Hermann Scheer lernte ich auf einer Hütte in den österreichischen Alpen kennen. Sie war von der Glühbirne bis zur Melkanlage mit Strom aus Photovoltaik und Biomasse versorgt. Energieautarkie ist möglich: Der genius loci sollte ein Gespräch des grün denkenden Sozialdemokraten mit dem ökologisch engagierten katholischen Schriftsteller Carl Amery beflügeln; ich moderierte ihr gemeinsames Buchprojekt.

In einer mehrtägigen Klausur diskutierten die beiden Rebellen ihrer jeweiligen Milieus konzentriert viele Stunden am Tag über den "Klimawechsel" und die Frage, warum sich der Wandel von den fossilen zu den Erneuerbaren Energien nicht schneller vollzog. Das war im Sommer des Jahres 2000, Rot-Grün war an der Regierung und Scheer wollte deren energiepolitischen Kleinmut überwinden. Warum wurden nicht viel schneller und in viel größerem Stil die Fördergelder für Energieforschung in die Solar-, Wind- und Speichertechnik und die energetische Sanierung gelenkt?

Für viele war schon diese Frage seinerzeit "unrealistisch" radikal. Zehn Jahre später, nachdem der Klimawandel mit Dürren und Fluten längst manifest ist, sind sie wie die Antworten brandaktuell. Scheers Kritik an der Vorherrschaft des Ökonomischen, den hermetischen Strukturen des Energie- und Wissenschaftssystems und einer politischen Kultur, die produktiven Streit in Konsenssoße verkocht, gehört heute zum common sense . Dieser passionierte Politiker war seiner Zeit stets um Jahre voraus.

Bereits in den Achtzigern, als der frisch gebackene Bundestagsabgeordnete und Abrüstungspolitiker als außenpolitische Hoffnung der SPD galt, brachte ihn das Engagement gegen die Kernenergie auf sein Lebensthema. Die Suche nach anderen Lösungen trieb ihn mehr an als die Kritik am Bestehenden, sie ließ ihn das Potenzial erkennen, das in den Erneuerbaren Energien steckte. In seinen Augen bedeutete der Umstieg auf Sonne, Wind und nachhaltige Biomasse nicht nur den Abschied von Atom und Erdöl. Weil man sie dezentral nutzen kann, erkannte er zugleich eine Chance für mehr regionale Wertschöpfung und eine demokratische Kontrolle der Energieversorgung – und wurde zum "Solarfighter".

So gründete Scheer 1988 gemeinsam mit seiner Frau Irm Pontenagel die Nichtregierungsorganisation Eurosolar. Deren vielfältige Mitgliedschaft aus Wissenschaftlern, Juristen, Kommunalpolitikern und engagierten Bürgern konnte mit fachlicher Expertise und öffentlichem Druck über viele Jahre seine parlamentarische Arbeit unterstützen. Als Abgeordneter, der die Sache stets über Ideologien und Lobbyinteressen stellte, trommelte Scheer schon 1990 unter Helmut Kohl eine parteiübergreifende Koalition zusammen, um das erste Stromeinspeisungsgesetz durchzusetzen.

Später entwarf er das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das 2000 in Kraft trat und weltweit für 47 Staaten zum Vorbild wurde – und verteidigte es unermüdlich, für viele enervierend hartnäckig, gegen Angriffe aus der Energiebranche, aus Brüssel und nicht zuletzt aus seiner eigenen Partei. All das geschah meist hinter den Kulissen oder interessierte nur die Fachöffentlichkeit. Nach ungezählten Kämpfen empfand Hermann Scheer daher die Verleihung des Alternativen Nobelpreises 1999 als große Genugtuung. Schon, weil sie seinem Thema größere Aufmerksamkeit verschaffte.

Dieser praktische Visionär war ein Urdemokrat. Er glaubte an die Gesellschaft und ihre Kraft, Alternativen wie Nullenergiehäuser hervorzubringen oder virtuelle Kraftwerke modellhaft im Kleinen zu demonstrieren. Deshalb hielt er jedes Jahr Hunderte von Reden, vor Bauern, Handwerkskammern, Hochschulgremien, Architekten, Mittelstandsorganisationen. Manchmal sprach er an einem Tag an drei Orten. Für ihn war immer Wahlkampf – für die Sache, die er als Menschheitsfrage erkannt hatte. Tausende hat er angestachelt, nachdenklich gemacht, mitgerissen und motiviert. Die Kraft, die er Tag und Nacht aufbrachte, war aus einem unerschütterlichen Optimismus gespeist – und durch die Lust an der Debatte. Nichts freute ihn mehr, als wenn er einen CDU-Politiker oder einen skeptischen Unternehmensvorstand davon überzeugen konnte, den ökologischen Wandel mit zu gestalten.