NachrufHermann Scheer, praktischer Visionär und Urdemokrat

Als Energieexperte war er ein weltweit gefragter Mann – das politische Berlin hingegen wurde ihm fremd. Eine persönliche Erinnerung an Hermann Scheer von Christiane Grefe

Hermann Scheer lernte ich auf einer Hütte in den österreichischen Alpen kennen. Sie war von der Glühbirne bis zur Melkanlage mit Strom aus Photovoltaik und Biomasse versorgt. Energieautarkie ist möglich: Der genius loci sollte ein Gespräch des grün denkenden Sozialdemokraten mit dem ökologisch engagierten katholischen Schriftsteller Carl Amery beflügeln; ich moderierte ihr gemeinsames Buchprojekt.

In einer mehrtägigen Klausur diskutierten die beiden Rebellen ihrer jeweiligen Milieus konzentriert viele Stunden am Tag über den "Klimawechsel" und die Frage, warum sich der Wandel von den fossilen zu den Erneuerbaren Energien nicht schneller vollzog. Das war im Sommer des Jahres 2000, Rot-Grün war an der Regierung und Scheer wollte deren energiepolitischen Kleinmut überwinden. Warum wurden nicht viel schneller und in viel größerem Stil die Fördergelder für Energieforschung in die Solar-, Wind- und Speichertechnik und die energetische Sanierung gelenkt?

Anzeige

Für viele war schon diese Frage seinerzeit "unrealistisch" radikal. Zehn Jahre später, nachdem der Klimawandel mit Dürren und Fluten längst manifest ist, sind sie wie die Antworten brandaktuell. Scheers Kritik an der Vorherrschaft des Ökonomischen, den hermetischen Strukturen des Energie- und Wissenschaftssystems und einer politischen Kultur, die produktiven Streit in Konsenssoße verkocht, gehört heute zum common sense . Dieser passionierte Politiker war seiner Zeit stets um Jahre voraus.

Bereits in den Achtzigern, als der frisch gebackene Bundestagsabgeordnete und Abrüstungspolitiker als außenpolitische Hoffnung der SPD galt, brachte ihn das Engagement gegen die Kernenergie auf sein Lebensthema. Die Suche nach anderen Lösungen trieb ihn mehr an als die Kritik am Bestehenden, sie ließ ihn das Potenzial erkennen, das in den Erneuerbaren Energien steckte. In seinen Augen bedeutete der Umstieg auf Sonne, Wind und nachhaltige Biomasse nicht nur den Abschied von Atom und Erdöl. Weil man sie dezentral nutzen kann, erkannte er zugleich eine Chance für mehr regionale Wertschöpfung und eine demokratische Kontrolle der Energieversorgung – und wurde zum "Solarfighter".

So gründete Scheer 1988 gemeinsam mit seiner Frau Irm Pontenagel die Nichtregierungsorganisation Eurosolar. Deren vielfältige Mitgliedschaft aus Wissenschaftlern, Juristen, Kommunalpolitikern und engagierten Bürgern konnte mit fachlicher Expertise und öffentlichem Druck über viele Jahre seine parlamentarische Arbeit unterstützen. Als Abgeordneter, der die Sache stets über Ideologien und Lobbyinteressen stellte, trommelte Scheer schon 1990 unter Helmut Kohl eine parteiübergreifende Koalition zusammen, um das erste Stromeinspeisungsgesetz durchzusetzen.

Später entwarf er das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das 2000 in Kraft trat und weltweit für 47 Staaten zum Vorbild wurde – und verteidigte es unermüdlich, für viele enervierend hartnäckig, gegen Angriffe aus der Energiebranche, aus Brüssel und nicht zuletzt aus seiner eigenen Partei. All das geschah meist hinter den Kulissen oder interessierte nur die Fachöffentlichkeit. Nach ungezählten Kämpfen empfand Hermann Scheer daher die Verleihung des Alternativen Nobelpreises 1999 als große Genugtuung. Schon, weil sie seinem Thema größere Aufmerksamkeit verschaffte.

Dieser praktische Visionär war ein Urdemokrat. Er glaubte an die Gesellschaft und ihre Kraft, Alternativen wie Nullenergiehäuser hervorzubringen oder virtuelle Kraftwerke modellhaft im Kleinen zu demonstrieren. Deshalb hielt er jedes Jahr Hunderte von Reden, vor Bauern, Handwerkskammern, Hochschulgremien, Architekten, Mittelstandsorganisationen. Manchmal sprach er an einem Tag an drei Orten. Für ihn war immer Wahlkampf – für die Sache, die er als Menschheitsfrage erkannt hatte. Tausende hat er angestachelt, nachdenklich gemacht, mitgerissen und motiviert. Die Kraft, die er Tag und Nacht aufbrachte, war aus einem unerschütterlichen Optimismus gespeist – und durch die Lust an der Debatte. Nichts freute ihn mehr, als wenn er einen CDU-Politiker oder einen skeptischen Unternehmensvorstand davon überzeugen konnte, den ökologischen Wandel mit zu gestalten.

Leserkommentare
  1. Ja, schön immer das Gute wollen und bei der Wahrheit bleiben,
    das ist oftmals bei uns die Garantie hämisch runtergemacht zu werden.
    Die Häme und nicht beachtet in unserer deutschen Politik sind nun die Orden auf seiner Brust. Nun ist er nicht mehr.

    Die SPD hatte einen sehr hochwertigen Diamanten und wurde nur leider in ihren Reihen als Kieselstein beachtet.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie schreiben: "Die SPD hatte einen sehr hochwertigen Diamanten und wurde nur leider in ihren Reihen als Kieselstein beachtet."

    Ich sehe das anders. Das Land hatte einen sehr hochwertigen Diamanten und wurde nur leider in ihren Reihen als Kieselstein beachtet.

    Scheer bekam in all den Jahren nie das Direktmandat von den Wählerinnen und Wählern in seinem Wahlkreis Waiblingen. Er unterlag regelmäßig irgendwelchen CDU-Nobodys. Das machte seine Lage in der SPD nicht gerade einfacher.

    Da - so meine ich - ist nicht Parteienschelte angesagt, sondern zumindest Nachdenken über Wahlverhalten, ich meine sogar, Wählerschelte.

    "Die SPD hatte einen sehr hochwertigen Diamanten, der wurde nur leider in ihren Reihen als Kieselstein beachtet."

    Vor lauter Mittel- und Kleinmaß hat die Partei nie begriffen, welch fähige Menschen Mitglied bei ihr waren.

    Der Bodensatz hat diese Diamanten zugedeckt, mundtot gemacht, abgewürgt. Die peinlichen Selbstdarsteller und Selbstbeweihräucherer, die letztlich die Partei in den Abgrund geführt haben, beherrschten die Partei und die Medien.
    Unbegreiflich die Treue der Diamanten zu einer Partei, deren selbstherrliche Führer außer Eitelkeit nichts zu bieten hatten.
    Hermann Scheer war für viele, an der Parteiverzweifelten, ein Hoffnungsschimmer ein Lichtblick.
    Mit ihm hat nicht nur die spd sondern hat Deutschland eine bedeutende, richtungsweisende Persönlichkeit verloren!

    Sie schreiben: "Die SPD hatte einen sehr hochwertigen Diamanten und wurde nur leider in ihren Reihen als Kieselstein beachtet."

    Ich sehe das anders. Das Land hatte einen sehr hochwertigen Diamanten und wurde nur leider in ihren Reihen als Kieselstein beachtet.

    Scheer bekam in all den Jahren nie das Direktmandat von den Wählerinnen und Wählern in seinem Wahlkreis Waiblingen. Er unterlag regelmäßig irgendwelchen CDU-Nobodys. Das machte seine Lage in der SPD nicht gerade einfacher.

    Da - so meine ich - ist nicht Parteienschelte angesagt, sondern zumindest Nachdenken über Wahlverhalten, ich meine sogar, Wählerschelte.

    "Die SPD hatte einen sehr hochwertigen Diamanten, der wurde nur leider in ihren Reihen als Kieselstein beachtet."

    Vor lauter Mittel- und Kleinmaß hat die Partei nie begriffen, welch fähige Menschen Mitglied bei ihr waren.

    Der Bodensatz hat diese Diamanten zugedeckt, mundtot gemacht, abgewürgt. Die peinlichen Selbstdarsteller und Selbstbeweihräucherer, die letztlich die Partei in den Abgrund geführt haben, beherrschten die Partei und die Medien.
    Unbegreiflich die Treue der Diamanten zu einer Partei, deren selbstherrliche Führer außer Eitelkeit nichts zu bieten hatten.
    Hermann Scheer war für viele, an der Parteiverzweifelten, ein Hoffnungsschimmer ein Lichtblick.
    Mit ihm hat nicht nur die spd sondern hat Deutschland eine bedeutende, richtungsweisende Persönlichkeit verloren!

  2. Nachrufe verlangen die Betonung des Positiven. Aber verpflichten Nachrufe zur kritiklosen Heiligsprechung? Ein Nachruf sollte nicht für die politische Positionsbestimmung ausgenutzt werden. Eine kritische Würdigung wäre angebrachter. In Hessen war Hermann Scheer seinem propagierten Ziel zum Greifen nahe. Er sollte "Superminister" werden. In der komplizierten Situation verlor er den Blick für das Mögliche. Das war entschuldbar. Die Situation war über Monate hinaus unübersichtlich. Das beleidigte Verschwinden von der landespolitischen Spielfläche nachdem er nicht unerheblich zum Durcheinander beigetragen hatte, gab seiner Kandidatur das Geschmäckle eines Schaukampfes. Über den Wahlkampf hatte er diejenigen vergessen, die die Visionen umzusetzen hatten. Dafür, daß ihm das politische Berlin so fremd war, saß er recht lange im Bundestag.

    • Leo691
    • 15.10.2010 um 17:56 Uhr

    Es ist tragisch, das Hermann Scheer, der mit klaren Konzepten für die Energiewende voranschritt, in jener Zeit stirbt, in der seine Saat immer mehr aufgeht. Noch vor kurzem feuerte er die Menschen im beeindruckenden Dokumentarfilm "Die 4. Revolution - Energy Autonomy" an, die Energiewende gegen all die Zauderer, Zweifler und Verhinderer zu vollziehen.
    Hermann Scheer arbeitete daran, ein zutiefst umwelt- und menschenfeindliches Energieversorgungssystem zu überwinden. Ob Kohlekumpel in Kolumbien oder Strahlenopfer in Tschernobyl. Sie alle bluten für unseren Energiehunger. Dies muss ein Ende haben!

    Er hat in Deutschland und weltweit viele viele Menschen erreicht. Menschen, wie Hermann Scheer, sind die Helden unserer Zeit, auch wenn uns die hohle Medienmaschinerie Frau Lena Meyer-Landrut als eine solche Heldin präsentieren will.

    Mit Hermann Scheers Ideen im Gepäck haben wir hier in Mecklenburg-Vorpommern den Kampf gegen eine Kohlekraftwerk am Standort Lubmin aufgenommen und dazu beigetragen, dass der dänische Investor "DONG Energy" aufgab und seine Zukunft im Bereich der Erneuerbaren sieht.

    Gehen wir seinen Weg weiter und erfüllen wir sein Vermächtnis - eben gegen jene Zweifler, Zauderer und Verhinderer, die uns Atomkraft als klimafreundliche Energiequelle verkaufen wollen.

    In Respekt und Trauer

    Arndt Müller / Schwerin

  3. Sie schreiben: "Die SPD hatte einen sehr hochwertigen Diamanten und wurde nur leider in ihren Reihen als Kieselstein beachtet."

    Ich sehe das anders. Das Land hatte einen sehr hochwertigen Diamanten und wurde nur leider in ihren Reihen als Kieselstein beachtet.

    Scheer bekam in all den Jahren nie das Direktmandat von den Wählerinnen und Wählern in seinem Wahlkreis Waiblingen. Er unterlag regelmäßig irgendwelchen CDU-Nobodys. Das machte seine Lage in der SPD nicht gerade einfacher.

    Da - so meine ich - ist nicht Parteienschelte angesagt, sondern zumindest Nachdenken über Wahlverhalten, ich meine sogar, Wählerschelte.

  4. 5. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und äußern Sie sich im Zusammenhang mit einem Todesfall respektvoll. Danke, die Redaktion/fk.

    • 4fight
    • 15.10.2010 um 19:41 Uhr

    Besondere Wertschätzung erfährt Hermann Scheer bei CDU/CSU:

    http://www.photovoltaik-g...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    .. das die CDU einen "Bundesverband christliche Demokraten gegen Atomkraft" hat.
    Nun ja bei einem solchen Nachruf,
    Zitat;
    "Dr. Hermann Scheer hatte das Potenzial, die Atomwirtschaft binnen drei Monaten durch rein marktwirtschaftliche Mittel aus dem Streichelzoo des Protektionismus in den Wettbewerb und ihre absehbare Verdrängung zu entlassen."

    wird mir so einiges klar.

    MfG
    alma

    .. das die CDU einen "Bundesverband christliche Demokraten gegen Atomkraft" hat.
    Nun ja bei einem solchen Nachruf,
    Zitat;
    "Dr. Hermann Scheer hatte das Potenzial, die Atomwirtschaft binnen drei Monaten durch rein marktwirtschaftliche Mittel aus dem Streichelzoo des Protektionismus in den Wettbewerb und ihre absehbare Verdrängung zu entlassen."

    wird mir so einiges klar.

    MfG
    alma

    • xpol
    • 15.10.2010 um 20:41 Uhr

    ... sind die Vorgänge in Hessen nur denen in bleibender Erinnerung, die das Chaos als hessischer Doppel-Wähler aktiv erleben durften.

    Scheer gehörte zu denen, die jeden Kompromiss konsequent hintertrieben und damit die Marginalisierung der SPD in der Wiederholungswahl verursacht haben.

    Hessen sollte wohl sein "Grosser Wurf" werden - als Verantwortlicher für Ökonomie und Okologie Herr über ein ganzes Bundesland als Spielwiese der Verwirklichung seiner Extremvorstellungen.

    Natürlich tut es mir für in Leid, dass er so früh verstorben ist, als Verlust für die Gesellschaft kann ich das allerdings nicht sehen.

    • BTP
    • 15.10.2010 um 21:30 Uhr

    Rita Schwarzelühr-Sutter, aus dem Wahlkreis Waldshut, leider wegen des destrasösen Ergenisses im letzten Jahr aus dem BT geflogen. Sie wird - sicher nur zum Tei - Scheers Umweltwillen fortführen. Ausgewiesene Verkehrsexpertin und auch Hüterin unserer "Flywatch", also derer, die verwindern, dass die Überflüge in die Schweiz hier nicht nur weiter überhand nehmen sondern zurückgeführt werden.

    Eine bienenfleißige Abgeordnete im gegensatz zu dem Erbhofverwalter hier, dessen Vater ihm das Mandat vererbte und dessen Qualifikation die des Kolping-Vorsitzenden ist.

    Bisher war es so, dass man (CDU) hier nur einen Sack schwarzer Kohle aufstellen musste ("schwarzer Süden"), um die Mehrheit zu bekommen. Aber das ist vorbei, schließlich gehen die Unruhen wegen S21 hier auch nicht vorbei. Gerade die zuverlässigen Senioren hier, die Diktatur noch erlebt oder authentisch weiter vermittelt bekommen haben, werden rebellisch - auf ihre Art. Mit dem Stimmzettel jedenfalls.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service