ZEIT ONLINE: Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat am Mittwoch eine sehr ernste Terrorwarnung ausgesprochen. Hat das Folgen für die Konferenz der Innenminister der Länder? 

Wolfgang Bosbach: Der Bund hat schon vor Tagen seine Sicherheitsstrategie mit den Ländern abgesprochen. Diese Maßnahmen werden nun umgesetzt. Auf der Inneministerkonferenz wird sicher kein völlig neues Konzept besprochen werden, das ist auch nicht notwendig.

ZEIT ONLINE: Wie lange können die Polizeien des Bundes und der Länder die massiven Sicherheitsmaßnahmen aufrecht halten? Wie lange können Tausende Beamte Bahnhöfe und Flughäfen bewachen?

Bosbach: Natürlich geht das nicht über Monate oder Jahre hinweg. Der Grund für die Warnung des Bundesinnenministers waren konkrete Hinweise auf einen möglichen Anschlagszeitraum. Die für die Bevölkerung deutlich sichtbaren Maßnahmen, die ein Teil der zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen sind, muss man so lange aufrecht halten, wie man von dieser Gefahrenlage ausgehen muss.

ZEIT ONLINE: Gerade wurde in Windhuk ein Gepäckstück abgefangen , das vermutlich eine für Deutschland bestimmte Bombe enthielt. Gegen solche Versuche hilft es nicht, schwer bewaffnete Polizisten auf Bahnhöfe zu schicken.

Bosbach: Es gibt viele Wege, auf denen Terroristen in Deutschland Anschläge auszuführen könnten. Wenn Sie einen Hinweis auf einen Banküberfall bekommen, ist es trotzdem möglich, dass woanders zeitgleich ein Diebstahl stattfindet. Da können Sie auch nicht sagen: Das passt aber nicht zur Warnung vor dem Banküberfall.

ZEIT ONLINE: Der Minister hat am Mittwoch von " sehr konkreten Ermittlungsansätzen " gesprochen.

Bosbach: Wenn die Bundesregierung jetzt aktuell Hinweise aus Quellen bekommen hat, die uns in der Vergangenheit bereits treffend informiert haben, dann muss man diese Hinweise ernst nehmen. Dass darüber hinaus andere Terroristen andere Pläne verfolgen, ist nicht auszuschließen. Wir haben seit Anfang 2009 eine Besorgnis erregende Gefährdungslage, weil wir erhöhte Reiseaktivitäten aus Deutschland in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet und wieder zurück beobachten. Wir haben im vorigen Jahr erlebt, dass Deutschland ausdrücklich als potenzielles Anschlagsziel genannt wurde, es gab mehrere Drohvideos, die sich direkt an uns richteten. Die Bundesanwaltschaft führt 400 Ermittlungsverfahren mit islamistisch-terroristischem Hintergrund.

ZEIT ONLINE: Die Ereignisse der vergangenen 24 Stunden haben bereits neue Forderungen nach der präventiven Speicherung von Kommunikationsdaten hervorgebracht.

Bosbach: Das Thema steht schon seit Monaten auf der Tagesordnung und dort wird es auch bleiben. Aber die aktuellen Terrorwarnungen sind nicht die Stunde des Gesetzgebers, sondern die Stunde der Sicherheitsbehörden. Der internationale Terrorismus ist hoch kommunikativ und hoch konspirativ. Auch in diesen Fällen würde die Vorratsdatenspeicherung den Sicherheitsbehörden helfen.