die Kanzlerin persönlich hat ihn bereits am Vortag mit scharfen Worten gerüffelt und die Bundesbank aufgefordert, sich ihrer Vorbildwirkung bewusst zu werden. Deren Chef wiederum distanziert sich am Nachmittag von seinem Vorstandsmitglied, dessen Äußerungen "der Bundesbank schweren Schaden" zugefügt hätten. Ein außerordentlicher Vorgang, auch wenn auf einen Abwahlantrag vorerst verzichtet wird und stattdessen nun das "Gespräch mit Sarrazin" gesucht werden soll.

Wenn dieser ob des wachsenden Drucks nervös sein sollte, dann ist ihm das an diesem Vormittag jedenfalls noch kaum anzumerken. Ob er damit rechne, in einem Jahr noch Mitglied im Vorstand der Bundesbank zu sein, wird er gefragt. "Wenn ich angesichts ihrer Fragen keinen Herzinfarkt erleide, gehe ich davon aus", erwidert er in bekannter Schlagfertigkeit. 

Erklären will sich Sarrazin dann aber doch, auch wenn er – anderes war es wohl nicht zu erwarten – keinen Grund zur Selbstkritik sieht. Aus echter Sorge um die Zukunft des Landes habe er diese Debatte angestoßen, die für ihn nun zunehmend zu einem politischen und beruflichen Risiko wird, sagt er. In allen seinen beruflichen Tätigkeiten sei es ihm stets darum gegangen, die Gesellschaft krisenfester zu machen.

In zehn Kernthesen fasst er dann sein Buch zusammen, das grob gesprochen davon handelt, dass die Deutschen nicht nur weniger, sondern dümmer werden, weil die Unterschicht zu viele Kinder bekommt.

Die Zuwanderer wiederum, glaubt Sarrazin, könnten dies nicht ausgleichen, denn seiner Meinung nach kommen vor allem die Falschen. Bildungsferne Menschen nämlich, die zwar ebenfalls viele Kinder bekommen, aber diesen nicht den Intelligenzquotienten vererben, der notwendig wäre, um Deutschlands Zukunft zu sichern, und die zudem durch ihren islamischen Hintergrund besonders integrationsunfähig seien.

Die NPD hat sehr wohlwollend auf diese Äußerungen reagiert, Sarrazin selbst hält sich gleichwohl nicht für gefährdet, rassistischen Einstellungen Vorschub zu leisten. Als Kronzeugin hat er die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek mitgebracht. Diese, selbst Kind türkischer Einwanderer, bescheinigt dem Ex-Senator denn auch, dass der Vorwurf, sein Buch sei biologistisch oder gar rassistisch, auf Unkenntnis beruhe.

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Kommentare

138 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Erstaunlich ist,

dass es in Deutschland soviele Menschen gibt die Sarrazins Position sogar verteidigen.Aber was will man in einem Land auch erwarten dass ernsthaft genug Geld und Muße übrig hat um Bücher von Dieter Bohlen und Eva Herrmann zu kaufen und zu diskutieren?
[...]

Anmerkung: Bitte bleiben Sie trotz Ihrer Kritik bei einer sachlichen und differenzierten Diskussionsweise und äußern Sie sich konkret zum Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/km

Was wirklich erstaunlich ist

Immer dasselbe, wenn jemand etwas sagt, dass mit bestimmten Schlagworten verbunden ist.
Denn solche Aussagen werden von einer bestimmten Klientel immer in eine Richtung interpretiert, egal was gesagt wurde.
Das ist ausgesprochen dämlich und bestätigt eher Sarrazins Thesen.
Dabei wird von niemanden, wirklich niemandem der einen Einblick in das Buch hatte die Faktenlage, die 80% des gesamten Buches ausmachen in Frage gestellt.
Und selbst die Schlussfolgerungen sind auf Basis dieser Fakten nur sehr schwer in Frage zu stellen, aber auf keinen Fall unseriös.

Fast sämtliche Angriffe beruhen auf Unerstellungen, was Sarrazin gemeint haben müsste.
Wobei er auf Nachfragen durchaus diese Interpretationen glaubwürdig bestreitet.
Selbst die einzige seriöse Kritik die ich gelesen habe, in der FAZ von Frank Schirrmeier, scheint nach einem Interview in der selben Zeitung eine Fehlinterpretation zu sein.

Sarrazin hat nie einen Zusammenhang zwischen Abstammung und Intelligenz behauptet, wer das unterstellt lügt oder ist der deutschen Sprache nur oberflächlich mächtig.
Man könnte gewisse Aussagen in diese Richtung interpretieren, was aber eben durch sein Interview klargestellt wurde.

Womit sensationheischende Bildzeitungsdemokratie als Motiv für den Hyp übrig bleibt.
Gabriel und Konsorten brauchen halt dringend einen Bösewicht zur Selbstdarstellung, die Ihn im positiven Lichte darstellt.
Da kann man eine Auseinandersetzung mit der Realität nicht gebrauchen.

H.

87% Zustimmung zu seinen Thesen...

...generiert eine ARD-Befragung zu Plassbergs morgiger Sendung "Hart aber fair", bei der auch Sarrazin zu den Gästen zählt. Ob das alles nur irregeleitete Dummköpfe sind wage ich zu bezweifeln. Sarrazin ist es jedenfalls nicht - im Gegenteil. Ihm gebührt das Verdienst, ein Problem konsequent zu bearbeiten dessen Kenntnisnahme die Politik bisher ebenso konsequent verweigert hat. Daß er die Prügel dafür ungerührt einzustecken bereit ist dafür gehört ihm eigentlich das Bundesverdienstkreuz - mindestens aber ein ordentliches Schmerzensgeld. An dem ich mich durch den Kauf seines Buches etwas beteiligen werde.

Wenn ich Statistiken betrachte, sehe ich keine Menschen...

..sagte TS in der Pressekonferenz.
Das scheint generell das Problem mit ihm zu sein.
Er zieht Zahlen den Menschen vor und wenn er denn
Menschen betrachtet, dann mit den Augen eines
Statistikers.
Da bleibt vieles auf der Strecke..an Menschlichkeit und
an kreativen Lösungen...

Sind Sie vielleicht auch in der Lage...

...irgendwie Logik in Ihren Kommentar einfliessen zu lassen?
Allein dieser Begriff "Gutmensch" :)
Soll diese neue Wortkreation Menschen diffamieren, die sich bemühen, dem alltäglichen Zynismus etwas wie Menschlichkeit gegenzuhalten ?
Die Kopftuchmädchen in Afghanistan haben übrigens
ebenso ein Recht auf Menschlichkeit, Fürsorge und Respekt,
wie unsere Zopfmädchen hier.
Mit einer christlichen, abendländischen Ethik die es doch
angeblich zu bewahren gilt, hat das alles nichts zu tun.
Kalter, zynischer Sozialdarwinismus..weiter nichts.

Humanitarismus 2

Und prompt bekamen Sie eine passende Antwort.

"Humanitarismus, der zwischen dem Individuum und der Menschheit, zwischen dem Bürger - und dem Menschenrecht keine Unterscheidung mehr kennt."

Ist das denn so schwer zu begreifen, daß sich Herr Sarrazin als Patriot Sorgen um Deutschlands Zukunft macht ?
Was ist da im Westen schief gelaufen, daß Viele offensichtlich nicht in der Lage sind, politisch zu denken ?

Statisitk macht Trends und Muster deutlich,

die jenseits des Individuellen wirken. Sie hilft, hinter lauter Bäumen den Wald zu sehen. Dabei schließt sie nicht aus, dass es Individuen gibt, für die der statistisch gesicherte Zusammenhang nicht gilt. Dessen ist sich Sarrazin bewusst. Aber sie sind eben nicht typisch für die Grundgesamtheit, auf die sich der statistisch gesicherte Zusammenhang bezieht.

@ # 69 XDenker

Aber gerade bei Statistiken gilt die Fragestellung:

Ist die Statistik repräsentativ und gab es auch ausreichende Alternativfragen/-antworten?

Wer hat sie erhoben?

Welches sind die Intentionen der Erhebung und welche Methoden wurden angewandt?

Zudem ist von Statistiken ja bekannt, dass sie zwar Korrelationen aufzeigen können, es aber immer recht schwierig ist, von einer Wirkung auf eine bestimmte Ursache zu schließen. Und Manipulationen sind gerade hier nicht auszuschließen.

Transparenz ist also auch bei Statistiken oberstes Gebot.

Gruß
Janna

Fragen und Antworten?

Nicht immer geht es bei Statistiken um Fragen un Antworten. Zum Beispiel kann man den Bildungserfolg muslimischer Zuwandererkinder und nicht-muslimischer Zuwandererkinder der ersten, zweiten und dritten Generation statistsich erfassen (z.B. die Schulabschlüsse) und die Ergebnisse vergleichen.

Dabei kommt laut Sarrazin heraus, dass sich die Ergebnisse für die erste Generation gleichen, während sie sich für die nachfolgenden Generationen zu ungunsten der Kinder muslimischer Einwanderer zunehmend auseinander entwickeln.

Sarrazins Schlussfolgerung daraus ist, dass der relative statistische Misserfolg der Kinder muslimischer Einwandererfamilien gegenüber den Kindern nicht-muslimischer Einwandererfamilien deswegen nicht am Bildungssystem liegen kann, sondern milieubedingt sein muss.

@ # 73 Xdenker Nein, auch Fragestellungen und Interpretationen

Mit ausreichenden Alternativfragen/bzw. -antworten meine ich nicht explizit und ausschließlich Fragen und Antworten aus Umfragen.
Was ich meine, sind auch die eigenen Fragestellungen derjenigen, die eine Statistik aus einem bestimmten Grund heraus erheben, weil zum Beispiel ein gesellschaftliches Ungleichgewicht ausgemacht wurde und nun die Ursachen dafür erforscht werden sollen. Dabei sollten eigene Fragestellungen als Grundlage für die Erhebung vorher bedacht werden, denn, davon ausgehend, ergeben sich die möglichen Schlussfolgerungen. Da es aber immer schwierig ist, von einer Wirkung (in meinem Beispiel ein gesellschaftliches Ungleichgewicht) auf eine bestimmte Ursache zu schließen, kann eine falsche oder unzureichende Fragestellung auch zu falschen oder unzureichenden Antworten und im schlimmsten Fall zu absurden Schlussfolgerungen führen. Gleiches gilt für denjenigen, der bereits vorhandene Statistiken, ausgehend von eigenen Intentionen und Fragestellungen, benutzt, um sie anschließend für seine eigenen Zwecke und evtl. zur Bestätigung seines Welt- und Menschenbildes für sich selbst und andere zu interpretieren.

Immer sollte erkennbar sein, ob eine bestimmte Absicht und wenn ja, welche, mit der Erhebung bzw. Interpretation einer Statistik verfolgt wird. Da Statistiken in der Regel lediglich Korrelationen aufzeigen, sollte die Auswertung der Daten besonders sorgfältig und evtl. unter Vorbehalt und mit alternativen Antwortmöglichkeiten erfolgen.

Gruß
Janna

Mein Kommentar # 96 war eine Antwort auf Ihren Kommentar # 73,

in dem Sie u. a. schrieben:

"Nicht immer geht es bei Statistiken um Fragen und Antworten." [...] Und weiter schrieben Sie: "Sarrazins Schlussfolgerung daraus ist, dass der relative statistische Misserfolg der Kinder muslimischer Einwandererfamilien gegenüber den Kindern nicht-muslimischer Einwandererfamilien deswegen nicht am Bildungssystem liegen kann, sondern milieubedingt sein muss."

Bei Statistiken geht es immer um Fragen bzw. Fragestellungen und Antworten bzw. Schlussfolgerungen, weshalb sonst werden sie erstellt? Herr Sarrazin bemüht Statistiken, Herr Sarrazin schlussfolgert. Aber schlussfolgert Herr Sarrazin auch richtig oder gibt es alternative Deutungsmöglichkeiten? Es könnte sich ganz allgemein auch um rein technische Umsetzungsfehler in unserem Schulsystem handeln, das es nicht schafft, z. B. die Schulen/Schulklassen so zu besetzen, dass z. B. nicht Deutsch sprechende Kinder nicht in der Überzahl sind (s. mein Kommentar # 64 als Anregung), oder eine ausreichende Anzahl von Lehrern zur Verfügung zu stellen und die Kinder direkt in den Schulen individuell zu fördern - u. a. Angebote von Deutschkursen in den Schulen usw. Stattdessen wird vielfach Nachhilfe und damit auch Verantwortung an private Institutionen bzw. die Eltern selbst ausgelagert. Die Steigerung davon nennt sich nun Bildungs-Chipkarte. In den Schulen selbst muss für die schulische Bildung gesorgt werden, egal, ob die Eltern Analphabeten sind oder Akademiker, wozu sonst sind Schulen da?

Gruß
Janna