Die Fraktionsvorsitzende der Grünen Renate Künast während einer Wahlkampfveranstaltung in Berlin © Klaus-Dietmar Gabbert dpa/lbn

ZEIT ONLINE: Frau Künast, viele Menschen haben in der Debatte um Thilo Sarrazin der Eindruck, da hat sich vielleicht einer im Ton vergriffen, aber er benennt wichtige Probleme. Ist das so?

Renate Künast: Thilo Sarrazin hat die Probleme nicht benannt, er hat sie biologistisch herleiten und damit zementieren wollen. Es ist längst bekannt, dass Integration eines der Schlüsselthemen für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist. Wir Grüne kümmern uns darum seit vielen Jahren. Wir haben als erste Partei ein Integrationskonzept vorgelegt, in dem wir systematisch darlegen, was die aufnehmende Gesellschaft und was die Migranten tun müssen. Wir sind durchaus der Meinung, dass mehr freundlicher Druck notwendig ist. Sarrazin dagegen beschreibt die Situation noch negativer als sie ist, um das dann mit der Analyse zu versehen, dass die Probleme an den Genen liegen. Damit möchte ich nichts zu tun haben.

ZEIT ONLINE: Welches sind denn die dringendsten Integrationsprobleme, an welchen Stellen ist also freundlicher Druck notwendig?

Künast: Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns vergegenwärtigen, wie wir dahin gekommen sind, wo wir heute sind. Zunächst einmal haben wir bewusst bildungsferne Arbeitnehmer für niedrig qualifizierte und schlecht bezahlte Arbeiten angeworben. Deutschland hat sie als Gastarbeiter behandelt und darauf gesetzt, dass sie wieder gehen. Später haben wir sie dann zu Ausländern gemacht und in bestimmte Stadtteile gezwungen. Ich sehe die Stempel in den Pässen noch vor mir, auf denen stand, Zuzug nur für Kreuzberg oder Tiergarten erlaubt. Aus diesen Fehlern müssen wir als aufnehmende Gesellschaft lernen. Eine zeitgemäße Integrationspolitik muss auf vier Säulen stehen: Die systematische und so früh wie möglich beginnende Sprach- und Bildungsförderung, die Integration in Erwerbstätigkeit, die Ermöglichung von politischer und gesellschaftlicher Teilhabe und die religiöse Integration.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit: religiöse Integration?

Wir müssen den Islam einbürgern. Wir haben den Islamunterricht zu lange in die Hinterhöfe und Koranschulen verbannt. Dort wurde der Koran nicht auf Deutsch gelehrt, es konnte sich kein deutscher, zeitgemäßer Islam entwickeln. Der Islam muss hier eine Religion werden wie jede andere. Wir brauchen Islamunterricht auf Deutsch an den Schulen, von in Deutschland ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern. Junge Muslime sollten den Koran kennen und verstehen, statt Aussagen in ihn hineinzuinterpretieren, die gar nichts mit dem Koran zu tun haben.

ZEIT ONLINE: Und worin besteht die Bringschuld der Migranten?

Die vier Säulen lassen sich sehr gut auf das übertragen, was die Migranten und Migrantinnen tun müssen. Sie müssen sich zum Beispiel bemühen, einen zeitgemäßen Islam zu entwickeln und anerkennen, dass Religion nur unter dem Dach des Grundgesetzes möglich ist. Sie müssen den Wert von Bildung und beruflicher Qualifikation anerkennen und bereit sein, sich dafür anzustrengen. Und sie müssen sich auch gesellschaftlich und politisch einbringen.