Durch den Stuttgarter Schlossgarten rollen Wasserwerfer, Polizisten lösen mit Reizgas und Schlagstöcken Sitzblockaden auf. Mehrere tausend Menschen haben sich versammelt, um dagegen zu demonstrieren, dass in dieser Nacht die ersten von 282 Parkbäumen gefällt werden sollen. Die Bäume sollen dem neuen Tunnelbahnhof weichen. Manche sind mehr als zweihundert Jahre alt.

Stadtobere und Projektbefürworter im Landtag fühlen sich im Recht. Denn das Projekt Stuttgart 21 ist auf seinem fast zwei Jahrzehnte langen Weg durch die Institutionen immer wieder demokratisch legitimiert worden. Die Protestierenden dagegen werfen ihren Stadtherren vor, jede Bürgerbeteiligung abgebügelt zu haben und sich ernsthaften Gesprächen immer noch zu entziehen.

Wie verfahren die Situation ist, wurde in der vergangenen Woche offenbar. Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) und Bahnchef Rüdiger Grube luden die Projektgegner zu Gesprächen ein. Deren Forderung nach einem Baustopp für die Dauer des Dialogs lehnten Schuster und Grube aber ab . Zur zweiten Bedingung, nämlich der, die Gespräche ergebnisoffen zu führen, sagte Schuster: "Das hieße ja, dass am Ende auch ein anderes Projekt verwirklicht werden könnte."

Was denn sonst, mochte man da ausrufen. Die Projektgegner brachen die Gespräche wenig später ab. Nun droht in Stuttgart wilder Kampf.

Oberbürgermeister Schuster könnte versucht sein, nun schnell Fakten zu schaffen. Sind die Bäume erst einmal abgesägt, so das mögliche Kalkül, könnte auch der Widerstand nachlassen. Die kalten Winternächte würden den Enthusiasmus der Protestierenden wohl weiter kühlen.

Doch ein solcher Schluss wäre zutiefst zynisch und eines demokratischen Landes nicht würdig. Angesichts der Tausenden, die jeden Montag und Freitag gegen Stuttgart 21 demonstrieren , drohen große Folgeschäden. Denn die Kettensägen dürften die Bindung zwischen dem Bürgertum der Stadt und der politischen Klasse dauerhaft durchtrennen.

Viel klüger wäre es, der Oberbürgermeister nähme seine Parteivorsitzende Angela Merkel beim Wort. Vor zwei Wochen hatte die Bundeskanzlerin im Bundestag die anstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg zur Volksabstimmung über das Projekt erklärt. 

Bis zum Wahltermin im März sind es nur noch sechs Monate. Man könnte also einfach abwarten mit der Fällaktion. Angesichts der seit 1985 laufenden Planungen sollte ein halbes Jahr Zeitverzug doch zu verschmerzen sein.