Schon mit den ersten Worten seiner Regierungsansprache offenbarte Stefan Mappus, wie überfordert er noch immer ist: "Ich bedaure, dass es so weit hat kommen müssen", sagte der Baden-Württembergische Ministerpräsident über den Polizeieinsatz im Stuttgarter Schlossgarten vorige Woche. Das klingt, als wären die vielen Dutzend Verletzten unvermeidbar gewesen. Und die Formulierung ist unscharf genug, um noch eine andere Interpretation zuzulassen: Schuld sind alle anderen.

Gäbe es nicht solche Zwischentöne, man könnte glauben, Mappus hätte endlich begriffen . In seiner einstündigen Rede lud er die S21-Gegner erneut ein, ihm auf den "Weg der Versöhnung" zu folgen. Heiner Geißler, ehemaliger Familienminister unter Helmut Kohl und langjähriger CDU-Generalsekretär, wird zwischen Gegnern und Befürwortern schlichten . Das ist eine geschickte Personalentscheidung, die "zum Dialog ausgestreckte Hand" ein richtiges Zeichen. Aber beides kommt Monate zu spät .

Der Ministerpräsident hätte die unheilvolle Kaskade der Ereignisse viel früher unterbrechen müssen – spätestens Ende August, als Versicherungsangestellte, Renterinnen und Lehrer die Bannmeile um den Stuttgarter Landtag ignorierten und das Plenargebäude umzingelten. Angesichts der Bürgerwut und der fortwährenden "Lügenpack"-Rufe hätte Mappus begreifen müssen, dass er nicht so hemdsärmelig weitermachen kann, wie er das aus der baden-württembergischen Politik vielleicht bislang gewohnt war.

Nach nur achtmonatiger Amtszeit muss Mappus nun um sein politisches Überleben bangen und hoffen, dass sich die Lage bis zur Landtagswahl im März kommenden Jahres beruhigt. Viel Spielraum für mögliche Kompromisse hat er nicht mehr. Sein Angebot, in Gesprächskreisen mit den Bürgern über neue Bäume und architektonische Details zu diskutieren, zielt weniger auf die hartgesottenen Gegner des Projekts als auf die immer noch Unentschlossenen. Sie sind die einzigen, die ihm in der gegenwärtigen Situation überhaupt noch zuhören.

Wohl darum widmete Mappus eine lange Passage seiner Rede der Bedeutung von Stuttgart 21 für die Wirtschaft in Baden-Württemberg, dem fünfprozentigen Wachstum in diesem Jahr, den Milliarden, die in den Länderfinanzausgleich gezahlt wurden und nun endlich auch mal zurückfließen könnten. Die Prinzipien der Vertragstreue und der Rechtssicherheit, die für jeden Häuslebauer so essentiell seien, müssten auch für das Bahnprojekt gelten, sagte Mappus. Darum stehe er "ohne wenn und aber" zu Stuttgart 21.

Mit solchen Sachargumenten will Mappus die Kernwähler seiner CDU reaktivieren. Kaum eine Region in Deutschland war während der Finanzkrise so stark von Kurzarbeit betroffen wie das Industrieland Baden-Württemberg, Mittelschicht und das Unternehmertum dürften diese Zeit noch gut im Gedächtnis haben.

Wenn Mappus sagt, Baden-Württemberg sei das "Modell deutscher Möglichkeiten" und dürfe nicht zum Modell der Unmöglichkeiten werden, zielt er auf die Ängste dieser Gruppe.

Den Konflikt mit den verbitterten Gegnern können diese oft vorgebrachten Argumente kaum mehr befrieden. Ihnen geht es schon lange nicht mehr um den Bahnhof, sondern darum, der bislang so selbstherrlichen Landesregierung einen Denkzettel zu verpassen.