Röttgen gibt den Staatsmann
Der Angriff auf seinen Konkurrenten, der als Bundesminister stärker in die Kabinettsdisziplin eingebunden ist, ist nicht zu überhören – selbst wenn er nicht ausgesprochen wird.
Dann darf Norbert Röttgen ans Pult. Er beginnt weit weniger persönlich als Laschet, und bekommt doch schon in den ersten Minuten deutlich mehr Applaus.
Selbstverständlich könne er sich vorstellen, in Nordrhein-Westfalen eine Landesregierung zu führen, betont Röttgen. Dass nicht ausgeschlossen ist, dass dort in Zukunft eher wieder ein Oppositionsführer der CDU gebraucht wird als ein Ministerpräsident, erwähnt er allerdings nicht.
Ansonsten gibt er den Politiker von Welt. Das Leitmotiv seiner Politik leitet er – ganz Staatsmann – aus der Finanzmarktkrise ab. Zu dieser sei es gekommen, weil kurzfristige Gewinnmaximierung wichtiger gewesen sei als langfristiges Verantwortungsbewusstsein.
Dies müsse sich ändern. "Politik aus den Augen unserer Kinder" machen, lautet deswegen Röttgens Motto. Das gelte für die Haushaltssanierung ebenso wie für die künftige Renten- oder Bildungspolitik. Und weil Röttgen CDU sogleich mit Nachhaltigkeit, SPD dagegen mit verantwortungsloser Kurzsicht assoziiert, goutiert seine Zuhörerschaft das durchaus.
Laschets impliziten Vorwurf, er könne keine Landesinteressen vertreten, quittiert Röttgen mit dem Satz: "Wir brauchen eine starke geschlossene CDU von den Kommunen bis Europa". Ein Röttgen denkt eben in großen Zusammenhängen.
In der folgenden Debatte versucht Laschet gleichwohl noch einmal mit seinem Landes-Bonus für sich zu punkten. Nur er könne auch ohne Neuwahl Ministerpräsident werden, denn dazu brauche es nach der Landesverfassung nun mal ein Landtagsmandat, sagt er. Die Lacher auf seiner Seite hat allerdings Röttgen, als er Laschet kurz darauf anbietet, wenn der die Frage, wie der Bevölkerungsschwund auf dem Land gestoppt werden könne, alleine löse, werde er seine Bewerbung zurückziehen.
Als die Zuhörer nach über zwei Stunden die Halle verlassen, gibt es viel Lob für beide Kandidaten. Und doch herrscht ziemlich übereinstimmend die Einschätzung vor, dass Röttgen jedenfalls mehr Beifall bekommen habe. "Es gibt eine Tendenz zu Gunsten von Röttgen", heißt es anschließend auch aus der Jungen Union, deren Bezirksverband sich gleich nach der Diskussion zusammengesetzt hat.
Für Laschet ist damit längst noch nicht aller Tage Abend. Denn manch einer wird sich seine Meinung erst in den kommenden Tagen bilden. Und sieben Regionalkonferenzen haben die beiden ja auch noch vor sich.
Langfristig dürfte die CDU ohnehin den größten Nutzen davon haben, dass die Basis vielleicht doch mal wieder das Gefühl bekommt, gehört zu werden. Ganz unabhängig davon, wer am Ende wirklich gewinnt.
- Datum 02.09.2010 - 07:40 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 11
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um eine sachliche Diskussion und achten Sie auf eine angemessene Wortwahl. Danke. Die Redaktion/km
Schon lange nicht mehr habe ich eine so vernünftige und ausgewogene Haltung bei einem Politiker erlebt.
In meinen Augen ist Röttgen erstaunlich frei von Dogmen jeglicher couleur.
Das prädestiniert ihn für Höheres.
Ich für meinen Teil kann nur sagen: Weiter so, Herr Röttgen.
Hoffendlich läßt er sich später nicht von der Lobby beeinflußen.
Hoffendlich läßt er sich später nicht von der Lobby beeinflußen.
Hoffendlich läßt er sich später nicht von der Lobby beeinflußen.
.... ich glaube eher er ist in der falschen Partei... auch er wird igendwann weggelobt werden....weil die, die ihn gutfinden sich inhaltlich bereits als Wähler anderer Parteien festgelegt haben.
Nachhaltigkeit ist in der CDU ein Fremdwort geworden. Siehe Umwelt-,Bildungs-, Immigranten- Sozial- etc., dafür Konzern-, Banken- und US-republikanische Politik an Gewicht gewonnen hat.
Es wird zwar noch von Sozialer Marktwirfschaft lammentiert, aber in der Umsetzung schmückt man sich nur mit alten Orden....
Ich kann meinen Vorkommentatoren nicht bei pflichten. Ich sehe den auftritt und seine Rede als groß inszenierter PR-Auftritt. Gewand im Auftreten, Gewand in der Sprache, aber sehr leicht zu durchschauen. Die Luft in Berlin wird Rauer und dünner, deshalb versucht Herr Röttgen den Absprung. Die Frage nach Lobby ist einfach zu beantworten, sehen sie die vielen Lobbisten die sein Ministerium täglich besuchen? Dann werden sie wissen wie es in NRW mit Herrn Röttgen wird. Ein al glatter machthungriger Machtmensch, dies ist Herr Röttgen.
Danke
... könnten Sie sich eine Artikel-Überschrift wie "Punktsieg für Papis Klügsten" früher unter der Kohl- oder Schröder-Regierungszeit vorstellen? Unabhängig davon, wie man zu Merkels Politik steht: Mit gutem, neutralem Journalismus hat eine solche Formulierung nicht das Geringste gemein.
ein paar Jahren selbst beantwortet, als der als (gutdotierter) Hauptgeschäftsführer des BDI vorgesehen war und zugleich sein Bundestagsmandat behalten wollte.
Ich verstehe nach wie vor nicht, wie ein so durch und durch Konservativer wie Röttgen als "modern" gilt. Zugegeben: Er kann gut und geschliffen formulieren und denkt manchmal etwas weiter um die Ecke als die meisten Politiker. Aber deshalb ist er nicht wirklich "modern".
Ich kann zwar gut verstehen, dass ein Politiker wir Röttgen, der sich auf dem heiklen politischen Parkett in Berlin bestens zu bewegen weiss, in den Medien weit besser ankommt, als ein vergleichsweise robuster Armin Laschet, der im Übrigen auch nicht modern ist. Ich sehe dieses "Hochschreiben" von Röttgen allerdings als erneuten Großversuch der Medien, wiedereinmal aktive Politik zu betreiben: Nur mit einem gestärkten Röttgen gibt es eine klare Schwarz-Grüne Perspektive, die ein Lieblingsprojekt vieler politischer Journalisten ist. Ferner scheint ein starker Röttgen der einzige zu sein, der ev. die Verve hätte, nach einer Niederlage der CDU (mit Machtverlust) in Baden-Württemberg einen Putsch gegen "Mutti" zu organisieren und möglicherweise zu obsiegen. Das gebe Schlagzeilen und Auflage, da wäre wirklich was los und zu berichten.
CHILLY
Laschet oder Röttgen, das ist wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wer mehr Muslime und Moscheen in NRW haben möchte, wählt selbstverständlich Armin Laschet. Wer der Meinung ist, dass wir in unserem Land viel zu wenige von den nutzlosen aber äußerst teuren Windrädern haben, entscheidet sich für Norbert Röttgen. Da darf sich die CDU allerdings nicht wundern, dass sie für einen großen Teil der Bürger überhaupt nicht mehr wählbar ist.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren