Schlichter Heiner Geißler hat die bisherigen Entscheidungsprozesse bei dem Projekt Stuttgart 21 kritisiert. "Staatliche Entscheidungen bei solch gravierenden Projekten ohne Einbindung der Bürger gehören dem vorherigen Jahrhundert an", sagte Geißler der Bild am Sonntag . Die "Zeit der Basta-Entscheidungen" in Deutschland sei vorbei. Dafür sei auch der jetzt begonnene Schlichtungsprozess ein "deutliches Signal".

Dem Blatt zufolge kämen auf die Bahn Kosten in Höhe von mehr als drei Milliarden Euro zu, sollte das Projekt gekippt werden. Zusätzlich zu 1,43 Milliarden Euro, die die Bahn bereits in das Projekt gesteckt habe, seien bei einem Ausstieg 1,8 Milliarden Euro für die Erneuerung des Gleisvorfeldes des bisherigen Bahnhofes nötig.

In Stuttgart ist es am Samstag unterdessen erneut zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten gegen Stuttgart 21 und der Polizei gekommen. Etwa 60 Menschen besetzten vorübergehend den Südflügel des Hauptbahnhofes, wie die Polizei mitteilte. Bei der Räumung wurde demnach ein Polizist durch den Schlag eines Demonstranten verletzt.

Die Demonstranten brachen nach Angaben eines Polizeisprechers die Tür zum Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs auf und drangen in das Gebäude ein. Sie verbarrikadierten sich in dem Gebäude. Als die Polizei begann, den Südflügel zu räumen, versetzte dem Sprecher zufolge ein Demonstrant einem Beamten mit einem Gegenstand einen Schlag, so dass dem Beamten ein Finger gebrochen wurde. Über die Art des Gegenstandes konnte der Sprecher zunächst keine Angaben machen.

Vor dem Südflügel seien währenddessen hunderte Menschen auf der Straße gewesen, sagte der Polizeisprecher. Eine aufgebrachte Menge habe ein ziviles Einsatzfahrzeug der Polizei massiv blockiert. Die Demonstranten hätten das Auto geschaukelt, es zerkratzt, dagegen getrommelt und sich unter das Fahrzeug gelegt. Einige hätten Aufkleber des Protestbündnisses auf den Polizeiwagen geklebt. Insgesamt 300 Polizisten seien im Einsatz gewesen.

Vor dem Zwischenfall hatten nach Angaben der Polizei 18.000 Menschen auf dem Stuttgarter Schlossplatz "absolut friedlich" gegen Stuttgart 21 demonstriert. Nach Angaben eines Sprechers des Aktionsbündnisses nahmen an der Protestveranstaltung 25.000 Menschen teil.

Kurz vor der Großdemonstration gegen das Projekt hatte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin Bahnchef Rüdiger Grube vorgeworfen, die Schlichtungsbemühungen von Heiner Geißler zu untergraben. "Offensichtlich glaubt Herr Grube, eine Schlichtung sei ein bisschen Beruhigungsheiteitei für die Gegner. Er eskaliert, provoziert, polarisiert. Und er untergräbt jeden Schlichtungsvorschlag von Herrn Geißler", sagte Trittin. Zugleich warnte der Grünen-Politik davor, den Tunnelbau voranzutreiben. "Während der Schlichtung dürfen keine Fakten geschaffen werden, die eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung vorweg nehmen."