Die Sozialdemokraten grollen mit ihrem Genossen Thilo Sarrazin. Ein Ausschlussverfahren wird eröffnet. Dabei findet sich der genetisch-biologistische Ansatz, der in Sarrazins Auffassungen mindestens mitschwingt, durchaus prominent in der sozialdemokratischen Geschichte wieder.

In den 1920er Jahren waren gerade Sozialdemokraten entschiedene Eugeniker. Das war weder völkisch noch rechts oder gar reaktionär gemeint, sondern verstand sich geradezu als Imperativ von Aufklärung und Progressivität, galt als wesentlicher Beitrag für eine planvoll herbeigeführte Gesellschaft der Gleichen, Glücklichen und eben – Gesunden. Es war ein Beitrag zum "Neuen Menschen" der sozialdemokratischen Zukunftsgesellschaft.

Der Nestor dieses sozialdemokratischen Konzepts war der Arzt Alfred Grotjahn, der erste Sozialhygieniker Deutschlands, Professor an der Berliner Universität, eine Zeit lang ihr Dekan. Für die SPD saß er als Abgeordneter im Reichstag. Und für ihr Görlitzer Programm von 1921 verfasste er den gesundheitspolitischen Teil. Grotjahn arbeitete auch schriftstellerisch unentwegt an Fragen der Fortpflanzung, wollte krankheitsanfällige "Volksteile" durch sozialhygienische Therapien, Sterilisation oder Dauerasylierung planmäßig von der Reproduktion ausschließen.

Überdies sorgte er sich um den Bestand der "kulturtragenden Bevölkerung", der ihm bei einem weiteren Rückgang der Geburten ernsthaft gefährdet schien. Gerade dem Sozialismus drohten nach Auffassung Grotjahns – hier im Muster ganz ähnlich wie heute Sarrazin – von der Beschränkung der Kinderzahlen Gefahren: die bewusst klein gehaltene sozialistisch-proletarische Familie gerate auf diese Weise gegenüber der christlichen Familie auf Dauer ins Hintertreffen. Damals fürchtete man sich vor der Geburtenfreudigkeit der Christen, vor allem der Katholiken; heute beunruhigt der vermeintliche Geburtenreichtum der Muslime.

Auf den Tagungen sozialdemokratischer Ärzte ging es in jener Zeit ebenfalls ganz und gar eugenisch zu. Man war schon damals um den Volksbestand besorgt, plädierte für kinderreiche Familien, glaubte mit der Eugenik über eine vorzüglich gesellschaftsverbessernde Methode zu verfügen, um beim menschlichen "Artprozess" durch ärztlich-hygienische Überwachung die Aufzucht körperlich und geistig hochwertiger Individuen systematisch fördern und die Fortpflanzung weniger gesunder Familien ebenso planmäßig verhindern zu können. In solchen Ansprüchen vereinigte sich der Ehrgeiz eugenischer Orientierungen mit den weitreichenden Machbarkeits- und Steuerungspostulaten, den Rationalisierungs- und Effizienzversprechungen der Moderne, eben auch des Sozialismus.

Vielleicht am stärksten entwickelte man solche Vorstellungen im durch und durch sozialdemokratischen Schweden, wo sich das sozialarchitektonische Sozialingenieursprojekt mit den eugenischen Vorstellungen zum Konzept der "prophylaktischen Sozialpolitik" verband. Die Protagonisten damals waren die sozialdemokratischen Vordenker Alva und Gunnar Myrdal. Auch hier interessierte nicht die Würde der (möglicherweise unzulänglichen) Einzelnen, auch nicht unbedingt Rasse oder Volk, so aber doch die Qualität von Gemeinschaft, die gesunde Substanz des Kollektivs, des "Volksheims", wie in Schweden die sozialdemokratische Solidargemeinschaftlichkeit benannt wurde.

Auch die Myrdals fürchteten sich vor der Überalterung der Gesellschaft, beschworen – wie jüngst die Berliner Historikerin Ann-Judith Rabenschlag prägnant herausgearbeitet hat – die "Vergreisung des Volkskörpers" und eine "Flutwelle intellektuelle Senilität im sozialen Leben". Das Ehepaar Myrdal forderte deshalb: "Die unmittelbare Aufgabe der prophylaktischen Sozialpolitik ist es, ein besseres Menschenmaterial zu schaffen." Natürlich hatte man zuvörderst – wie in allen Konzepten sozialdemokratischer Vorsorge – in Kinder und Bildung zu investieren, dabei aber streng darauf zu achten, weniger reife Bevölkerungsteile an starker Fortpflanzung zu hindern. Ein Recht auf Kinder dürfe man denen keinesfalls koinzidieren. Denn in den modernen Arbeitsprozessen komme es auf Schnelligkeit, Rationalität und Effizienz an; da könne man sich eine "minderwertige Bevölkerungsqualität" nicht leisten.

 

Vieles von diesen Überlegungen floss in das Buch der Myrdals Die Krise der Bevölkerungsfrage 1934 ein. Im gleichen Jahr verabschiedete die sozialdemokratische Regierung eines der ambitioniertesten Eugenikprogramme überhaupt. Hierzu gehörten auch staatliche Sterilisationsbefugnisse. Selbst minderjährige Mädchen, die Tanzvergnügen nicht widerstehen konnten, mussten mit Zwangssterilisation rechnen.

Es handelte sich dabei keineswegs um eine nur temporäre Zeiterscheinung der 1920er oder 1930er Jahre. Das sozialdemokratische Eugenikprogramm blieb bis Mitte der 1970er Jahre gültig. Bis dahin verzeichnete die staatliche Gesundheitsbilanz rund 60.000 Sterilisationen. Auch in Dänemark und Finnland blieb die gesetzliche Grundlage der Eugenik bis in die 1960er beziehungsweise späten 1970er Jahre erhalten. In der moderneren Variante der Eugenik steht seither nicht mehr die Sterilisation im Zentrum, sondern die gentechnologische Einflussnahme auf das Erbmaterial zwecks Gesundheits- und Intelligenzoptimierung beim Nachwuchs.

Gunnar Myrdal im Übrigen gehörte Mitte der 1940er Jahre als Minister der schwedischen Regierung an, 1970 bekam er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seine Frau Alva erhielt zwölf Jahre später den Friedensnobelpreis.

Thilo Sarrazin wird derartige reputierliche Preise gewiss in seinem Leben nicht mehr erhalten. Auch in seinen Thesen geht es wieder und wieder um Optimierung, Effizienzsteigerung, Zukunft, Exzellenz, eben: um Eliten – und ihrer planmäßig vorsorgenden Herstellung; natürlich auch um gesteuerte Migration.

Übrigens auch in Teilen der SPD, wo – zuletzt am Wochenende auf der Klausurtagung eines Kreisverbandes – Gunnar Heinsohn zum Referat gebeten wurde. Der umstrittene Wissenschaftler zieht bereits seit einiger Zeit durchs Land, um vor weiteren Geburtsanreizen für leistungsferne Bevölkerungsteile zu warnen und daher Sozialunterstützungen auf fünf Jahre begrenzt sehen möchte.

Der Autor ist Parteiforscher und lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen.