Bundeswehr Der öffentliche Kriegsbeginn

Nach der Tanklasterbombardierung bei Kundus versprach Kanzlerin Merkel eine umfassende Aufklärung. Doch viele Fragen blieben offen – bis heute.

Nach dem Luftangriff in der Nacht zum 4. September 2009 auf zwei Tanklaster blieben am Kundus-Fluss nur noch Trümmer übrig

Nach dem Luftangriff in der Nacht zum 4. September 2009 auf zwei Tanklaster blieben am Kundus-Fluss nur noch Trümmer übrig

Die Männer schauen auf einen Computerschirm. Sie sehen – leicht verschwommen und unscharf, auf einen Fluss. Sie sehen Punkte, die sich bewegen. Es sind Menschen, für die Männer vor dem Schirm sind es Feinde. Das ganze sieht aus wie die Darstellung in einem alten Computerspiel. Doch mit einem Spiel hat das nichts zu tun, was die Männer in den Uniformen dort im Feldlager Kundus machen, Tausende Kilometer von Deutschland und Lichtjahre von dem entfernt ist, was zwischen Konstanz und Flensburg als afghanische Wirklichkeit verstanden wird.

Einer der deutschen Offiziere vor dem Bildschirm des "Rover"-Geräts trifft eine Entscheidung, die Deutschland verändern – die ihn verändern wird. Er erteilt zwei amerikanischen Kampfjets vom Typ F-15 den Befehl, zwei Bomben auf zwei von Taliban entführte Tanklaster abzuwerfen. Das Ziel seien die Menschen, teilt ein deutscher Soldat den Piloten vorher mit. Die Furt am Kundus-Fluss verwandelt sich binnen Sekunden in ein Feuerinferno. Bis zu 142 Menschen sterben bei der Explosion oder an ihren Verbrennungen.

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Seit dem 4. September 2009 ist für die Deutschen in Afghanistan alles anders. Deutschland ist im Krieg, heißt es plötzlich überall. Und auch der Letzte begreift, dass die Bundeswehr kein Technisches Hilfswerk in olivgrüner Uniform ist, dass Krieg führen Opfer bedeutet – auf der eigenen Seite, beim Gegner und unter Zivilisten. Das Land habe seine Unschuld verloren, schreiben Kommentatoren in den Tagen nach dem Luftangriff. Und die Politik begreift, dass für den Einsatz neue Beschreibungen benötigt werden. Doch dauert es noch Monate, bis Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg von Krieg spricht – "umgangssprachlich".

Der Offizier, der zwei amerikanischen F-15-Kampfjets den Befehl gab, die Furt zu bombardieren, geht in die deutsche Nachkriegsgeschichte ein. Oberst Georg Klein wird für viele zum Abbild des bösen Militärs, für einige wenige – die meisten davon tragen die gleiche Uniform wie der Oberst – wird er zum Helden. Auf jeden Fall wird Oberst Klein zur Symbolfigur des Afghanistan-Einsatzes. Ein Offizier, der selber eine Entscheidung treffen wollte, ohne die endlose Meldekette von Kundus über Masar-i-Scharif und Potsdam nach Berlin einzuhalten. Ein Offizier, der Männer bei Feuergefechten gegen Taliban verloren hatte, der aber nicht robust gegen die Gegner vorgehen durfte. Klein, so heißt es, wollte ein Zeichen setzen. Ein Zeichen der Stärke.

Zivilisten töten wollte er nicht, das sagt er – und das kann man ihm glauben. Klein ist in diesem Krieg Täter und Opfer zu gleich. Zum ersten Mal seit dem großen Morden im Zweiten Weltkrieg ist ein deutscher Soldat für den Tod von so vielen Menschen verantwortlich. Ein "deutsches Verbrechen" titelte das Nachrichtenmagazin Spiegel .

Auf deutschen Befehl hin getötete Zivilisten in Afghanistan, das stellte die Regierungsparteien CDU, CSU und SPD im September 2009 vor große Probleme. Der Bundestagswahlkampf lief und bis auf die Linke hatten alle Parteien das Thema Afghanistan gemieden. Mit einem Auslandseinsatz könne man viele Stimmen verlieren, aber keine gewinnen, hieß es in den Parteizentralen. Und auch das Kundus-Bombardement änderte daran nichts. Denn auch im achten Jahr des Afghanistan-Einsatzes hatte die Regierung kein Interesse an einer intensiven Diskussion über die Mission. Und so wurde getrickst und getäuscht.

Im Krieg sterbe die Wahrheit stets zuerst, lautet eine oft zitierte Weisheit. Nicht nur die Bundeswehr, auch andere, einsatzerfahrenere Armeen tun sich schwer damit, eigene Fehler aufzuarbeiten. Doch im Verteidigungsministerium in Berlin dauerte es Tage, bis überhaupt die Brisanz des Bombardements klar war.

Das Einsatzführungskommando bei Potsdam, der Einsatzführungs- und der Pressestab im Verteidigungsministerium wurden von dem "Vorgang" (O-Ton des ehemaligen Generalinspekteurs Wolfgang Schneiderhan) völlig überrascht. Der 4. September war ein Freitag, Kanzlerin, Außen- und Verteidigungsminister waren unterwegs im Wahlkampf, der damalige Generalinspekteur machte Kurzurlaub. Der Pressestab des Ministeriums verkündete, dass bei dem Bombardement ausschließlich Taliban getötet wurden. Auf der Homepage des Ministeriums stand bis zum Montag eine Erfolgsmeldung.

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