Führende Politiker von Union und SPD haben sich kritisch zur wachsenden Distanz vieler Bürger gegenüber der Politik geäußert. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte der ZEIT: "Distanz gegenüber Parteien und Politik hat eine gewisse Tradition im Bürgertum. Man wendet sich ehemaligen Politikern zu, man wendet sich Intellektuellen zu und glaubt an nicht staatliche, nicht im politischen System liegende Lösungsstrukturen. Das ist typisch bürgerlich."

Als Grund für die wachsende Protestbereitschaft vieler Bürger sieht de Maizière einen "Strukturkonservatismus auf hohem materiellen Niveau. Er wird getrieben durch eine diffuse Furcht und den Willen zur Besitzstandswahrung". De Maizière: "Es gibt ein starkes Gefühl: Alles soll so bleiben, wie es ist. An den Bahnhof hab ich mich gewöhnt! Migration? Schlimm genug, wenn es das in Neukölln gibt. Hauptsache, in Dahlem bleibt es, wie es ist."

Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht in der Abwehr von Veränderungen die Ursache für wachsende Protestbereitschaft. "Die Menschen sind zutiefst verunsichert und sehnen sich nach dem Ort, wo sich nichts ändert, nichts verändert wird, wo sie sich auskennen und sich sicher fühlen", sagte Gabriel der ZEIT.

"Vor allem dort, wo sie wohnen, in ihrer Heimat, wollen sie nicht auch noch Veränderungen und Verunsicherungen hinnehmen müssen. Selbst das, was schlecht ist, soll so bleiben, wie es ist."

Um die Bürger zurück zu gewinnen, müssen die Parteien nach Ansicht Gabriels wieder konfliktbereiter sein: "Wir müssen wieder parteiischer werden", so der SPD-Chef. "Es gibt die Sehnsucht nach Common Sense in der Politik, es gibt aber auch die Sehnsucht nach Unterscheidbarkeit und Polarisierung."