Bundeswehr Tapferkeit im Gefecht wird zur soldatischen Tugend

Schleichend wandelt sich die Bundeswehr: Von der Verteidigungstruppe zur Kriegsarmee. Erstmals werden Soldaten für Leistungen im Gefecht ausgezeichnet.

Mario Kunert steht mit durchgedrücktem Kreuz im Stauffenberg-Saal des Berliner Bendlerblocks. Hinter ihm in der Ecke erinnert eine Büste an den Namensgeber des Saals. Vor ihm sitzen die Angehörigen von gefallenen Kameraden. Links neben ihm stehen weitere Soldaten, die wie Kunert geehrt werden. Zwei von ihnen hat der Krieg im Gesicht gezeichnet, die Wangen vernarbt, die Augen verletzt. Am Rednerpult lobt Karl-Theodor zu Guttenberg den Mut der Infanteristen im Gefecht.

Im Berliner Verteidigungsministerium findet im kleinen Rahmen eine Premiere statt. Erstmals zeichnet ein Verteidigungsminister der Bundesrepublik, der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt über noch rund 250.000 Soldaten, Männer aus, die im Gefecht "mit außergewöhnlichen Mut und unter Inkaufnahme höchster Risiken für ihr Leben herausragend tapfer gehandelt haben". Vier aktive Soldaten und posthum zwei Gefallene werden von Guttenberg mit dem "Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit" und der "Einsatzmedaille der Bundeswehr Gefecht" ausgezeichnet.

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Die neu geschaffene Gefechtsmedaille bekommen zudem die Angehörigen neun weiterer am Hindukusch getöteter Soldaten überreicht. Sie gehen langsam nach vorne und sehr schnell zurück zu ihren Stühlen. Dass es manchem nicht leicht fällt, an der Zeremonie teilzunehmen, verraten die Gesichter. Als sie die Medaille entgegennehmen, weinen eine Witwe und ein Vater, dessen Sohn am Karfreitag fiel. Einer der geehrten Soldaten, ringt sich ein Lächeln ab, als sein höchster Vorgesetzter nach aufmunternden Worten sucht. Die Soldaten denken an die Kameraden, die weniger Glück im Gefecht hatten, die die Medaille nicht mehr selber entgegennehmen können.

Eine Gefechtsmedaille hat es in Deutschland seit 1945 nicht mehr gegeben. Das Eiserne Kreuz, das im Ersten und Zweiten Weltkrieg für sogenannte Frontkämpfer verliehen wurde, missbrauchten die Nationalsozialisten für ihre Propaganda. Das Großkreuz des Eisernen Kreuzes bekam etwa Hermann Göring verliehen.

Im demokratischen Westdeutschland hielten sich Verteidigungspolitiker und Militärs mit Orden deshalb lange Zeit zurück. 1980 wurde ein "Treuedienst-Ehrenzeichen" geschaffen. 2008 stiftete Guttenbergs Vorgänger, Verteidigungsminister Franz Josef Jung dann das Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit. Bei der Gestaltung des Ordens setzte die Bundeswehr auf die umstrittene Tradition der Vorgängerstreitkräfte: Das Ehrenkreuz ist ein wenig schlanker als das klassische Eiserne Kreuz. In der Mitte befindet sich ein runder Schild, der auf der Vorderseite den Bundesadler zeigt, dahinter ein Eisernes Kreuz.

Am deutlichsten formuliert die Kritik an dem Orden ein ehemaliger Bundeswehrangestellter: "Mit der Gefechtsmedaille werden in der Tat das kriegerische Element und der alte Kriegerkult im Militär hofiert - und das ist zu bedauern", sagte Detlef Bald, ehemaliger Direktor für Militär und Gesellschaft am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr, in der Tagesschau . "Man kann daran eine neue Etappe der schleichenden Militarisierung der Außenpolitik der Bundesrepublik erkennen."

Guttenberg habe einen "Kämpfer-Orden" gestiftet, heißt es oft. Er selber betont, dass er damit "soldatische Tugenden im besten Sinne" auszeichne. Doch Tapferkeit im Kampf galt vor dem Beginn robuster Auslandseinsätze im Kosovo 1999 und vor allem Afghanistan 2001 nicht als wichtigste Tugend deutscher Soldaten. Nach außen zumindest rühmten Verteidigungsministerium und Armee den helfenden Staatsbürger in Uniform – in Deutschland etwa bei Flutkatastrophen, im Ausland als Brunnenbohrer und Schulenbauer.

Die Helden der alten Bundeswehr waren Offiziere wie Stauffenberg, die Hitler und seinem menschenverachtenden Regime entgegentraten. Oder General Rommel, dem als Wüstenfuchs verehrten Weltkriegsgeneral, der vom geplanten Anschlag auf Hitler wusste, dessen Rolle heute aber weniger positiv gesehen wird als in den Entstehungsjahren der Bundeswehr. Verteidigungsminister zu Guttenberg präsentiert neue Helden – auch wenn er die Männer, die er rühmt, so nicht nennt. Er bezeichnet sie als "Vorbild vieler", als "herausragende Soldaten".

Mit dem CSU-Politiker kam eine neue Sprache ins Amt. Bundeskanzlerin Angela Merkel bedankte sich kürzlich auf der Kommandeurtagung der Bundeswehr für die neue klare Sprache. Guttenberg war der erste Spitzenpolitiker, der den Einsatz in Afghanistan als Krieg beschrieb. Guttenberg agiert so, als wolle er die Bevölkerung geradezu zwingen, die neue Einsatzrealität der Bundeswehr wahrzunehmen und vor allem die Truppe im Kampf zu unterstützen. Je mehr die Deutschen jedoch über den Krieg in Afghanistan erfahren, desto größer scheint die Ablehnung zu werden. Daran dürfte auch die neue Medaille nichts ändern.

Leser-Kommentare
  1. warum nimmt man dann so eine goldige Plakette, die an Lametta und Karnevalsorden erinnert, und nicht das schlichte schwarze "eiserne Kreuz"?

    Letzteres steht traditionell für genau das, nämlich "Tapferkeit im Gefecht" - und vor allem: Für nichts anderes. Und es entspricht dem offiziellen Symbol und der internationalen Kennung der deutschen Streitkräfte, wie es auf jedem Gefechtsfahrzeug aufgemalt ist.

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    • CHHN
    • 30.11.2010 um 17:44 Uhr

    Das Eiserne Kreuz besteht schon seit der Freiheitskriege und hat eine demokratische und militaerische Tradition als Kriegsauszeichnung. Das Symbol ist schon seit Beginn der Bundeswehr als Hoheitszeichen auf Fahrzeugen und Flugzeugen zu finden und daher auch in der Bundeswehr nichts Neues. Warum "reinvent the wheel"? Wir haben eine wertbezogene Tradition, die es weiterzufuehren gilt.

    • CHHN
    • 30.11.2010 um 17:44 Uhr

    Das Eiserne Kreuz besteht schon seit der Freiheitskriege und hat eine demokratische und militaerische Tradition als Kriegsauszeichnung. Das Symbol ist schon seit Beginn der Bundeswehr als Hoheitszeichen auf Fahrzeugen und Flugzeugen zu finden und daher auch in der Bundeswehr nichts Neues. Warum "reinvent the wheel"? Wir haben eine wertbezogene Tradition, die es weiterzufuehren gilt.

    • ThorHa
    • 30.11.2010 um 12:25 Uhr

    Kämpfen, wenn es der politische Wille (!) der deutschen Parlamentarier so will. Kann oder will sie nicht kämpfen, ist jeder Euro ihrer Finanzierung sinnlos rausgeschmissenes Geld. Aufbauarbeiten, Katastrophenhilfe et al können zeitweise auch zu ihren Aufgaben gehören, aber eben nur als Nebenzweck ihrer Existenz. Leistungen beim Kämpfen mit einer Auszeichnung zu honorieren, ist das mindeste, was man für eine Kampftruppe tun kann. Denn Soldaten zahlen einer Gemeinschaft den höchsten denkbaren Preis mit ihrem Dienst - ihr Leben. Dass manche in Deutschland damit ein Problem haben, beweist nur die fortdauernde Gültigkeit eines Satzes von Gustav Stresemann zum Realitätssinn der Deutschen: Unsere tägliche Illusion gib uns heute ...

    • Harzer
    • 30.11.2010 um 12:40 Uhr

    Eine Armee zur Landesverteidigung hat wenigstens eine prizipielle Aufgabe, auch wenn gegenwärtig kein Feind an unserer Grenze steht.
    Diese neue Armee brauchen wir weder prinzipiell noch praktisch.
    Nicht ohne Grund (Wikileaks), ist Gutenberg einer der eifrigsten kleinen Brüder der USA in Deutschland. Hier organisiert er einfach eine weltweite Hilfstruppe für diese.
    Mit unserem Blut werden da USA-Kastanien mit aus dem Feuer geholt!

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    • keox
    • 30.11.2010 um 12:57 Uhr

    "Mit unserem Blut werden da USA-Kastanien mit aus dem Feuer geholt!"

    Die Militarisierung €uropas ist eine Brüsseler Vorgabe, ebenso wie die Verhängung von Todesstrafen im Kriegsfall, resp. Aufständen!

    €uropa war nie als ein Europa der Völker gedacht.

    • keox
    • 30.11.2010 um 12:57 Uhr

    "Mit unserem Blut werden da USA-Kastanien mit aus dem Feuer geholt!"

    Die Militarisierung €uropas ist eine Brüsseler Vorgabe, ebenso wie die Verhängung von Todesstrafen im Kriegsfall, resp. Aufständen!

    €uropa war nie als ein Europa der Völker gedacht.

    • Jeppe
    • 30.11.2010 um 12:43 Uhr

    außerdem ist das Eiserne Kreuz ein Orden in Form eines Tatzenkreuzes, sowie immer noch das Zeichen der Bundeswehr.

    Das Eiserne Kreuz steht vor allem für die Befreiung Europas von Napoleon und die Stärke Deutschland in der Einheit. Dass die Nazis es missbrauchten, bleibt unbestritten, doch stehen sie nicht für die ganze Geschichte und Bedeutung dieses historischen Ordens.

    »Ein Orden, in dem deutsche Geschichte steckt«
    Als neuer Tapferkeitsorden der Bundeswehr kommt es nun wieder ins Gespräch: Das Eiserne Kreuz wird bald 200 Jahre alt und hat in der deutschen Geschichte eine lange Tradition. Das Kreuz, das ursprünglich ritterliche Pflichterfüllung symbolisierte, wurde zu einer der wichtigsten militärischen Auszeichnungen.

    http://www.welt.de/kultur...

    »Unsere Helden haben das Eiserne Kreuz verdient!«
    http://www.welt.de/debatt...

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    ich haette bis vor ein paar jahren nicht geglaubt, dass dieser unsinn nochmal moeglich sein wird in deutschland. schon wegen des grundgesetzes, das wir ja nicht ohne grund haben. aber schwupps, applaus, applaus, haengt wieder ein baron das lametta an die todgeweihten, und der michel findet's auch noch richtig so.

    ich haette bis vor ein paar jahren nicht geglaubt, dass dieser unsinn nochmal moeglich sein wird in deutschland. schon wegen des grundgesetzes, das wir ja nicht ohne grund haben. aber schwupps, applaus, applaus, haengt wieder ein baron das lametta an die todgeweihten, und der michel findet's auch noch richtig so.

    • gquell
    • 30.11.2010 um 12:50 Uhr

    Die Väter des Grundgesetzes und der Bundeswehr würden sich im Grab umdrehen, wenn sie diese absurde Schau jetzt erleben dürften. Unser Herr Verteidiungsminister ist kein Minister für Verteidigung mehr sondern ein Kriegsminister. Dieser Einsatz deutscher Soldaten im Ausland ist im Grunde nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar, es ist eine Schande, wie hier die Vorgaben unserer Verfassung verdreht werden.

    Ich frage mich langsam, wann die ersten deutschen Soldaten wieder im Stechschritt durch das Brandenburger Tor marschieren.

    Deutschland braucht keine Armee, die Zeit des kalten Krieges ist lange vorbei. Wir brauchen auch keine Orden für Kampfeinsätze und im Grunde müßten sich alle Soldaten, die den Eid auf unsere Verfassung abgegeben haben (Zeit- und Berufssoldaten), weigern, diese Kriegsspiele im Ausland mitzumachen.

    13 Leser-Empfehlungen
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    aber bitte lesen sie doch: Die Soldaten wollen Orden, noch mehr als ihnen zugestanden wurden!

    aber bitte lesen sie doch: Die Soldaten wollen Orden, noch mehr als ihnen zugestanden wurden!

    • keox
    • 30.11.2010 um 12:50 Uhr

    "Und zeigen, dass die alte Bundeswehr der Landesverteidigung endgültig Geschichte ist."

    wann die ersten Urteile wegen 'Wehrkraftzersetzung' gefällt werden.

    Back to the roots?

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    Militärgerichtsbarkeit wieder eingeführt wird. Dann wissen wir was die Glocke geschlagen hat. Und ab wann Feldjäger die Polizeikräfte unterstützen. Ich denke, dass ich es noch erleben werde, dass Zivilisten in Privatpkws an Feldjägerstraßensperren kontrolliert werden. Und ich bin ein relativ alter Sack.

    Militärgerichtsbarkeit wieder eingeführt wird. Dann wissen wir was die Glocke geschlagen hat. Und ab wann Feldjäger die Polizeikräfte unterstützen. Ich denke, dass ich es noch erleben werde, dass Zivilisten in Privatpkws an Feldjägerstraßensperren kontrolliert werden. Und ich bin ein relativ alter Sack.

    • keox
    • 30.11.2010 um 12:57 Uhr

    "Mit unserem Blut werden da USA-Kastanien mit aus dem Feuer geholt!"

    Die Militarisierung €uropas ist eine Brüsseler Vorgabe, ebenso wie die Verhängung von Todesstrafen im Kriegsfall, resp. Aufständen!

    €uropa war nie als ein Europa der Völker gedacht.

  2. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man kritisiert, wenn junge Männer die den Willen des Volkes/ der Volksvertreter erfüllen und dabei ihr Leben riskieren, nicht auch dafür ausgezeichnet werden sollen, wenn sie das besonders gut tun.

    Weder die Soldaten noch die Generäle haben entschieden, dass deutsche Soldaten in den Krieg ziehen. Wenn also Kritik an der Militarisierung der Bundeswehr, dann an die richtige Adresse: nämlich die damalige wie die heutige Regierung.

    Die Medaille ist also lediglich eine Anpassung an die neue, alte Rolle der deutschen Armee: Krieg.

    Eine Leser-Empfehlung

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