Der Tagungsleiter versucht die Delegierten mit einem Spiel bei Laune zu halten: "Wo ist Niedersachsen?", ruft er in den Saal. Hinten links grölen welche. "Wo ist die Hauptstadtregion?" – irgendwo in der Mitte. Gleich daneben sitzt NRW und Bremen ist ganz alleine da. Die Junge Union wartet auf Horst Seehofer, er soll den diesjährigen Parteitag mit einer Rede eröffnen und hat sich verspätet.

Leicht hatten sie es alle nicht in der letzten Zeit. Horst Seehofer provozierte zu Wochenbeginn mit seiner These, Deutschland brauche keine weitere Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen. Die harsche Kritik , die auf diese Äußerung folgte, kam auch aus dem christsozialen Lager. Die Junge Union dagegen litt ganz allgemein unter dem zu moderaten Kurs der Kanzlerin und den verheerenden Umfragewerten für die Mutterpartei. Vielleicht gibt es deshalb Freibier im Foyer. Deutschlandtagfestbier, es wurde extra gebraut.

Der Termin ist nicht einfach für Seehofer, auch wenn die Junge Union, in der es traditionell rustikaler zugeht als in den Mutterparteien, seiner Kulturkreis-Theorie durchaus zustimmt. Phillipp Mißfelder, der nicht nur Vorsitzender der Jugendorganisation ist, sondern auch im CDU-Präsidium sitzt, äußerte kürzlich große Sympathie für Seehofers schärfsten innerparteilichen Konkurrenten: "Viele in der Jungen Union konzentrieren ihre Hoffnung auf Karl-Theodor zu Guttenberg."

Das ist vorerst vergessen, als Rumtata aus den Lautsprecherboxen scheppert. Alle im Saal stehen auf und klatschen im Takt, Horst Seehofer ist da. Philipp Mißfelder begrüßt den bayerischen Ministerpräsidenten: Er habe ja in den vergangenen Tagen "an der ein oder anderen Stelle" für Schlagzeilen gesorgt. "Genau so, wie es die Aufgabenbeschreibung eines CSU-Vorsitzenden verlangt."

Eigentlich ist nach diesen Worten klar, was hier alle hören wollen. Doch Seehofer lässt sich Zeit, hält sie hin mit langen Ausführungen über die geistigen Grundwerte der Union und die gute Situation Deutschlands nach der Finanzkrise: "Da ist viel Union drin in dieser guten Lage."

Erst als Seehofer die Hartz-IV-Reform verteidigt, bekommt er Beifall. "Es ist viel zu viel über die gesprochen worden, die vom Staat leben. Und viel zu wenig von denen, die den Staat finanzieren." Er wolle darauf noch einmal eingehen, wenn er gleich über Zuwanderung spreche. Vorher sind noch andere Themen dran: Bürokratieabbau, Familienförderung, Bildung. Im Saal wird viel getuschelt, die ersten gehen nach draußen und holen sich ein Bier.

Doch dann kommt es, ganz unvermittelt: "Multikulti ist tot!", donnert Seehofer. Die deutsche Leitkultur werde bestimmt "von der christlich-jüdischen Wertetradition und vom Humanismus." Der Beifall ist lang und rhythmisch, hier ist die Kritik der vergangenen Tage spurlos vorüber gegangen. Horst Seehofer weiß auch, warum: Noch nie in seiner politischen Karriere habe er so viel Zustimmung von "den Menschen auf der Straße" erhalten, sagte er.