Bundeswehrreform Im Norden wächst der Unmut über Guttenberg

Die Truppe wird kleiner, zahlreiche Standorte werden im Zuge der Bundeswehrreform wegfallen. In Norddeutschland formiert sich Protest.

Die Stimmung im Restaurant Zum Prinzen ist ernst. Mit Sorge haben viele Menschen im schleswig-holsteinischen Plön und in der Umgebung die Pläne zur Bundeswehrreform verfolgt. Sie haben von einer drastischen Verkleinerung der Truppe gelesen. Und davon, dass Kasernen geschlossen werden sollen. Sie fürchten, es könnte den eigenen Landkreis treffen. Wieder einmal.

Die SPD hat das Thema aufgegriffen und zur Diskussion in den Plöner Prinzen geladen. 60 Gäste sind gekommen, viel mehr passen in den großen Saal nicht hinein. Die SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Bartels aus Kiel und Sönke Rix aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde sprechen über die Pläne von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Was sie zu sagen haben, nimmt den Zuhörern die Ängste nicht. Im Publikum sitzen Lokalpolitiker, der Leiter der Marineunteroffiziersschule sowie andere Soldaten und zivile Mitarbeiter der Bundeswehr. "1995 haben wir bereits einen Standort eingebüßt", sagt Bürgervorsteher Hans-Jürgen Kreuzburg von den Sozialdemokraten. "Für den Kreis Plön spielt die Bundeswehr eine ganz wichtige Rolle."

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In Plön ist die Marineunteroffiziersschule beheimatet – "Mus" wird sie hier abgekürzt –, außerdem ein Sanitätszentrum, Logistiker und der Standortservice. Der Bürgervorsteher zählt zusammen: 1073 militärische Dienstposten, 675 stets wechselnde Lehrgangsteilnehmer und 507 zivile Stellen. Investitionen von rund 18 Millionen Euro habe Berlin für die örtlichen Bundeswehrliegenschaften vorgesehen. Ein gewaltiger Betrag für eine 13.000-Einwohner-Stadt wie Plön. Auch lokale Firmen dürften davon profitieren.

Nicht nur im hohen Norden verfolgen Kommunalpolitiker und Bürgermeister seit Wochen sehr genau, was aus dem Berliner Bendlerblock an Gerüchten nach draußen dringt. Seit klar ist, dass die Bundeswehr reformiert und verkleinert wird, wachsen überall dort die Sorgen, wo noch eine Kaserne, eine Standortverwaltung oder sonstige Bundeswehrbehörden angesiedelt sind.

Ob Kreiswehrersatzamt, Ausbildungszentrum oder Serviceeinrichtungen – die Bundeswehr und das Ministerium zählen in vielen Regionen zu den wichtigsten Arbeitgebern. Vor allem in strukturschwachen Gegenden bedeutet eine Standortschließung einen herben Verlust an Wirtschaftskraft.

Schleswig-Holstein ist eines der Bundesländer, das von der noch laufenden Transformation der Bundeswehr besonders betroffen ist. Das Land hat seit der Wiedervereinigung zahlreiche Einheiten verloren: Die Marinefliegerverbände in Tarp-Eggebek und Schleswig-Jagel, die Tornado-Jagdbomber einsetzten, wurden aufgelöst. Die Hansestadt Lübeck verabschiedete 2007 die letzte Bundeswehrdienststelle. Vor wenigen Wochen stellte die Marine sechs U-Boote außer Dienst, die in Kiel und Eckernförde stationiert waren. Der Hafen Olpenitz in Kappeln wurde aufgegeben, die Flottille der Minenstreitkräfte zog nach Kiel um. "Das Ende einer Ära", titelte die Marine zum Abschied. Tausende Dienstposten fielen in Schleswig-Holstein weg oder wurden in andere Bundesländer verlegt.

Und nicht nur die Marine wurde kleiner: Das Ausbildungszentrum Heeresflugabwehrtruppe räumte im Frühjahr 2010 die Feldwebel-Schmid-Kaserne in Rendsburg. Die Stadt am Nord-Ostseekanal verlor nach 350 Jahren ihre Garnison. In den zwei Kasernen und der Standortverwaltung waren zuvor allein 1.900 zivile Mitarbeiter beschäftigt gewesen. Das Heer unterhält heute nur noch zwei Standorte im nördlichsten Bundesland. Einer davon steht vermutlich bereits ganz oben auf der Streichliste, da in Lütjenburg bei Plön Einheiten der Heeresflugabwehr stationiert sind, die im neuen Konzept der Bundeswehr nicht mehr vorgesehen sind. Deren Hauptwaffe, der Panzer Gepard, wurde bereits außer Dienst gestellt.

Leser-Kommentare
  1. Das norddeutsche Küstengebiet ist wohl die am stärksten von Naturkatastrophen bedrohte Region in ganz Deutschland. Bei der Deichverteidigung kommt der Bundeswehr eine herausragende Rolle im Zusammenspiel mit den anderen Einsatzkräften von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk zu. Innerhalb kürzester Zeit kann im Moment die Bundeswehr bei drohenden Deichbrüchen und den damit verbundenen großflächigen Überflutungen von Siedluungsräumen eine große Zahl an Einsatzkräften sowie an schwerem Material bereit stellen.

    Offenbahr hat Herr zu Guttenberg keinerlei Ahnung davon, wie wichtig die Bundeswehr im Norden ist und was für eine Funktion sie dort hat. Aber - so denke ich jetzt einmal als Norddeutscher Küstenmensch - verwunderlich ist das nicht; zu Guttenberg steht in einer aus meiner Sicht unheiligen CSU-Tradition: Franz-Josef Strauß versagte als Bundesverteidigungsminister bei der Flutkatastrophe von 1962 an der Elbe kläglich, Edmund Stoiber verspielte im Jahre 2002 beim Elbhochwasser durch seine ungeheuerliche und bis ins völlig Absurde reichende Planlosigkeit seinen sicheren Wahlsieg kurz vor der Ziellinie.

    Mit CSU-Leuten als Kanzler oder Verteidigungsminister, so lautet eine alte norddeutsche Küstenweisheit, ist man an der Lüste gegenüber dem Blanken Hans ganz schnell verraten und verkauft.

  2. ist dieser Landkreis Plön und wieso finanzieren wir ihn mit unseren Steuergeldern?

  3. ...besteht nun wirklich nicht darin, strukturschwachen Regionen Ressourcen zufließen zu lassen.

    Die langfristig gedachten Reformen zu Guttenbergs sind überfällig und dienen dem vernünftigen Ziel, die Streitkräfte ihren dynamischen gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Umwelten anzupassen.

    Sollen wir an verkrusteten und vor allem ineffizienten Strukturen festhalten, nur damit in Hintertupfingen zwei Schnitzel mehr gebraten werden können?

  4. dann muss man halt das THW und die Feuerwehr vernünftig ausstatten, aber nicht eine ansonsten überflüssige Armee aufrechterhalten. Das wär wahrscheinlich auch billiger, schließlich müssen keine Waffensysteme finanziert werden.

  5. Die Aufgabe der Bundeswehr ist nicht die Regionalförderung.

    Die Aufgabe der Bundeswehr ist nicht der Katastrophenschutz. Selbstverständlich soll sie im Notfall Personal im Zuge der Amtshilfe bereitstellen, aber nicht dafür vorhalten.

    Die Küstenländer haben durch die exklusive Ansiedlung einer Teilstreitkraft stärker profitiert als küstenferne Regionen.

    Wie wird eigentlich der Nachteil, kein Militärstandort zu sein, ausgeglichen? Ausgleichszahlungen durch die Standorte? Oder ist das dann einfach Pech?

    Dass die Schließung bestehender Standorte eine Härte ist, ist nachvollziehbar. Aber dies darf sinnvollen Reformen und Reduktionen nicht im Wege stehen. Standorte hatten über Jahre einen (meist zufälligen) Vorteil, der jetzt wegfällt. Sie werden nicht ungerechtfertigt benachteiligt.

  6. 6. ~ 1207

    Und wieder quaken jene auf, die einen Nachteil befürchten. Würde es um etwas vermeintlich Schlechtes gehen, das zu ihnen kommen soll, sei es eine neue Müllverbrennungsanlage oder ein entlassener Triebtäter, dann wiehert St. Florian. Bei möglichen Verlusten dagegen ist jeder sich selbst am nächsten. Wieso ich, wir, überhaupt hier, jetzt und uns?

    Manchmal muss man sich wundern, dass wir überhaupt noch eine Weiterentwicklung im letzten Jahrhundert erlebten. Jeder ist dafür, dass der Staat sparen soll, etwa durch Subventionsabbau. Aber doch nicht im nahegelegenen Steinkohlebergwerk! Und wieso hilft niemand, wenn unsere Kaufhauskette schlecht gemanaget wurde? Sicher, Bundeswehr reduzieren, natürlich, aber es gibt doch noch so viele ANDERE Standorte! Wir mussten doch schon verkraften, dass wir keine Stellen für Telefonvermittler und Inquisitoren haben.

    Und dann kommen die Politiker, säuselnd. Die einen wollen es ohnehin durchführen, aber reden ein bisschen süßer wegen der Wahlstimmen. Die anderen sprechen tatsächlich dafür, nicht weil sie überzeugt sind, sondern aus dem selben Interesse. Wer wundert sich da noch über den Ruf dieser Kaste! Statt hier offensiv vorzugehen und den Leuten zu sagen, dass ihre Vorstellungen selbstherrlich und veraltet sind, wollen sie gar die Diskussionen zur Werbeveranstaltung umfunktionieren.

    • Ron777
    • 12.11.2010 um 15:15 Uhr

    Gutenberg hat Recht. Die Symphatien, die ihm von der Bevölkerung entgegen gebracht werden, fußen zu einem guten Teil darauf, dass er sachlich und argumentativ durchdacht Notwendiges anspricht und durchsetzt. Die Bundeswehr ist keine Strukturhilfeveranstaltung. Wer dies fordert, gehört aus der Politik entfernt und für den Versuch der Fehlleitung und illegalen Umwidmung von Finanzmitteln vor Gericht.

  7. "Ob Kreiswehrersatzamt, Ausbildungszentrum oder Serviceeinrichtungen – die Bundeswehr und das Ministerium zählen in vielen Regionen zu den wichtigsten Arbeitgebern."

    ... Insgesamt lesen sich die Argumente etwa wie eine abgespeckte Version von "Kriege kurbeln die Wirtschaft an".

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