Das weiße, mit Kunststoff überzogene Schild glänzt im Scheinwerferlicht. "Seibert", steht darauf. Es steht in der Mitte des wohl meist fotografierten und gefilmten Podiums Deutschlands, im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. Jeder heute -Zuschauer kennt den hellblauen Hintergrund, das helle Holz, hinter dem die Kanzlerin bei Pressekonferenzen sitzt, wo die Pressesprecher der Bundesministerien und der Regierung dreimal in der Woche die Fragen der Journalisten beantworten.

Und jeder heute -Zuschauer kennt das Gesicht des Mannes, der heute einen der härtesten Jobs antritt, die momentan in Deutschland zu vergeben sind: Steffen Seibert, bis vor Kurzem noch Nachrichtenmoderator beim ZDF, ist nun Sprecher der Bundesregierung. An diesem Montag ist er zum ersten Mal in der Bundespressekonferenz.

In Zeiten streitender Koalitionäre, sinkender Umfragewerte der Union und der einhelligen Meinung, Merkel sei schwach wie nie, steht Seibert eine fast unmögliche Mission an: Er soll den Deutschen ein positives Bild der Regierung verkaufen.

"Da kommt der Bundeskanzler", sagt ein Journalist spöttisch, als Steffen Seibert den Raum betritt. "Was für ein Bohei", antwortet jemand. "Herr Seibert, Herr Seibert", rufen die Fotografen, die sich vor ihm drängen. Und der Neue lächelt nach vorn, lächelt nach links und rechts.

"Herzlich willkommen in diesem Saal, in dem Sie künftig als unser Gast manche Stunde verbringen werden", sagte Werner Gößling, Vorstandsvorsitzender der Bundespressekonferenz. Seibert sieht so tadellos gestylt aus wie im Fernsehen: seriöser dunkler Anzug, rote Krawatte. Nur eine Haarsträhne liegt quer auf der Stirn. Das hätte eine Stylisten vor einer TV-Sendung sicher glatt gestrichen. Aber die Zeiten im Fernsehstudio sind vorbei, vor Kameras steht Steffen Seibert die nächsten Jahre dennoch.

Seibert ist der vierundzwanzigste Regierungssprecher in der Geschichte der Bundesrepublik - der vierte, der davor beim ZDF gearbeitet hat. Für einen Journalisten ist der Wechsel in das Bundespresseamt nicht irgendein neuer Karriereschritt. Es ist ein Wechsel auf die sogenannte "andere Seite". Ein Rollentausch vom Fragenden zum Antwortenden. Vom Aufklärer zum Verklärer. Denn ein Sprecher hat immer die Aufgabe, seinen Dienstherren besser darzustellen, als die Realität eigentlich ist. Und wenn die Lage dafür einfach zu schlecht ist, bleibt die wichtigste Kunst, mit vielen Worten nichts zu sagen.

Merkels neuer Sprecher gehörte nicht wie viele Vorgänger zur Hauptstadtpresse. In den vergangenen Jahren arbeitete er in Mainz. Als Volontär begann er 1988 beim ZDF und blieb ihm 22 Jahre als Redakteur, Korrespondent und Moderator treu. "Ich habe bis vor wenigen Wochen eine andere Rolle gespielt. Und auch nicht geglaubt, dass ich jemals diese spielen würde", sagt Seibert. Mit dem Ruf in die Hauptstadt hatte er nicht gerechnet. "Große Überraschung, gar keine lange Überlegung, ein Gespräch mit meiner Frau, mit heißem Herzen zugesagt", fasst der 50-Jährige im Stakkato zusammen. Er muss sich nun daran gewöhnen, dass sein Leben im Minutentakt durchgeplant ist.