NS-Zeit Zentralrat der Juden verärgert über Vertriebenenstiftung

Aus Protest gegen zwei Vertriebenen-Funktionäre lässt der Zentralrat der Juden seine Mitarbeit im Stiftungsrat ruhen. Anlass sind Äußerungen der beiden zur NS-Zeit.

Allein die Bildung des Beirates der Vertriebenen-Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" war ein langer Prozess: Die aus der Union heraus nominierte Vertriebenen-Präsidentin und Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach (CDU) verzichtete nach langer Diskussion im Februar auf einen Sitz im Stiftungsrat – vor allem die Liberalen hatten ihre Haltung zu Polen und zur Oder-Neiße-Grenze kritisiert.

Nun lösen zwei bereits berufene stellvertretende Stiftungsratsmitglieder neuen Ärger aus: Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, beklagte in einem Brief an Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), die vom Bund der Vertriebenen berufenen Stiftungsräte Arnold Tölg und Hartmut Saenger nähmen "revanchistische Positionen" ein. Die Stiftung soll die Erinnerung an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert in Folge des Zweiten Weltkriegs und des NS-Regimes wachhalten.

Anzeige

Die Stiftung muss nun bis auf weiteres ohne die Mitarbeit des Zentralrats auskommen. Der sieht sich wegen der Mitwirkung Tölgs und Saengers "außerstande, im Stiftungsrat mitzuwirken" und lasse mit sofortiger Wirkung seine Mitgliedschaft "bis auf weiteres" ruhen. "Abhängig von der weiteren Entwicklung behält sich der Zentralrat einen Austritt aus dem Stiftungsrat vor", schrieb Kramer weiter.

Tölg und Saenger stehen wegen Äußerungen zur Zwangsarbeiterentschädigung nach der NS-Zeit und zur Ursache des Zweiten Weltkrieges in der Kritik. In einem Interview hatte Tölg gesagt , bei der Zwangsarbeiterentschädigung hätten "gerade die Länder, die am massivsten Forderungen gegen uns richten, genügend Dreck am Stecken", weil sie "Hunderttausende deutscher Zwangsarbeiter in zahllosen Lager hatten". Tölg ist Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen Baden-Württemberg.

Hartmut Saenger, Präsidiumsmitglied im Bund der Vertriebenen, hatte 2009 in einem Artikel geschrieben , vor dem Zweiten Weltkrieg hätten die Großmächte eine besonders große Bereitschaft zum Krieg gezeigt. "Besonders kriegerisch" habe sich Polen aufgeführt.

Kritiker der beiden hatten die Äußerungen als Relativierung von Nazi-Verbrechen verstanden.

Grünen-Parlamentsgeschäftsführer Volker Beck nannte die Reaktion des Zentralrats völlig angemessen. "Der Bund muss die Abberufung von Tölg und Saenger einleiten", forderte Beck in Berlin. "Für die Opfer des Nationalsozialismus ist die Berufung von Geschichtsverdrehern in den Stiftungsrat eine unerträgliche Zumutung."

Linken-Kulturexpertin Luc Jochimsen sagte, schon bei der Wahl des Stiftungsrates sei klar geworden, dass "insbesondere die Benennung von Arnold Tölg und Hartmut Saenger nicht hinnehmbar" sei. Wenn die Regierung jetzt nicht handele, bedeute dies "das endgültige Aus für die Bundesstiftung".

Kulturstaatsminister Neumann bedauerte den Schritt des Zentralrats. Die kritisierten Äußerungen seien nicht akzeptabel, sagte er . "Dennoch halte ich die Entscheidung des Zentralrates der Juden für falsch." Die plurale Zusammensetzung des Rates garantiere, dass sich der Stiftungszweck verwirklichen lasse: die Erinnerung an Flucht und Vertreibung während des Zweiten Weltkriegs.

Zum Stiftungsrat, der aus insgesamt 21 Mitglieder besteht, gehören unter anderem drei Mitglieder der Bundesregierung, vier Mitglieder des Deutschen Bundestages und je zwei Vertreter der Evangelischen Kirche, der Katholischen Kirche und des Zentralrats der Juden in Deutschland.
 

 
Leser-Kommentare
    • CM
    • 06.09.2010 um 19:36 Uhr

    Man müßte sich ja schämen, mit solch ewig gestrigen wie den beiden Vertriebenenurenkel-Funktionären in einem Gremium zu sitzen.

    Was kommt als nächstes von diesen Herren, fragt man sich. Gegen solche Stammtischdemagogen ist Thilo Sarrazin noch ein harmloser Irrläufer.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich will Ihnen was sagen worüber man sich schämem muß
    Das ewig Gestrige ist mittlerweile 65 Jahre her.
    Es ist den Deutschen noch immer nicht erlaubt an Israel
    Kritik zu üben,ohne das nicht gleich die Nazikeule geschwungen wird
    Wer ein wenig die Geschehnisse in der Welt objektiv beurteilt kann mit Sicherheit nicht alle Entscheidungen und Maßnahmen Israels gutheißen.
    [...]

    Gekürzt, bitte verzichten auf Verschwörungstheorien. Danke. /Die Redaktion pt.

    Mein Kommentar wird wohl nicht veröffentlicht?
    ist ja auch bloß die Wahrheit

    Auch wenn die Aussage: "gerade die Länder, die am massivsten Forderungen gegen uns richten, haben genügend Dreck am Stecken, weil sie Hunderttausende deutscher Zwangsarbeiter in zahllosen Lager hatten". nicht gerade höflich formuliert ist, empfinde ich ihre Behauptung, dass diese Aussage eine Schande ist, als Frechheit gegen die Opfer Russischer Zwangsarbeit.
    Viele davon wahren z.B. Kaukasusdeutsche, die nichts mit den Verbrechen der Nazis zu tun hatten.
    Falls diese für Sie vielleicht wegen ihrem deutsch sein, sowieso kein Mitleid verdient haben. Sollten Sie aber wenigstens nicht die zahlreichen anderen Sovietvölker vergessen, die von den Russen damals zur Zwangsarbeit gezwungen worden sind.
    "es wurden ganze Völker der Sowjetunion, ethnische Minderheiten, in Lager (Gulag) deportiert." vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Stalinsche_Säuberungen

    • joG
    • 07.09.2010 um 18:07 Uhr

    ...weil man so lange wartete, dass sie großteils bereits verstorben waren, bis man die Sklaven des Reichs schäbig entschädigte. Da ist so eine Meinungsäußerung lediglich die Bestätigung des bösen Willen, den man dahinter vermuten konnte.

    Ich will Ihnen was sagen worüber man sich schämem muß
    Das ewig Gestrige ist mittlerweile 65 Jahre her.
    Es ist den Deutschen noch immer nicht erlaubt an Israel
    Kritik zu üben,ohne das nicht gleich die Nazikeule geschwungen wird
    Wer ein wenig die Geschehnisse in der Welt objektiv beurteilt kann mit Sicherheit nicht alle Entscheidungen und Maßnahmen Israels gutheißen.
    [...]

    Gekürzt, bitte verzichten auf Verschwörungstheorien. Danke. /Die Redaktion pt.

    Mein Kommentar wird wohl nicht veröffentlicht?
    ist ja auch bloß die Wahrheit

    Auch wenn die Aussage: "gerade die Länder, die am massivsten Forderungen gegen uns richten, haben genügend Dreck am Stecken, weil sie Hunderttausende deutscher Zwangsarbeiter in zahllosen Lager hatten". nicht gerade höflich formuliert ist, empfinde ich ihre Behauptung, dass diese Aussage eine Schande ist, als Frechheit gegen die Opfer Russischer Zwangsarbeit.
    Viele davon wahren z.B. Kaukasusdeutsche, die nichts mit den Verbrechen der Nazis zu tun hatten.
    Falls diese für Sie vielleicht wegen ihrem deutsch sein, sowieso kein Mitleid verdient haben. Sollten Sie aber wenigstens nicht die zahlreichen anderen Sovietvölker vergessen, die von den Russen damals zur Zwangsarbeit gezwungen worden sind.
    "es wurden ganze Völker der Sowjetunion, ethnische Minderheiten, in Lager (Gulag) deportiert." vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Stalinsche_Säuberungen

    • joG
    • 07.09.2010 um 18:07 Uhr

    ...weil man so lange wartete, dass sie großteils bereits verstorben waren, bis man die Sklaven des Reichs schäbig entschädigte. Da ist so eine Meinungsäußerung lediglich die Bestätigung des bösen Willen, den man dahinter vermuten konnte.

  1. reicht zur Feststellung einer vorgestrigen Sicht eigentlich bereits ein Blick auf dessen Website. Dort ist als Bezeichnung für die ehemalige DDR von 'Mitteldeutschland' die Rede.
    http://www.bund-der-vertr...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... dass wir nicht schnell genug vergessen, dass "Ostdeutschland" eigentlich etwas anderes war.

    • Otto12
    • 07.09.2010 um 15:53 Uhr

    Selbstverständlich, wenn Sie ein wenig in dt. Geographie be=
    wandert wären, hat der BdV recht, das Gebiet der ehem. "DDR"
    ist in der Tat Mitteldeutschland, Thüringen ist z.B. die
    "grüne Mitte Deutschlands" genannt, weil es so herrliche
    Wälder gibt, wie den Unesco-Kulturerbe-Wald "Hainichen",
    der Rennsteig - v. Goethe bedichtet - liegt auch in der Mitte!
    Ostdeutschland dagegen bestand aus Ost-Brandenburg, Pommern, Ost- bzw. ehem. Westpreußen, im Süden von Schlesien u. dem Land Oberschlesien nach Südosten begrenzt. DIese Länder wurden bekanntlich durch das Potsdamer Protokoll im Juli 1945 unter polnische bzw. unter sowjet. Verwaltung gestellt, ein völkerrechtlic bindender Besitzübergang fand nicht statt, kann nicht stattfinden, weil es im Völkerrecht ein Annexionsverbot gibt, das solche, auf gewaltsame Wegnahmen beruhende Vorgänge von vornherein für ungültig erklärt. Nach der Wiener Konvention v. 1956 ist ein Kriegsverlierer wie dieBundesrepublik Deutschland vor einer "freiwilligen Verzichterklärung" auf seine ehem. Gebiete, wie sie im Zwei-plus-Vier-Vertrag im Oktober 1990 abgegeben wurde geschützt, nämlich in der Formulierung, "daß ein um seine Gebiete ge=
    brachtes Land bzw. Staat nicht befugt ist, selbst zu ver=
    zichten, dies sei ungültig!"
    Kulturell dürfen wir doch unstreitig auch an das wirkliche
    Ostdeutschland erinnern, "Dame von Welt", oder wollen Sie
    das auch verbieten?

    ... dass wir nicht schnell genug vergessen, dass "Ostdeutschland" eigentlich etwas anderes war.

    • Otto12
    • 07.09.2010 um 15:53 Uhr

    Selbstverständlich, wenn Sie ein wenig in dt. Geographie be=
    wandert wären, hat der BdV recht, das Gebiet der ehem. "DDR"
    ist in der Tat Mitteldeutschland, Thüringen ist z.B. die
    "grüne Mitte Deutschlands" genannt, weil es so herrliche
    Wälder gibt, wie den Unesco-Kulturerbe-Wald "Hainichen",
    der Rennsteig - v. Goethe bedichtet - liegt auch in der Mitte!
    Ostdeutschland dagegen bestand aus Ost-Brandenburg, Pommern, Ost- bzw. ehem. Westpreußen, im Süden von Schlesien u. dem Land Oberschlesien nach Südosten begrenzt. DIese Länder wurden bekanntlich durch das Potsdamer Protokoll im Juli 1945 unter polnische bzw. unter sowjet. Verwaltung gestellt, ein völkerrechtlic bindender Besitzübergang fand nicht statt, kann nicht stattfinden, weil es im Völkerrecht ein Annexionsverbot gibt, das solche, auf gewaltsame Wegnahmen beruhende Vorgänge von vornherein für ungültig erklärt. Nach der Wiener Konvention v. 1956 ist ein Kriegsverlierer wie dieBundesrepublik Deutschland vor einer "freiwilligen Verzichterklärung" auf seine ehem. Gebiete, wie sie im Zwei-plus-Vier-Vertrag im Oktober 1990 abgegeben wurde geschützt, nämlich in der Formulierung, "daß ein um seine Gebiete ge=
    brachtes Land bzw. Staat nicht befugt ist, selbst zu ver=
    zichten, dies sei ungültig!"
    Kulturell dürfen wir doch unstreitig auch an das wirkliche
    Ostdeutschland erinnern, "Dame von Welt", oder wollen Sie
    das auch verbieten?

  2. Ich will Ihnen was sagen worüber man sich schämem muß
    Das ewig Gestrige ist mittlerweile 65 Jahre her.
    Es ist den Deutschen noch immer nicht erlaubt an Israel
    Kritik zu üben,ohne das nicht gleich die Nazikeule geschwungen wird
    Wer ein wenig die Geschehnisse in der Welt objektiv beurteilt kann mit Sicherheit nicht alle Entscheidungen und Maßnahmen Israels gutheißen.
    [...]

    Gekürzt, bitte verzichten auf Verschwörungstheorien. Danke. /Die Redaktion pt.

    Antwort auf "Eine Schande"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was Sie hier schreiben, wird häufig behauptet. Es ist aber falsch und ich habe hier:

    http://www.zeit.de/politi...

    begründet, warum.

    Es scheint, dass alle auf der Pirsch liegen.
    Ob es an dem Jubiläum: WTCs in NewYork 9/11 oder Sarrazins Interview-BZ durch Herrn Friedman liegt, der den Jörg Müllmann schon zu Fall gebracht hatte.
    Beim kleinsten Mucks wird hart zu geschlagen und pädagogische Maßnahmen ergriffen.
    Die Meinungsfreiheit scheint in Gefahr, oderß

    Was Sie hier schreiben, wird häufig behauptet. Es ist aber falsch und ich habe hier:

    http://www.zeit.de/politi...

    begründet, warum.

    Es scheint, dass alle auf der Pirsch liegen.
    Ob es an dem Jubiläum: WTCs in NewYork 9/11 oder Sarrazins Interview-BZ durch Herrn Friedman liegt, der den Jörg Müllmann schon zu Fall gebracht hatte.
    Beim kleinsten Mucks wird hart zu geschlagen und pädagogische Maßnahmen ergriffen.
    Die Meinungsfreiheit scheint in Gefahr, oderß

  3. Mein Kommentar wird wohl nicht veröffentlicht?
    ist ja auch bloß die Wahrheit

    Antwort auf "Eine Schande"
  4. maßt sich hier schlicht eine Position, deren Berechtigung durchaus angezweifelt werden darf. Aber vielleicht sollte der Zentralrat seinen ehemaligen Vizepräsidetenten Friedmann in den Stiftungsbeirat entsenden, der steht für moralische Sauberkeit der ganz besonderen Art.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lieber Bambus07,

    wir leben in einem freien Land, in dem jeder seine Meinung sagen darf. Vor diesem Hintergrund ist Ihr Anwurf, der Zentralrat maße sich eine Position an, die ihm nicht gebühre völlig unverständlich. Oder wollen Sie hier Redeverbote erteilen?

    Lieber Bambus07,

    wir leben in einem freien Land, in dem jeder seine Meinung sagen darf. Vor diesem Hintergrund ist Ihr Anwurf, der Zentralrat maße sich eine Position an, die ihm nicht gebühre völlig unverständlich. Oder wollen Sie hier Redeverbote erteilen?

    • oernd
    • 06.09.2010 um 20:07 Uhr

    Ich weiß nicht, mag sein.
    Aber wegen der Aussage: "gerade die Länder, die am massivsten Forderungen gegen uns richten, genügend Dreck am Stecken", welche vielleicht sprachlich nicht gerade höchstes Niveau erreicht die Zusammenarbeit aufzukündigen scheint ein wenig überzogen.
    Es fällt manchmal schwer den Zentralrat ernst zu nehmen, wenn er sich so häufig wegen Kleinigkeiten empört, mag die Vergangenheit und das wofür er steht auch noch so brisant sein.

  5. Es ist sehr interessant zu beobachten, wie sich die "Vertriebenen-Stiftung-Sache" entwickelt ...

    Erst Steinbach, dann diese Kerle. Ich kann nur sagen "ha ha ha" ...

  6. Was Sie hier schreiben, wird häufig behauptet. Es ist aber falsch und ich habe hier:

    http://www.zeit.de/politi...

    begründet, warum.

    Antwort auf "Eine Schande ?"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service