Atompolitik Bundestag votiert für längere AKW-Laufzeiten

Der schwarz-gelbe Atomdeal hat eine wichtige Hürde genommen: Das Parlament stimmte mehrheitlich dafür. Voran ging eine heftige Debatte zwischen Regierung und Opposition.

Gegen den entschiedenen Protest von Opposition und Atomkraftgegnern hat der Bundestag mit den Stimmen von Union und FDP die Verlängerung der Laufzeiten für die 17 deutschen Atomkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre beschlossen. Die schwarz-gelbe Mehrheit setzte sich mit 308 gegen 289 Stimmen bei zwei Enthaltungen gegen SPD, Linke und Grüne durch. Im Anschluss standen noch Abstimmungen zu weiteren Energiegesetzen sowie zum Energiekonzept der Bundesregierung auf der Tagesordnung.

"Das ist eine Revolution": Mit markigen Worten hatte Umweltminister Norbert Röttgen in der teils hitzigen Bundestagsdebatte das Energiekonzept gegen die Kritik der Opposition verteidigt. Erstmals überhaupt lege eine Regierung ein Konzept für die elementare Frage einer umwelt- und klimaschonenden Energieversorgung vor. SPD, Grüne und Linkspartei schürten mit "argumentationslosem Kampfgeschrei" Ängste, schielten nur auf Wählerstimmen, hätten selbst aber keine Konzepte für die Energieversorgung der Zukunft, sagte der CDU-Politiker. 

Anzeige

Ressortchef Röttgen hatte sich gegen persönliche Attacken von Vorrednern zu verteidigen. "Sie sind energiepolitische Blindgänger", entgegnete er auf Beiträge von Linksfraktionschef Gregor Gysi, Jürgen Trittin von den Grünen oder SPD-Chef Sigmar Gabriel. Im direkten Duell mit dem früheren Umweltminister Gabriel ("Verehrter Herr Vorgänger") wies Röttgen den auch von den Grünen erhobenen Vorwurf zurück, mit dem neuen Gesetz die Sicherheit der Atomkraftwerke zu gefährden.

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin nannte das Agieren der Koalition ein "Abgrund von Lobby- und Klientelpolitik", der unerträglich sei. Linken-Fraktionschef Gregor Gysi kritisierte, die Koalition nehme mit dem Energiekonzept bewusst eine Spaltung der Gesellschaft in Kauf. Für SPD-Chef Sigmar Gabriel ist das Energiekonzept der Koalition eine "Rolle rückwärts in die Vergangenheit". Die Regelung behindere Investitionen in die erneuerbaren Energien und begünstige die vier großen Energiekonzerne. "Sie haben ein paar Lastwagen mit Geld in Bewegung gesetzt."

Die Opposition bekräftigte ihre Absicht, gegen die Laufzeitverlängerung vor dem Bundesverfassungsgericht zu klagen. SPD, Grüne und Linke monieren insbesondere, dass die Regierung das Energiekonzept auch ohne eine Zustimmung des Bundesrates umsetzen will.

Die Abgeordneten der Grünen machten ihren Protest auch durch ihre Kleiderwahl sichtbar: Sie waren im Plenum allesamt einheitlich schwarz gekleidet. Mit einem gelben Kreuz auf der Kleidung zeigten sie ihren Widerstand gegen den Gesetzesplan. Im Verlauf der Aussprache zeigten sich die Spitzenvertreter der Koalition teils amüsiert über die Argumente der Opposition oder gesellten sich im Gespräch zueinander – wohl demonstrativ, um den Reden der Widersacher nicht folgen zu müssen. Abgeordnete, insbesondere der Opposition, überzogen die Redner der jeweils anderen Seite mit Zwischenrufen. Kopfschütteln und andere wertende Gestik war zu beobachten.

Vor Beginn der Debatte war die Opposition mit einem Geschäftsordnungsantrag gescheitert, die Abstimmung zu vertagen. Bei der Sitzung des Umweltausschusses am Dienstagabend seien Anträge der Opposition nicht zugelassen und die Beratungszeit in unangemessener Weise beschränkt worden, lautete die Kritik. Union und FDP setzten mit ihrer Mehrheit aber die Abstimmung am Donnerstag durch. Grünen-Parlamentsgeschäftsführer Volker Beck warf der Koalition einen "Putsch gegen die Rechte der Opposition" vor. "Sie haben damit kein geordnetes parlamentarisches Verfahren zu diesem Gesetzgebungsvorhaben möglich gemacht", wesentliche Sachaspekte seien überhaupt nicht erörtert worden, sagte Beck. "Das Verfahren erinnert eher an revolutionäre Prozesse als an einen geordneten parlamentarischen Ablauf", sagte Oppermann.

Unions-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier wies den Vorwurf zurück. Der CDU-Politiker warf seinerseits besonders den Grünen vor, durch "Klamauk" und zahlreiche, sachlich nicht weiterführende Geschäftsordnungs- und Änderungsanträge eine sachliche Ausschussberatung verhindert zu haben. "Ihnen fehlt Stil und Anstand", sagte FDP-Parlamentsgeschäftsführer Jörg van Essen mit Blick auf die Grünen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) mahnte die Redner aller Fraktionen, "auf persönlich herabsetzende Bemerkungen zu verzichten". Er kündigte an, der Verfahrensstreit werde im Nachhinein Gegenstand weiterer Beratungen sein.

Vor dem Reichstag bildeten mehr als 2000 Demonstranten eine etwa einen Kilometer lange Menschenkette. Die Demonstranten forderten die Bundestagsabgeordneten dazu auf, gegen die von der Koalition angestrebte Verlängerung der AKW-Laufzeiten zu stimmen. Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace kletterten am Morgen auf das Dach der CDU-Zentrale und entrollten an der Fassade des Adenauer-Hauses ein Transparent. Das Fotobanner zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und RWE-Chef Jürgen Großmann mit Schnapsgläsern beim Anstoßen.

 
Leser-Kommentare
  1. Diese korrupte Regierung/Diktatur der Konzerne muß ein Ende haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe mich bereits vor einiger Zeit mal gefragt, wann wohl die Grenze erreicht ist, ab der man nicht mehr von einer Regieung sondern von einem Regime spricht. Möglicherweise kann mich da mal jemand aufklären.
    Haben wir es bei Schwarz-Geld (upps, Tippfehler) schon mit einem Regime zu tun? Wenn ja, wann werden endlich die ersten Blauhelme nach Berlin entsandt?

    Ich habe mich bereits vor einiger Zeit mal gefragt, wann wohl die Grenze erreicht ist, ab der man nicht mehr von einer Regieung sondern von einem Regime spricht. Möglicherweise kann mich da mal jemand aufklären.
    Haben wir es bei Schwarz-Geld (upps, Tippfehler) schon mit einem Regime zu tun? Wenn ja, wann werden endlich die ersten Blauhelme nach Berlin entsandt?

    • mamor
    • 28.10.2010 um 12:10 Uhr

    http://100-gute-gruende.d...

    Das Heft (die Internetseite) sollte JEDE/R gelesen haben; ob Pro, Contra, Meinungslos, Interessiert......!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Hälfte der Gründe lassen sich leicht entkräften und sind ideologiebasiert. Supergau, ja das wäre in der Tat schlimm. Genauschlimm wäre es für uns in einem der Kraftwerke in Frankreich, wenn der Westwind herrscht und Westeuropa verseucht wäre. Oder in einem Land wie der Ukraine, dass Atomstrom exportieren könnte (und tut?) und in dem die Sicherheitsstandards enorm niedriger sind.
    Ein Verbot müsste mindestens europaweit kommen um Sinn zu machen. Das keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden reicht doch.
    Die Kosten für die sichere Endlagerung den Konzernen zu übertragen halte aber auch ich für notwendig, schon blöd, dass man sich damals freikaufen konnte.

    Die Hälfte der Gründe lassen sich leicht entkräften und sind ideologiebasiert. Supergau, ja das wäre in der Tat schlimm. Genauschlimm wäre es für uns in einem der Kraftwerke in Frankreich, wenn der Westwind herrscht und Westeuropa verseucht wäre. Oder in einem Land wie der Ukraine, dass Atomstrom exportieren könnte (und tut?) und in dem die Sicherheitsstandards enorm niedriger sind.
    Ein Verbot müsste mindestens europaweit kommen um Sinn zu machen. Das keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden reicht doch.
    Die Kosten für die sichere Endlagerung den Konzernen zu übertragen halte aber auch ich für notwendig, schon blöd, dass man sich damals freikaufen konnte.

    • joG
    • 28.10.2010 um 12:12 Uhr

    ...der Atommeiler und der damit verbundenen Enteignung so schlecht einleitete, darf sich nun nicht beklagen, dass die Sache schlecht verläuft. Hätten damals SPD und Grüne sauber gearbeitet und die Enteignung als Enteignung bezeichnet und durchgezogen, so hätten wir heute saubere Verhältnisse. Hätten die Kernkraftwerksbetreiber damals 50 Milliarden Entschädigung erhalten, ist fraglich, dass sie diese heute wieder zurück geben würden wollen.

  2. wieviele Aufsichtsratsposten und Beraterverträge an unsere Volksverkäufer vergeben wurden, um dieses Gesetz durchzubringen.

  3. ""Sie stellen die Parteiinteressen vor die Interessen des Landes." Das ausgerechnet von Röttgen von der Capitalinteressen-Durchpeitsch-Union (CDU )zu hören, war schon ein Leckerbissen in Sachen verdrehender Rhetorik.

  4. Ein stillgelegtes AKW kostet!
    Ein laufendes AKW macht Gewinne!
    .
    Was kümmern uns die "Schrothaufen" in 10-15 Jahren. Dann haben wir die Knete eingesackt, leben gut davon "wer weiß wo" und sind alle in Rente.
    .
    So wird ein "Schuh" draus:-((
    .
    "Strahlende" Gruesse
    Sikasuu

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 28.10.2010 um 14:11 Uhr

    ...des Atomstroms wäre, dass der entgangene Mehrwert für Forschung und Entwicklung auch fehlt. Da aber gerade dies wichtig wäre, wenn wir nicht hoffnungslos teure Energie bezahlen wollen, wie er heute mit alternativen Quellen im Schnitt erzeugt wird.

    @joG, das weiterlaufen lassen der AKW´s bringt nur den Konzernen mehr Profit.
    Der einzelne Bürger aber wird genauso viel oder mehr für seinen Strom bezahlen müssen wie seither.

    Hinzu kommen noch, die derzeit noch abschätzbaren horrende Kosten für eine sichere Lagerung des Atommülls, der munter 1.000.000 Jahre vor sich hinstrahlt.

    Unsere nachfolgende Generationen werden sich zu Recht fragen, wie man so bescheuert gewesen sein kann !

    • joG
    • 28.10.2010 um 14:11 Uhr

    ...des Atomstroms wäre, dass der entgangene Mehrwert für Forschung und Entwicklung auch fehlt. Da aber gerade dies wichtig wäre, wenn wir nicht hoffnungslos teure Energie bezahlen wollen, wie er heute mit alternativen Quellen im Schnitt erzeugt wird.

    @joG, das weiterlaufen lassen der AKW´s bringt nur den Konzernen mehr Profit.
    Der einzelne Bürger aber wird genauso viel oder mehr für seinen Strom bezahlen müssen wie seither.

    Hinzu kommen noch, die derzeit noch abschätzbaren horrende Kosten für eine sichere Lagerung des Atommülls, der munter 1.000.000 Jahre vor sich hinstrahlt.

    Unsere nachfolgende Generationen werden sich zu Recht fragen, wie man so bescheuert gewesen sein kann !

  5. ... passte heute ganz gut, haben sie doch ihre Illusionen zu Grabe tragen müssen.

    Es ist ein Unding, zu glauben, bis 2013 wäre genügend alternativer Strom vorhanden, um die AKW's abzuschalten. Erstens wird der Strom dann dort sein, wo man ihn nicht braucht, aufgrund der Einsprüche diverser Interessensgruppen aber nicht dorthin zu transportieren die Möglichkeit bestehen, wo man ihn braucht und zweitens würde ein Abschalten zum gleichen Zeitpunkt die Abrissfirmen überfordern. Man müsste also die ruhenden AKW's für Jahre einmotten, bis sie abgetragen werden können.

    Dann lassen Sie uns doch die AKW's schrittweise abschalten und abreißen, den stehen lassen möchte sie sicher niemand!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    könnte man über NORGER günstig Ökostrom aus Norwegen einkaufen - die haben nämlich mehr als genug davon. Seltsamerweise will die BRD aber das Kabel nicht ans deutsche Netz anschließen.

    Weiterhin hat das Umweltschutzministerium errechnet das eine Laufzeitverlängerung den Ausbau der erneuerbaren Energien eher behindert. Unter diesen Voraussetzungen kann es natürlich eher nicht dazu kommen, dass der Atomausstieg erfolgt.

    Wer glaubt das Strom billiger wird, wenn man den 4 Platzhirschen ihre Forderungen erfüllt ist aber eh auf dem Holzweg.

    • joG
    • 28.10.2010 um 14:05 Uhr

    ....den Ausfall durch eine Schließung der AKWs durch den Import billigen Stroms aus dem Ausland auffüllen, soweit dies vom Netz unterstützt wird. Der Vorteil wäre, dass die Strompreise fielen.

    könnte man über NORGER günstig Ökostrom aus Norwegen einkaufen - die haben nämlich mehr als genug davon. Seltsamerweise will die BRD aber das Kabel nicht ans deutsche Netz anschließen.

    Weiterhin hat das Umweltschutzministerium errechnet das eine Laufzeitverlängerung den Ausbau der erneuerbaren Energien eher behindert. Unter diesen Voraussetzungen kann es natürlich eher nicht dazu kommen, dass der Atomausstieg erfolgt.

    Wer glaubt das Strom billiger wird, wenn man den 4 Platzhirschen ihre Forderungen erfüllt ist aber eh auf dem Holzweg.

    • joG
    • 28.10.2010 um 14:05 Uhr

    ....den Ausfall durch eine Schließung der AKWs durch den Import billigen Stroms aus dem Ausland auffüllen, soweit dies vom Netz unterstützt wird. Der Vorteil wäre, dass die Strompreise fielen.

    • mamor
    • 28.10.2010 um 12:45 Uhr

    jede/r wusste doch VOR den Wahlen was mit den AKWs geschieht? So viele Menschen sind gegen Laufzeitverlängerungen; wieso wurden denn CDU / CSU / FDP überhaupt gewählt?
    Wahrscheinlich eine ziemlich naive Frage, ich weiß!
    Aber ist denn die Zukunft unserer Gesundheit, noch besser unserer Kinder / Enkel... so wenig wert, dass man lieber längere Laufzeiten in Kauf nimmt, mit den ganzen bekannten negativen Seiten.
    Alle anderen Probleme sind doch nur temporär! Da ist es doch schon fast egal was man wählt!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Frage ist immer wieder gut und kennzeichnend für die geringe Möglichkeit an Mitbestimmung der Bürger bei uns.

    Aber Fakt ist, dass man alle vier Jahre mit zwei Stimmen auswählen muss. Alle Themen, jeder noch so kleine politische Bereich, wird mit diesen beiden Stimmen abgedeckt. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass viele Menschen andere Bereiche und andere Motive als wichtiger empfunden haben. Oder manchmal ist es auch nur die Ansammlung an kleinen Kritikpunkten, die dann ausschlaggebend ist. Dazu kommt noch die aktuelle Situation.

    Aber aus der Wahl gewisser Parteien zu schließen, dass man alles, was diese Parteien beschließen wollten und dann auch tun, für gut erachtet, ist nicht gerechtfertigt, da die zwei Stimmen keinerlei Differenzierung zulassen.

    Was ist, wenn man die Arbeitsmarktpolitik der CDU, die Steuerpolitik der Linken, die Umweltpolitik der Grünen, die Netzpolitik der Piratenpartei und die Industriepolitik der SPD bevorzugt, gleichzeitig niemals die Sicherheitspolitik der CDU, geschweige denn die Intergrationspolitik der Grünen, die Arbeitsmarktpolitik der FDP und die Außenpolitik der Linken haben will? Wen wird man mit seinen beiden Stimme wählen?

    Die Frage ist immer wieder gut und kennzeichnend für die geringe Möglichkeit an Mitbestimmung der Bürger bei uns.

    Aber Fakt ist, dass man alle vier Jahre mit zwei Stimmen auswählen muss. Alle Themen, jeder noch so kleine politische Bereich, wird mit diesen beiden Stimmen abgedeckt. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass viele Menschen andere Bereiche und andere Motive als wichtiger empfunden haben. Oder manchmal ist es auch nur die Ansammlung an kleinen Kritikpunkten, die dann ausschlaggebend ist. Dazu kommt noch die aktuelle Situation.

    Aber aus der Wahl gewisser Parteien zu schließen, dass man alles, was diese Parteien beschließen wollten und dann auch tun, für gut erachtet, ist nicht gerechtfertigt, da die zwei Stimmen keinerlei Differenzierung zulassen.

    Was ist, wenn man die Arbeitsmarktpolitik der CDU, die Steuerpolitik der Linken, die Umweltpolitik der Grünen, die Netzpolitik der Piratenpartei und die Industriepolitik der SPD bevorzugt, gleichzeitig niemals die Sicherheitspolitik der CDU, geschweige denn die Intergrationspolitik der Grünen, die Arbeitsmarktpolitik der FDP und die Außenpolitik der Linken haben will? Wen wird man mit seinen beiden Stimme wählen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service