Wehrpflicht Ministerin Schröder setzt auf freiwillige Zivis

Wenn der Bund die Wehrpflicht aussetzt, werden Zehntausende Zivis fehlen. Familienministerin Schröder schlägt einen Freiwilligendienst vor. Doch es gibt bereits solche.

Fiele die Wehrpflicht weg, wie es Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) will, verlöre auch der Zivildienst als Pflichtdienst seine Bedeutung. Als Ersatz peilt Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) einen bundesweiten freiwilligen Zivildienst an. Rund 35.000 Frauen und Männer ließen sich dafür pro Jahr voraussichtlich gewinnen, sagte Schröder und zitierte damit aus einem Bericht von Fachbeamten über die Folgen, sollte der Bund die Wehrpflicht aussetzen.

Der neue, freiwillige Dienst solle sich auf neue Bereiche konzentrieren, etwa Sport, Kultur und Bildung, sagte Schröder. Der Dienst in den Einrichtungen wäre auch für Frauen offen und könnte zwischen sechs und in Ausnahmefällen bis zu 24 Monate dauern, Regeldauer solle ein Jahr sein. Der Bund könnte den Dienstleistenden etwa 500 Euro im Monat dafür zahlen. Auch ältere Menschen ließen sich einbeziehen, sagte die Ministerin. Schröder nannte es eine Herausforderung, zudem künftig auch Freiwillige in größerer Zahl etwa für die Altenpflege zu gewinnen.

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Derzeit leisten bundesweit knapp 50.000 Zivis Dienst, pro Jahr sind es laut Ministerium etwa 90.000. "Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass wir das, was wir heute haben, komplett ersetzen können", räumte Schröder zugleich ein. Der derzeit noch bestehende, an die Wehrpflicht gekoppelte Zivildienst schaffe bereits die beste Situation.

Doch der könnte bereits ab nächste Jahr wegfallen. Denn der Verteidigungsminister will die Wehrpflicht aussetzen und im Zuge einer Reform die Bundeswehr zudem um ein Drittel auf eine Truppenstärke von etwa 163.000 zu verkleinern. Im Grundgesetz bleibt die Wehrpflicht jedoch bestehen.

Für den Fall, dass sie wieder eingeführt werde, will die Familienministerin jedoch die Strukturen des heutigen Zivildienstes aufrechterhalten, um im Bedarfsfall zum Zivildienst zurückzukehren.

Die Ministerin hob hervor, der Zivildienst habe positive Auswirkungen für das soziale Klima in Deutschland und steigere für die Dienstleistenden die Attraktivität sozialer Berufe. "Was sie leisten, ist nicht die Pflicht, sondern die Kür." Dies sei für viele Menschen, die Hilfe bräuchten, enorm wichtig.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterstützt die Ministerin in ihrer Idee. Sollte der Bund die Wehrpflicht aussetzen, müsse der Zivildienst natürlich reagieren, sagte sie in einem Interview. "Da wäre das Element der Freiwilligkeit dann natürlich auch ein wichtiges Element." Darin liege "eine Riesenchance für unsere Gesellschaft", weil sich die Dienste so attraktiver machen ließen. Das gelte für die Wehrpflicht bis hin zum Zivildienst, weil der Staat offensiver dafür werben könnte.

Die FDP warnte jedoch vor Doppelstrukturen von Freiwilligem Sozialen oder Ökologischen Jahr und einem neuen Dienst. "Das sollte unbedingt vermieden werden", sagte der FDP-Zivildienstexperte Florian Bernschneider. Schröder meinte, beide Varianten sollten dann nebeneinander bestehen. Das Freiwillige Jahr könne als Ersatz für den Zivildienst nicht einfach gestärkt werden, weil dafür die Länder zuständig seien.

Eine ausreichende Finanzausstattung sei nötig, wobei nicht mehr Geld gebraucht werde als für den heutigen Zivildienst. Der Bund würde keine eigenen Einsatzplätze schaffen – doch solle es bundeseinheitliche Kriterien geben.

Kerstin Griese, Vorstand Sozialpolitik im Diakonischen Werk, warnte davor, dass bei besserer finanzieller Ausstattung eines freiwilligen Diensts im Vergleich zum Freiwilligen Sozialen Jahr diesem das Aus drohe. Grünen-Experte Kai Gehring kritisierte: Schröders Idee greife zu kurz, "wenn sie Zivildienstleistende lediglich durch Freiwillige ersetzen will". Notwendig seien mehr regulär Beschäftigte und ein neuer Personalmix im Sozial- und Pflegebereich. Die Grünen werben seit Langem für einen Ausbau der Freiwilligendienste.

Ausgereift ist Schröders Vorschlag noch nicht, sie selbst sieht weiteren Beratungsbedarf: "Da muss man jetzt natürlich in die Detailplanung gehen."
 

 
Leser-Kommentare
  1. ...wird mit dem Zivildienst jetzt betrieben - und auch mit dem Freiwilligendienst. Bezahlt man marktgerecht und bietet ordentliche Arbeitsbedingungen wird man genügend Kräfte bekommen - auch ohne Freiwillige. Ob dafür 500€ reichen - daran habe ich so meine Zweifel.

  2. "Was sie leisten, ist nicht die Pflicht, sondern die Kür."

    Die Weltferne einiger sogenannter Spitzenpolitiker überrascht mich stets aufs Neue. Ich selber habe neun Monate meines Zivildienstes in der Altenpflege geleistet und war als billige Arbeitskraft natürlich ungemein gefragt. Da die meisten Institutionen, die Zivildienstleistende(ZDL) beschäftigen, nicht über die Rechte und Pflichten der Beschäftigen informiert sind und sich diesbezüglich auch wenig interessieren, endet man schnell als „Mädchen für Alles“. Das bedeutet im Endeffekt, dass ein ZDL nicht eine Stelle, sondern meist mehrere belegt und so auch Arbeiten verrichtet, für die ein Alg II-Bezieher beschäftigt werden könnte. Die entsprechende Institution spart so finanzielle Mittel, die sie anderweitig als Mehrausgaben verbuchen müsste. Darüber hinaus ist der ZDL im Krankheitsfall äußerst kostspielig, da für ihn eine Leasingkraft eingesetzt werden muss. Ergo verwehrt der ZDL arbeitswilligen Alg II-Beziehern ihre Beschäftigung und macht es in der Pflege tätigen Leasingkräften schwer, eine Anstellung zu finden.

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    Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund.

    Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund.

  3. von "Pflicht" und "Kür" spricht, zeigt nur, daß sie keine Hemmung hat, den Menschen im allgemeinen zu verhöhnen! - Schafft endlich ordentliche Arbeitsplätze in der Pflege - dafür sind die Gelder der Pflegeversicherung da (leider zahlen einmal mehr die Bestverdienenden nur einen Minibeitrag im Verhältnis zu ihrem Einkommen!) -. Die Pflegebedürftigen haben es verdient, von ausgebildeten Kräften, die ständig wiederkehren, betreut zu werden. - Alles andere ist nur Ausbeutung der Zivis und ständig neue Gesichter für die Pflegebedürftigen. - Kristina Schröder braucht jetzt keine Detailplanung, sondern erst einmal Nachhilfe in menschlicher Reifung. Und das wäre vor der Amtsübernahme nötig gewesen. Oder gibt es jetzt schon einen Lehrvertrag für Familienministerin?

  4. Nein, es wurde in den letzten Monaten
    (nur) über den Wehrdienst diskutiert.

    Nicht einmal ein Nebensatz zum Zivildienst
    ist aufgetaucht.

    Dabei weiss jeder,
    dass der Zivildienst rechtlich
    mit dem Wehrdienst verbunden ist.

    Frau Ministerin Schröder müsste also schon längst
    Vorschläge in der Schublade haben.

    Dahinter stecken politische Prioritäten ...

    • NoG
    • 23.08.2010 um 23:44 Uhr

    wieso dringen eigentlich immer so belanglose informationen an das tageslicht.
    nicht jede idee muss man kundtun.
    am ende wird man an solchen aussagen auch gemessen.
    anspruch und wirklichkeit - oder so aehnlich.

    "Ausgereift ist Schröders Vorschlag noch nicht,
    sie selbst sieht weiteren Beratungsbedarf:
    "Da muss man jetzt natürlich in die Detailplanung gehen."

    uebrigens:

    "sagte der FDP-Zivildienstexperte Florian Bernschneider."

    "2007 begann er im Rahmen eines dualen Studiums der Betriebswirtschaftslehre eine berufliche Ausbildung bei der Norddeutschen Landesbank, die er im Sommer 2010 abschließen will."

    nennt der junge mann (24) sich selber "zivildienstexperte"?
    oder macht das die presse oder seine partei?
    manchmal kommt es mir so vor, als waere man umzingelt von richtigen koryphaeen...ueberall experten.

  5. 8. Danke

    Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund.

    Antwort auf "Zivildienst"

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