Stuttgart 21 "Die Welt nach Stuttgart 21 sieht anders aus"

So wie in Stuttgart wird die Politik Großprojekte nicht mehr durchziehen können, sagt Heiner Geißler der ZEIT. Der Schlichter im Bahnhofsstreit warnt vor Misstrauen.

Der Schlichter im Streit um den Bahnhof Stuttgart 21 , Heiner Geißler, hält ähnliche Projekte in der Zukunft für kaum noch durchsetzbar. "Es wird keine Regierung mehr geben, die ein solches Projekt in dieser Weise durchzieht", sagte  Geißler der ZEIT. "Die Politik wird gezwungen sein, nicht nur die technologischen und ökonomischen Vorteile zu sehen, sondern auch die Auswirkungen auf die Menschen zu berücksichtigen", fügte er hinzu. Unabhängig davon, ob ihm eine Schlichtung gelinge, sehe die Welt "nach Stuttgart 21 auf jeden Fall anders aus als vorher", sagte der 80-Jährige.

"Eine Aufgabe in diesem Sinne, in dem Umfange und der Intensität hat es in der Republik vorher noch nicht gegeben", beschreibt er sein Vorhaben.  

Wie sich die Fronten in Stuttgart derart verhärten konnten, ist in seinen Augen nicht verwunderlich. Er sprach von der Erfahrung eines ökonomisierten Lebens, vom Ohnmachtsgefühl der Bürger angesichts eines unkontrollierten Finanzsystems, von der schlechten Figur, die Politik unter solchen Umständen macht: "Die Menschen wissen, dass das Wirtschaftssystem versagt hat, und sie übertragen ihr Misstrauen auf die Politik insgesamt", sagte er. Regierungschef Stefan Mappus (CDU) stellte sich hinter Geißler. Er versprach am Mittwoch: "Alles auf den Tisch, alle an den Tisch."

Die Gegner des neuen Bahnhofs in Stuttgart halten auch trotz Geißlers Schlichtungsversuchen vorerst an ihren Forderungen fest, bevor sie Gespräche mit der Landesregierung und der Bahn aufnehmen wollen. Schlichtungsgespräche seien nur denkbar, "wenn während dieser Gespräche keine weiteren Fakten geschaffen werden", sagte der Sprecher der Projektgegner, Fritz Mielert. Damit forderte er erneut den Bau- und Vergabestopp. Bahnchef Rüdiger Grube und die Landesregierung lehnen die Bedingungen der Gegner für Gespräche jedoch ab. "Ich gehe im Moment nicht davon aus, dass es Herr Geißler schafft, bis Freitag diesen Konflikt aus der Welt zu schaffen", sagte Mielert.

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Der Widerstand der Gegner zielt auf den Bahnhofsneubau und eine Schnellbahnstrecke nach Ulm, für die die Bahn etwa sieben Milliarden Euro ausgeben und fast 300 Bäume im Stuttgarter Schlossgarten fällen will. Bei einer Großdemo am 30. September hatte die Polizei auf dem Baugelände für das umstrittene Milliardenprojekt im Schlossgarten neben Reizgas und Schlagstöcken auch Wasserwerfer eingesetzt. Hunderte Protestierende und mehrere Polizisten wurden verletzt.

Die Grünen hingegen halten ein Gespräch zwischen Gegnern und Befürwortern weiter für möglich. "Die Hürden sind überspringbar, wenn man nur will", sagte der Grünen-Fraktionschef im Gemeinderat, Werner Wölfle.

Am Mittwoch forderten die Grünen allerdings auch die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zum Polizeieinsatz im  Stuttgarter Schlossgarten . Sie begründen das damit, dass es seriöse Hinweise darauf gebe, wie die Politik Einfluss auf die Polizeistrategie gehabt habe. Auch Mappus sei "mindestens bei einer Strategiesitzung" dabei gewesen, sagte Grünen-Innenexperte Hans-Ulrich Sckerl. Aus seiner Sicht könnte ein Untersuchungsausschuss bereits im November seine Arbeit aufnehmen und im Januar fertig sein.

Vor einem Untersuchungsausschuss zu der Polizeiaktion solle die CDU/FDP-Regierung zuerst einen kürzlich eingereichten SPD-Fragenkatalog beantworten, sagte der baden-württembergische SPD- Fraktionschef Claus Schmiedel. Das gehe schneller. Bis dahin will er das "Schwert" des Untersuchungsausschusses stecken lassen.  "Wenn die Grünen die Verantwortung der Regierung zeitnah entlarven wollen, sollten sie den Weg der SPD konstruktiv begleiten", sagte er. In einem Untersuchungsausschuss könne der Ablauf stets von der schwarz-gelben Regierungsmehrheit bestimmt werden. Für die Einsetzung eines solchen Gremiums brauchen die Grünen die Stimmen der SPD.

Die mit der FDP regierende CDU sieht keine Notwendigkeit für einen Ausschuss. Aus dem Staatsministerium hieß es, Mappus habe "zu keinem Zeitpunkt" einen Eingriff ins operative Geschäft der Polizei veranlasst. Der Ministerpräsident sei am späten Mittwochnachmittag über den am Donnerstag vor zwei Wochen bevorstehenden "Polizeieinsatz zur Sicherung der Baustelle" informiert worden.

Stuttgarts Polizeipräsident Siegfried Stumpf hatte eingeräumt, dass der Einsatz nicht so ablief, wie geplant. Er habe aber keine Weisungen aus der Politik erhalten. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft liegen zu der gewaltsamen Auseinandersetzung vor knapp zwei Wochen Hunderte Anzeigen vor allem gegen Beamte vor. Gegen einen Polizisten wird wegen Körperverletzung ermittelt.

 
Leser-Kommentare
  1. "Es wird keine Regierung mehr geben, die ein solches Projekt in dieser Weise durchzieht,"

    Wenn Herr Geißler diesen Satz so gesagt hat, dann impliziert er damit, dass dieses Projekt noch so durchgezogen wird, eben weil er nicht relativiert.

    Was will er da noch schlichten?

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    • joG
    • 13.10.2010 um 17:29 Uhr

    ....aber das :"Die Politik wird gezwungen sein, nicht nur die technologischen und ökonomischen Vorteile zu sehen, sondern auch die Auswirkungen auf die Menschen zu berücksichtigen"
    nannte man bereits in den 60ern dlJ Social Impact Studies und waren in den USA für alle grösseren Infrastrukturprojekte vorgeschrieben.

    Eine positive Schlichtung wird es nicht geben, da die derzeitige baden-württembergische Regierung dieses formaljuristisch und verwaltungsrechtlich abgesichertes Projekt quasi geerbt hat. Und es ist doch sonnenklar, daß solche Projekte in der Vergangenhait anders gehandelt wurden. Wie wird es weiter gehen? Allein durch die Witterungsverhältnisse wird sich der Protest etwas abkühlen. Und die Regierung wird die Zeit bis zum Frühjahr nutzen um Fakten zu schaffen. Und welche neue Riegierung bzw. Koalition in dieser 'neuen Welt' auch zustande kommen mag ist grundsätzlich egal, denn dann ist der 'Ausstieg' tatsächlich unmöglich. Das weiß der Schlichter, das Wissen die Gegner wie Befürworter und das wissen auch alle anderen, denen Stuttgart 21 egal ist.

    • joG
    • 13.10.2010 um 17:29 Uhr

    ....aber das :"Die Politik wird gezwungen sein, nicht nur die technologischen und ökonomischen Vorteile zu sehen, sondern auch die Auswirkungen auf die Menschen zu berücksichtigen"
    nannte man bereits in den 60ern dlJ Social Impact Studies und waren in den USA für alle grösseren Infrastrukturprojekte vorgeschrieben.

    Eine positive Schlichtung wird es nicht geben, da die derzeitige baden-württembergische Regierung dieses formaljuristisch und verwaltungsrechtlich abgesichertes Projekt quasi geerbt hat. Und es ist doch sonnenklar, daß solche Projekte in der Vergangenhait anders gehandelt wurden. Wie wird es weiter gehen? Allein durch die Witterungsverhältnisse wird sich der Protest etwas abkühlen. Und die Regierung wird die Zeit bis zum Frühjahr nutzen um Fakten zu schaffen. Und welche neue Riegierung bzw. Koalition in dieser 'neuen Welt' auch zustande kommen mag ist grundsätzlich egal, denn dann ist der 'Ausstieg' tatsächlich unmöglich. Das weiß der Schlichter, das Wissen die Gegner wie Befürworter und das wissen auch alle anderen, denen Stuttgart 21 egal ist.

  2. steht, dass der Bund nicht nur die Strafen für Gewalt gegen Polizisten erhöhen will, sondern auch noch die Voraussetzungen für die Erfüllung des Straftatbestandes reduzieren will.

    Das weitere denk ich mir nur.
    Das ist ja zum Glück nicht verboten.
    Noch nicht.

  3. "Es wird keine Regierung mehr geben, die ein solches Projekt in dieser Weise durchzieht,"
    Genau!
    Auch diese Regierung nicht!
    "Die Menschen wissen, dass das Wirtschaftssystem versagt hat, und sie übertragen ihr Misstrauen auf die Politik insgesamt".
    Das sehe ich auch so! Nun liegt es am sensiblen Vorgehen der Regierung die Gegner mit ins Boot zu nehmen.
    Herr Geißler ist der richtige Mann als Schlichter!

  4. 4. ~ 1119

    Ich fürchte, auch der gewiss intelligente und moderate Geißler hat, vielleicht weil er doch zu sehr von seinen politischen Erfahrungen geprägt wurde, wie die Politik schlechthin noch nicht verstanden, dass das Problem S21 nicht einfach eines von Basisdemokratie oder Verbindlichkeiten ist. Beides hat seine berechtigten Fürsprachen, aber beides ist auch nicht alles und keines wäre an sich streitwürdig.

    Das Problem, das S21 aufzeigt, ist keineswegs etwas Besonderes. Wir haben als Gesellschaft und Individuum schon begriffen, dass die Welt rascher geworden ist. Das, was letztes Jahr galt, kann heute schon falsch sein, und das, was letztes Jahrzehnt angesagt war, heute eine Antiquität. Diese Beschleunigung betrifft sämtliche Wandel. Damit auch ein solches Großprojekt, das über so lange Zeit geplant wurde. Wäre es in einem Jahr beschlossen, geplant und die Ausführung begonnen worden, würde es heute nicht diesen Streit geben. Großprojekte in dieser Art lassen sich zukünftig nicht mehr - zumindest nicht mehr in dieser Weise - durchziehen, weil die damit verbundenen Prozesse zu langsam sind.

    Dies muss die Politik lernen. Die Welt und damit die Bedingungen für ein Projekt ändern sich schneller. Planung und Ausführung müssen daher flexibler werden und jederzeit eine Möglichkeit bieten, ganz auszusteigen. Wer würde heute noch die Anschaffung von 1000 neuen Panzern WEGEN DER BEDROHUNG DURCH DEN OSTBLOCK gutheißen?

    S21 war der Traum der 1990er. Einige wollen ihren Traum nicht aufgeben.

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    • kfmb
    • 13.10.2010 um 19:05 Uhr

    es in einer demokratischen Verfassung (ob nun repräsentativ oder direkt) schwer fällt, schnelle Entscheidungen hervorzubringen.
    Darüber hinaus und womöglich eng damit verbunden haben wir es anscheinend mit einer sehr hohen Volatilität im Wahlverhalten zu tun. Wo es gestern noch eine große Mehrheit gab, ist sie heute nicht mehr. Das sehen wir nicht nur bei S21, sondern auch und sehr krass im Bundestrend. Der Spiegel schreibt heute, Merkel müsse etwas tun, wenn sie aus dem Umfragetief wieder herauskommen wolle. Abgesehen davon, dass Politiker immer etwas tun müssen und dass sie ihre Politiken vorantreiben müssen (zumal gegen große Widerstände), ist die Wählerschaft anscheinend nicht mehr bereit, Folge zu leisten. Der krasse Absturz der FDP spricht Bände: von 14,6 aufg 4%. Wer angesichts dieser Zahlen glaubt, die Grünen könnten die hohen Zuwachsraten jemals stabilisieren, der sieht zu kurz. Den Grünen wird dies auch widerfahren.Die Politik kann sich der Mehrheiten nicht mehr sicher sein. Ist es so, weil alles so schnell geht und die Institutionen nicht angemessen darauf ausgerichtet sind? Wer gibt den Takt vor? Sollten Entscheidungen nicht ihre Zeit brauchen können in einer Demokratie? Braucht es nicht auch entschlossene Bürger und entschlossene Politiker? Warum konnten die Meinungen so schnell umschlagen angesichts eines Projekts, über das über 15 Jahre informiert und diskutiert wurde? Hat das Internet alles schneller gemacht? Sollten wir unser politisches System reformieren?

    • kfmb
    • 13.10.2010 um 19:05 Uhr

    es in einer demokratischen Verfassung (ob nun repräsentativ oder direkt) schwer fällt, schnelle Entscheidungen hervorzubringen.
    Darüber hinaus und womöglich eng damit verbunden haben wir es anscheinend mit einer sehr hohen Volatilität im Wahlverhalten zu tun. Wo es gestern noch eine große Mehrheit gab, ist sie heute nicht mehr. Das sehen wir nicht nur bei S21, sondern auch und sehr krass im Bundestrend. Der Spiegel schreibt heute, Merkel müsse etwas tun, wenn sie aus dem Umfragetief wieder herauskommen wolle. Abgesehen davon, dass Politiker immer etwas tun müssen und dass sie ihre Politiken vorantreiben müssen (zumal gegen große Widerstände), ist die Wählerschaft anscheinend nicht mehr bereit, Folge zu leisten. Der krasse Absturz der FDP spricht Bände: von 14,6 aufg 4%. Wer angesichts dieser Zahlen glaubt, die Grünen könnten die hohen Zuwachsraten jemals stabilisieren, der sieht zu kurz. Den Grünen wird dies auch widerfahren.Die Politik kann sich der Mehrheiten nicht mehr sicher sein. Ist es so, weil alles so schnell geht und die Institutionen nicht angemessen darauf ausgerichtet sind? Wer gibt den Takt vor? Sollten Entscheidungen nicht ihre Zeit brauchen können in einer Demokratie? Braucht es nicht auch entschlossene Bürger und entschlossene Politiker? Warum konnten die Meinungen so schnell umschlagen angesichts eines Projekts, über das über 15 Jahre informiert und diskutiert wurde? Hat das Internet alles schneller gemacht? Sollten wir unser politisches System reformieren?

  5. "Das sehe ich auch so! Nun liegt es am sensiblen Vorgehen der Regierung die Gegner mit ins Boot zu nehmen."

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    um Löschung.

    um Löschung.

  6. "So eine Aufgabe hat es noch nicht gegeben." - So beschreibt einer, der in erster Linie seine eigene Rolle hervorheben will. Typischer Politikersprech. Hier die Politiker, dort die Menschen, die nicht verstehen. Damit die Leser und Zuhörer das süße Gift besser schlucken, wird es in Verständnis gepackt: "Die Menschen übertragen ihr Mißtrauen ..." Unausgesprochen klingt nach "unberechtigtes Mißtrauen". Keine falsche Bescheidenheit, Herr Geißler. Deutschland hat schon ähnliche Aufgaben bewältigt oder wenigstens in Angriff genommen. Aber noch nie war die Mannschaft so schlecht. Siehe nur die miserable Vorstellung der Bahn. Republikweit läßt die Bahn Gebäude verrotten, die Infrastruktur ist in schlechtem Zustand. Woher soll das Vertrauen kommen?

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    In Bremen bekommt man ein ansehnliches Beispiel, wenn man, aus Richtung Oldenburg (Oldb.) kommend in einem ICE oder IC mit der sagenhaften Geschwindigkeit von 20 km/h an den Trümmern des in den 90er Jahren komplett stillgelegten und heute gleislosen ehemaligen Bremer Haupt-Güterbahnhofs vorbei rumpelt.

    In Bremen bekommt man ein ansehnliches Beispiel, wenn man, aus Richtung Oldenburg (Oldb.) kommend in einem ICE oder IC mit der sagenhaften Geschwindigkeit von 20 km/h an den Trümmern des in den 90er Jahren komplett stillgelegten und heute gleislosen ehemaligen Bremer Haupt-Güterbahnhofs vorbei rumpelt.

  7. 7. Bitte

    um Löschung.

    Antwort auf "Gegenge"
  8. "Wir müssen dieses Projekt durchziehen, selbst wenn es schlecht wäre."

    Nach solchen Äusserungen sollte man besser den Ball flach halten.

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