Um 9.52 Uhr betritt sie den Saal. Flankiert von ihren beiden Verteidigern, die Augen geschützt durch eine große schwarze Sonnenbrille, setzt sich die nur 1,64 Meter große Verena Becker auf einen der Stühle auf der Seite der Angeklagten.

Die ehemalige Terroristin trägt einen hellbraunen Rollkragenpullover, darüber eine helle Jeansjacke. Sie legt ihre Hände auf das weiße Pult vor sich und zeigt keine Regung, als die Kamerascheinwerfer sie ausleuchten. In der Stille des turnhallengroßen Raumes ist das Klicken von Fotoapparaten zu hören.

Becker wirkt älter als sie mit ihren 58 Jahren ist, gepflegt, nicht unsympathisch. Und nichts an ihrem ersten Auftritt hier erinnert an die fanatische junge Frau, die 1977 schon einmal in genau diesem Saal vor Gericht stand, wegen sechsfachen Mordversuches. Seit 9.52 Uhr ist die Geschichte wieder zurück in der Festung Stammheim.

Seit dem heutigen Donnerstag will das Oberlandesgericht Stuttgart die Frage klären, inwieweit die Angeklagte doch an der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei seiner Begleiter beteiligt war. Das Verfahren in Sachen Buback-Mord war gegen sie 1980 eingestellt worden, vorläufig. Seit einiger Zeit gibt es neue Verdachtsmomente, jetzt reichte es zumindest zu einer Anklage wegen Mittäterschaft.

Die Tat vom Gründonnerstag 1977 liegt mittlerweile 33 Jahre zurück. Nicht nur deshalb erinnerte der Prozessbeginn an eine bizarre Zeitreise in eine überwunden geglaubte Vergangenheit.

Diese Zeitreise beginnt schon vor dem Tor, beim Einlass. Am Ende des Vorortes, auf der Stammheimer Höhe, hinter hohen Zäunen mit Stacheldraht, liegt die Festung Stammheim grau und abweisend in der Morgensonne. "Ein Herr bitte", quäkt eine Lautsprecherstimme, oder "Eine Dame". Dann darf der nächste Prozessbeobachter draußen das schwere Eisendrehkreuz eine Viertelumdrehung weiter drücken und in den Empfang treten.

Das Dutzend Beamte dort wirkt so ernst, als gelte es eine unmittelbare Bedrohung aufzuspüren. Der Personalausweis wird jedem abgenommen, dann geht es in kleine Seitenzellen. Die Tür schließt sich, die Zuhörer werden penibel durchsucht. Journalisten dürfen nur Papier und Stift in den Saal mitnehmen. Weiter geht es, erneut durch zwei Drehkreuze, an den Spinnweben im Durchgang vorbei, dann ist der karge Vorraum erreicht. Hier stehen noch Telefone mit Wählscheiben, und zwei Münzfernsprecher, die noch mit DM funktionieren. Es fühlt sich an wie der Besuch in einem Museum.