Prozess gegen Verena BeckerBizarre Zeitreise in Stammheim

Strenge Sicherheitskontrollen am ersten Tag im Buback-Prozess. Die Zeit scheint stehen geblieben. Und die Angeklagte schweigt – immer noch. Aus Stuttgart berichtet Christian Denso von 

Verena Becker zum Protestauftakt in Stammheim

Verena Becker zum Protestauftakt in Stammheim  |  © Bernd Weissbrod/dpa

Um 9.52 Uhr betritt sie den Saal. Flankiert von ihren beiden Verteidigern, die Augen geschützt durch eine große schwarze Sonnenbrille, setzt sich die nur 1,64 Meter große Verena Becker auf einen der Stühle auf der Seite der Angeklagten.

Die ehemalige Terroristin trägt einen hellbraunen Rollkragenpullover, darüber eine helle Jeansjacke. Sie legt ihre Hände auf das weiße Pult vor sich und zeigt keine Regung, als die Kamerascheinwerfer sie ausleuchten. In der Stille des turnhallengroßen Raumes ist das Klicken von Fotoapparaten zu hören.

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Becker wirkt älter als sie mit ihren 58 Jahren ist, gepflegt, nicht unsympathisch. Und nichts an ihrem ersten Auftritt hier erinnert an die fanatische junge Frau, die 1977 schon einmal in genau diesem Saal vor Gericht stand, wegen sechsfachen Mordversuches. Seit 9.52 Uhr ist die Geschichte wieder zurück in der Festung Stammheim.

Seit dem heutigen Donnerstag will das Oberlandesgericht Stuttgart die Frage klären, inwieweit die Angeklagte doch an der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei seiner Begleiter beteiligt war. Das Verfahren in Sachen Buback-Mord war gegen sie 1980 eingestellt worden, vorläufig. Seit einiger Zeit gibt es neue Verdachtsmomente, jetzt reichte es zumindest zu einer Anklage wegen Mittäterschaft.

Die Tat vom Gründonnerstag 1977 liegt mittlerweile 33 Jahre zurück. Nicht nur deshalb erinnerte der Prozessbeginn an eine bizarre Zeitreise in eine überwunden geglaubte Vergangenheit.

Der Weg der "schwarzen Braut"

Verena Becker wird im Juli 1952 geboren. Anders als viele ihrer späteren Komplizen stammt sie nicht aus einem bürgerlichen Elternhaus. Sie hat neun Geschwister und verlebt eine karge Kindheit in Westberlin. Nach der Mittleren Reife besucht sie eine Haushaltsschule und arbeitet in einer Fleischfabrik, bis sie arbeitslos wird. Anfang der 70er Jahre zieht die radikale Feministin nachts mit ihrer Freundin Inge Viett durch Westberlin, zertrümmert die Fenster von Sexshops und hinterlässt eine Botschaft: »Die schwarze Braut kommt.« Bei der Bewegung 2. Juni lernt Becker das Bombenbauen. »Plötzlich entdeckte ich hinter dem Mädchengesicht die entschlossene junge Frau«, schreibt Viett später. Für den Mord an einem Bootsbauer geht Verena Becker 1974 in Haft. Ein Jahr später wird sie von Komplizen freigepresst und in den Jemen ausgeflogen. Dort stößt sie zu den Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), die in der südjemenitischen Wüste den Guerillakrieg üben.

Diese Zeitreise beginnt schon vor dem Tor, beim Einlass. Am Ende des Vorortes, auf der Stammheimer Höhe, hinter hohen Zäunen mit Stacheldraht, liegt die Festung Stammheim grau und abweisend in der Morgensonne. "Ein Herr bitte", quäkt eine Lautsprecherstimme, oder "Eine Dame". Dann darf der nächste Prozessbeobachter draußen das schwere Eisendrehkreuz eine Viertelumdrehung weiter drücken und in den Empfang treten.

Das Dutzend Beamte dort wirkt so ernst, als gelte es eine unmittelbare Bedrohung aufzuspüren. Der Personalausweis wird jedem abgenommen, dann geht es in kleine Seitenzellen. Die Tür schließt sich, die Zuhörer werden penibel durchsucht. Journalisten dürfen nur Papier und Stift in den Saal mitnehmen. Weiter geht es, erneut durch zwei Drehkreuze, an den Spinnweben im Durchgang vorbei, dann ist der karge Vorraum erreicht. Hier stehen noch Telefone mit Wählscheiben, und zwei Münzfernsprecher, die noch mit DM funktionieren. Es fühlt sich an wie der Besuch in einem Museum.

Leserkommentare
  1. Hätte nicht auch irgendein Landgericht irgendwo in der Republik ausgereicht? Die Bedrohungslage hat sich in der letzten 27 Jahren doch stark verändert, die RAF gehört ja kaum noch zu den aktiven Risikofaktoren.
    Warum also die Inszenierung? Eine nachträgliche Rechtfertigung für das Durchgreifen des Staates drei Jahrzehnte zuvor? Kann man nicht ablassen - ich denke, viele der damals Radikalen sind heute längst im Establishment angekommen.

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    • TDU
    • 30. September 2010 21:25 Uhr

    Die Ankunft im Establishment ist sicher richtig.

    Aber langsam habe ich das Gefühl, dass die Bearbeiter der Sache von damals im Ruhestand angekommen sind. Denn wäre es wahr, dass dran gedreht wurde, würde Fau Becker doch nicht so unwürdig im Stich gelassen, wenn dei Akteure noch tätig wären.

    Wurde nicht gedreht, ist die Anklage ebenso unwürdig, denn es gäbe klare Informationnen, die überbordende Spekulationen ausschliessen. Und Herrn Bubacks legitimes Bedürnis nach Aufklärung könnte befriedigt werden.

    Wie man es auch ansieht. Kachelmann, Winnenden, der Fall Brunner. Langsam beschädigt sich die Justiz und könnte wie die Politik ein Stück Glaubwürdigleit verlieren. Fatal für unsere Gesellschaft.

    • TDU
    • 30. September 2010 21:25 Uhr

    Die Ankunft im Establishment ist sicher richtig.

    Aber langsam habe ich das Gefühl, dass die Bearbeiter der Sache von damals im Ruhestand angekommen sind. Denn wäre es wahr, dass dran gedreht wurde, würde Fau Becker doch nicht so unwürdig im Stich gelassen, wenn dei Akteure noch tätig wären.

    Wurde nicht gedreht, ist die Anklage ebenso unwürdig, denn es gäbe klare Informationnen, die überbordende Spekulationen ausschliessen. Und Herrn Bubacks legitimes Bedürnis nach Aufklärung könnte befriedigt werden.

    Wie man es auch ansieht. Kachelmann, Winnenden, der Fall Brunner. Langsam beschädigt sich die Justiz und könnte wie die Politik ein Stück Glaubwürdigleit verlieren. Fatal für unsere Gesellschaft.

  2. Schliesse mich meinem Vorposter uneingeschränkt an. Der ganze Zinnober heute, für was eigentlich ? Höchste Sicherheitsstufe für einen Prozeß gegen eine Person die nicht mal im Moment in Haft ist ? Alle Besucher aufs genaueste durchsucht, ein Aufwand ohne Ende. Kostet ja alles nichts, bezahlen tut der Bürger. Das soll mir mal jemand erklären... Prozeß kann ein Jahr dauern. Gerechtigkeit schön und gut, aber sowas ? Nicht mal Getränke gibt es für Besucher vor lauter Sicherheitsvorkehrungen, man kann sich am Waschbecken im WC gütlich halten. Naja, Stammheim hat halt Tradition.

  3. "Sie zeige bis heute keine Reue für ihre Taten....
    das Opfer eines von der Terroristin mitinitiierten Bombenanschlags sei verblutetet"
    Das sagt doch eindeutig: sie hat Taten begangen, sie hat einen Bombenanschlag mitinitiiert, wozu noch das Verfahren?! Die Todesstrafe haben wir nicht mehr, aber wegsperren und den Schlüssel wegwerfen geht doch allemal, und wenn wir ihr die Sicherungsverwahrung gleich bei der Gelegenheit im Urteil aufdrücken, meckert da auch kein europäischer Gerichtshof für Menschenrechte mehr! Ein Deal mit dem Geheimdienst, lächerlich, wozu sollte sich eine Staatsmacht darauf einlassen, da wäre sie doch zumindest moralisch auf Augenhöhe mit Terroristen, also Kriminellen? Hat die Becker das schriftlich?

    • sunyata
    • 30. September 2010 23:58 Uhr

    Buback, Rohweder, Herrhausen, Ponto, Das waren wohl mehr als nur _ein_ Deal. Oder: hat mal jemand gefragt, wieso Andreas Baader für Fahren ohne Führerschein 6 (sechs!) Monate in München im Gefängnis war? War das Gefängnis vielleicht in Pullach?
    Hier scheint jemand ahnungslos zu sein, auf was sich Staatsmächte einlassen. Der Mord an Aldo Moro, von Kissinger angekündigt. Der Mord an ENI Direktor Enrico Mattei.
    Die geplante Verarmung des Volkes durch Hartz 4 Dumpinglöhne, durch Monsterbauprojekte wie Stuckgart 21, durch Kernkraftstützung, ubiquitären Lobbyismus und Opportunismus. Und ist das Volk erst arm, kann man es umso leichter manipulieren. Siehe USA, Teaparty Enthirnte, Fischers Reden vor Neocons. Um es klein bei klein, oder im Clash of Civilizations, loszuwerden, damit die Reichen auf einer entkernten Welt endlich gedeien und benedeien können.

    • TDU
    • 01. Oktober 2010 11:02 Uhr

    Die RAF war also mutig. Genauso wie die klammheimliche Freude. Eine Auffassung, die sich alle Optionen offenhält und sich damit im Ergebnis als opportunistisch erweist.

    Die Definitionen der 1986iger hatten schon immer etwas von der Umwertung aller Werte. Vermutlich hatten sie deswegen keine große Anhängerschaft und es blieb nichts als der Marsch in die Institutionen. Vermutlich damals schon gemeint obwohl es ja hiess, der Marsch durch die Institutionen.

    Antwort auf
    • Mike M.
    • 02. Oktober 2010 0:38 Uhr

    nicht viel bringen. Für Mord gibt es nur die eine Strafe: "lebenslang". Mit 59 Jahren ist das keine attraktive Perspektive, auch wenn man frühestens nach 15 Jahren entlassen werden kann. Auch von einem Mörder oder Mörderin wird man entsprechendes nicht erwarten können. Ansonsten ist es natürlich gut, dass das Verfahren stattfindet. Buback und sein Fahrer und Mitfahrer hatten nichts verbrochen, auch die Kinder hatten nichts verbrochen, dass sie ohne Vater aufwachsen mussten. Politische Erklästungsversuche oder gar Sympathien, die es anscheinend immer noch zu geben sein scheint, finde ich völlig fernliegend.

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