Gangolf Stocker ist Sprecher des Bündnisses Leben in Stuttgart und eingebunden in die Verhandlungen über den umstrittenen Bahnhofsneubau in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Kurz vor Beginn des zweiten Schlichtungsgespräches zwischen Bahn und Bahnhofsgegnern sagte er, die Bahn breche mit weiteren Bauarbeiten die vereinbarte Friedenspflicht.

Er stört sich an Beton-Fertigteilen, die Bauarbeiter am Donnerstagnachmittag am Südflügel des Hauptbahnhofes abgesetzt haben sollen. Diese seien für die Fortsetzung der Arbeiten an den Fundamenten jener Halle gedacht, die für die Grundwasserregulierung benötigt werde, sagte Stocker. Ein Bahnsprecher sagte hingegen, "diese vorbereitenden Maßnahmen sind ausdrücklich Bestandteil der mit den Projektkritikern zuvor getroffenen Vereinbarungen".

Auch der Schlichter im Bahnhofsstreit, Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, sagte, es sei nach Auskunft der Bahn nichts passiert, was die Friedenspflicht beeinträchtigt.

Der Bahnsprecher sagte, die Bauleute bereiteten mit den Teilen die Grundwasserregulierung der Baustelle weiter vor. Dafür würden Betonwinkel eingebaut, um ein Verfüllen und Verdichten des Bodens zu ermöglichen. Darüber hinaus führe man am Südflügel dringend erforderliche Sicherungsarbeiten aus. Laut Projekt-Kritiker Stocker wurde jedoch nur vereinbart, die Grube auszuheben, die Rohre zu verlegen und den Frostschutz zu gewährleisten.

Die Bahn will den Stuttgarter Bahnhof in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umbauen. Zudem soll eine Schnellbahnstrecke nach Ulm entstehen – die Kostenrechnung der Bahn veranschlagt dafür etwa sieben Milliarden Euro, Kritiker kalkulieren bis zur doppelten Summe.

Bei dem Treffen von Kritikern und Befürwortern am Freitag steht noch einmal die Leistungsfähigkeit des geplanten Tiefbahnhofs im Zentrum. Ursprünglich wollte die Runde dieses Thema bereits vergangene Woche abschließen, Geißler sah aber noch weiteren Gesprächsbedarf. Danach steht die Debatte über die geplante Neubaustrecke nach Ulm auf dem Programm, die der Bund baut.

Das Treffen wird wieder live im Fernsehen und im Internet übertragen.

Wegen des harten Polizeieinsatzes gegen Stuttgart-21-Gegner Ende September gerät die schwarz-gelbe Koalition im Lande weiter unter Druck. Vier schwer verletzte Demonstranten wollen mit einer Klage die Rechtmäßigkeit des Einsatzes im Schlossgarten anfechten.

Auch begann am Donnerstag der Untersuchungsausschuss zu dem umstrittenen Einsatz seine Arbeit. Das Landtagsgremium soll klären, ob es eine Vorgabe der Regierung von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) für das harte Vorgehen der Beamten mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray gab.

Bei dem Einsatz im Stuttgarter Schlossgarten hatten Hunderte Demonstranten und Dutzende Beamte Verletzungen erlitten. Die Protestierer wollten nicht, dass die ersten von etwa 280 Bäumen gefällt werden, die der dort geplanten Grundwassergrube im Weg waren.

Das Parlament in Stuttgart lehnte einen SPD-Antrag auf einen landesweiten Volksentscheid über das Projekt mit der CDU/FDP-Mehrheit ab. Die Grünen enthielten sich, weil die von der SPD vorgeschlagene Fragestellung auf die Akzeptanz des Umbaus des Hauptbahnhofs und der neuen ICE-Trasse nach Ulm ausgerichtet sei. Die Grünen plädierten für eine ergebnisoffene Volksabstimmung.