Bilanz Castor-Protest Alter Streit, neue Dynamik

Die Opposition fühlt sich durch die kraftvollen Castor-Proteste bestärkt. SPD und Grüne kritisieren eine Vorfestlegung der Regierung auf das atomare Endlager Gorleben.

Demonstrant am Castor-Verladebahnhof in Dannenberg

Demonstrant am Castor-Verladebahnhof in Dannenberg

Der Anti-Atom-Protest im Wendland blieb weitgehend friedlich, massive Angriffe Autonomer auf die Polizei und staatliche Gegengewalt waren die Ausnahme. Durch ihre große Zahl haben die Demonstranten an den Gleisen und Straßen um Dahlenburg, Dannenberg und Gorleben ihre Kritik an der Atompolitik der Bundesregierung bestätigt. Blockaden und Straßensperren der Gegner machten den diesjährigen Castor-Transport mit 92 Stunden zum längsten der Geschichte .

Der SPD-Umweltpolitiker Matthias Miersch sprach von einer "sehr beeindruckenden Demonstration". "Das war ein ganz deutliches Signal an Schwarz-Gelb, dass diese Atompolitik so nicht weitergehen kann", sagte er, an die Bundesregierung gerichtet, die erst vor Kurzem die Laufzeiten der deutschen Atommeiler um durchschnittlich zwölf Jahre verlängert hatte. Die Politik müsse verstehen, dass sie derzeit Entscheidungen treffe, die die Menschen nicht mehr nachvollziehen können. Die langjährige Gorleben-Aktivistin und Grünen-Europapolitikerin Rebecca Harms fand den "Mut und Enthusiasmus" von Tausenden Sitzblockierern "echt bewundernswert".

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Durch das Laufzeitplus der schwarz-gelben Regierung werden 4400 Tonnen zusätzlicher hoch radioaktiver Atommüll entstehen. Angst macht den Kernkraftgegnern schon die Menge des Mülls, der über die letzten Jahre nach Gorleben kam. Sie fürchten, dass das Zwischenlager schleichend zu einem Endlager wird. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin forderte eine transparente und ergebnisoffene Suche nach einem Endlager. Er habe Zweifel an der Eignung von Gorleben, sagte er.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) dagegen lehnt eine alternative Endlagersuche ab: "Man kann nicht zwei oder drei Mal Gorleben in Deutschland stemmen", sagte er. Erst wenn Gorleben sich als ungeeignet herausstelle, werde woanders gesucht. SPD-Chef Sigmar Gabriel warf der Regierung vor, Gorleben sei ein "virtueller Entsorgungsnachweis", es gebe bei Union und FDP längst eine Vorfestlegung auf Gorleben.

Die Atomkraft-Gegner sehen sich durch den Protest gestärkt. "Die Leute gehen von hier mit einer unheimlichen Motivation weg", sagte der Sprecher der Organisatoren, Jochen Stay. Zwar sei eine Räumung nie etwas Erfreuliches, "aber es fühlt sich nicht frustrierend oder nach Niederlage an", sagte Stay mit Blick auf die rund 45-stündige Sitzblockade von zeitweise mehr als 4000 Atomkraftgegnern vor dem Zwischenlager Gorleben.

Anti-nuclear protesters sit around bonfires as they block the main road to Germany's interim nuclear waste storage facility in the northern German village of Gorleben November 8, 2010. The controversial shipment of Castor containers with spent German nuclear fuel arrived in Dannenberg on Monday and will be loaded onto trucks before transportation to the nearby Gorleben intermediate storage facility in northern Germany after it left the French reprocessing plant of La Hague on Friday by train. The protesters, who have been joined by politicians from the Green Party, fear the interim depot in an abandoned salt mine near the town of Gorleben could become a permanent dump -- which Greenpeace says would be geologically unsafe in the long term. REUTERS/Fabrizio Bensch (GERMANY - Tags: POLITICS CIVIL UNREST ENVIRONMENT IMAGES OF THE DAY BUSINESS ENERGY)

SPD-Mann Miersch zeigte sich optimistisch, dass es schon bald wieder ein Moratorium der Atomtransporte geben könnte. "Was Gorleben und die Transporte betrifft, sind massive Zweifel angezeigt, inwieweit Gorleben überhaupt noch geeignet ist. Wir brauchen dringend Alternativstandorte und müssen die Suche ausdehnen." Während der politischen Diskussion um Alternativen zu Gorleben könne es dann wieder ein Moratorium der Transporte geben, so Miersch.

Infografik: Atommüll
Wo lagert in Deutschland Atommüll und wie gefährlich ist er? Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen

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Zwar werde Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) keine unmittelbare Einsicht zeigen, sagte Organisator Stay. Letztlich werde sie aber die gesellschaftliche Debatte über die Atomkraft nicht ignorieren können, spätestens "nach den nächsten Wahlen". Der Bundestag will am Mittwoch über die Demonstrationen im Wendland diskutieren.

Der Atom-Protest scheidet auch die politischen Lager wieder stärker voneinander. Die Grünen-Spitzenkandidatin in Berlin, Renate Künast, schloss eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene weiter aus. "Ich habe gehört, wie Frau Merkel die Tür zugezogen hat", sagte Künast. Auf Bundesebene sei die Frage nach dem Ausstieg aus der Atompolitik entscheidend für eine Koalition. "Das steht sozusagen in der Geburtsurkunde der Grünen."

Dass nun auch alter DDR-Atommüll laut Süddeutscher Zeitung per Castor-Transport nach Russland gebracht werden soll, zeigt die Dimension des Entsorgungsproblems. Besonders im Kernkraft-Land Bayern sind die Verantwortlichen nervös, wie die Angriffe auf führende Grüne zeigen, die sich im Wendland dem Protest anschlossen: "Die Grünen outen sich als politischer Arm von Aufrührern, Brandstiftern und Steinewerfern", sagte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. "Was Trittin, Roth und Özdemir im Wendland abziehen, ist moralische Unterstützung für Landfriedensbruch."

Die Organisatoren des Protests zeigten sich nicht unzufrieden mit dem Einsatz der Polizei. Die habe offenbar Lehren aus den Protesten gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 gezogen, wo bei einer polizeilichen Räumungsaktion zahlreiche Demonstranten verletzt worden waren, sagte Stay. Vielfach hatten Polizeibeamte Verständnis für die Sitzblockierer geäußert, Sprecher ließen sich sogar zu Komplimenten für Greenpeace hinreißen, die in der Nacht mit einem als Bierlaster getarnten LKW eine Straße gesperrt hatten.

 
Leser-Kommentare
  1. bastelt lieber an seiner Parteikariere, als sich über Gorleben kundig zu machen.
    Gestern bei Beckmann war es schon sichtlich peinlich zu sehen, wie der amtierende Umweltminister sich politische Rückzugsargumente aufbaute. Diese Art von Politiker sind mir subspekt.

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    ist milde formuliert.

    Sehr schön in der Sendung ist der der Beitrag bei Minute 26: »Versturztechnik«! 1974.
    Dazu passt der erst kürzlich geäusserte Vorschlag, die Entsorgung/Endlagerung des Atom-Mülls zu privatisieren.

    http://www.nachdenkseiten...

    Die Sendung ist schon sehenswert. :-)

    ist milde formuliert.

    Sehr schön in der Sendung ist der der Beitrag bei Minute 26: »Versturztechnik«! 1974.
    Dazu passt der erst kürzlich geäusserte Vorschlag, die Entsorgung/Endlagerung des Atom-Mülls zu privatisieren.

    http://www.nachdenkseiten...

    Die Sendung ist schon sehenswert. :-)

  2. Man mag ja von den AKW's halten was man will, aber die Gewalt gegen die Polizisten ist inakzeptabel. Wer gegen Atomstrom ist soll dagegen friedlich demonstrieren. Was soll die Gewalt? Ist das grünes Demokratieverständnis? Haben Demonstranten Narrenfreiheit?

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    Man mag ja von den AKW's halten was man will, aber die Gewalt gegen die Demonstranten ist inakzeptabel. Wer für Atomstrom ist soll diesen friedlich durchsetzen. Was soll die Gewalt? Ist das schwarz-gelbes Demokratieverständnis? Haben Polizisten Narrenfreiheit?

    Sie sehen, solche Allgemeinplätze bringen uns nicht weiter.

    Man mag ja von den AKW's halten was man will, aber die Gewalt gegen die Demonstranten ist inakzeptabel. Wer für Atomstrom ist soll diesen friedlich durchsetzen. Was soll die Gewalt? Ist das schwarz-gelbes Demokratieverständnis? Haben Polizisten Narrenfreiheit?

    Sie sehen, solche Allgemeinplätze bringen uns nicht weiter.

  3. Ein wirklich kluger Kommentar zum Abschluß der besten Online-Berichterstattung zu der Castordemonstrationen eines deutschen Großmediums. Und wenn es eines Beweises bedürfte, dass es vor allem die mediale Kraft eines Protestes ist, der ihn wirkungsvoll macht, wäre er hiermit wieder erbracht. Jeder weiß ja eigentlich längst Bescheid über die Lobby der Diebe, Gorleben und dessen Liebhaber. Aber nur der medial transportierte Großprotest rückt dieses Wissen auf die politische Tagesordnung. Und dort muß er bleiben, damit die stoisch behaupteten Lügen ("ergebnisoffen", "bürgerkriegsähnliche Zustände", "alternativlos", "Erkundung" etc. pp.)als solche entlarvt und erkannt bleiben. Das ist endlich mal wieder Pressefreiheit at it's best. Merci aus dem Wendland!

  4. CDU/CSU benehmen sich seit Jahrzehnten unter anderem auch als Atomparteien. Die sogenannte "friedliche Nutzung" der Atomsprengkraft wurde zu einem Symbol für die technologische Fortschrittlichkeit der Bundesrepublik erklärt.
    Eines Tages stand man dann aber als "Zukunftspolitiker" vor der Tatsache, dass Atomkraftwerke abgebrannte, mit tödlichem Gift hochkonzentriert kontaminierte Brennstäbe hinterlassen. Man wollte dafür eine Wiederaufbereitungsanlage bauen, in Wackersdorf. Die abgewrackten Brennstäbe sollten dort so, wie das heute in la Hague geschieht, für die sogenannte Endlagerung ausgerüstet werden. Wackersdorf liess sich, wollte die CSU nicht Mehrheiten verlieren, nicht durchsetzen.
    Anstatt sich mit der Problematik "Endlager" auseinanderzusetzen und ein solches in Deutschland sicherzustellen, was die deutsche Atomgesetzgebung seit Jahrzehnten verlangt, wurden immer neue Atomkraftwerke eingerichtet, deren Abfall sich anhäufte. Deutschland ist in diesem Zusammenhang kein Einzelfall. Nirgendwo in Europa exisitert ein wirklich abgesichertes "Endlager".
    Was heute CDU/CSU und die FDP nicht hindert, tausende Tonnen zusätzlichen hochgiftigen, lebensbedrohenden Atomabfall produzieren zu lassen (Laufzeitverlängerung). Die Atomlobby will ihren Reibach sichern. Der Staat soll den Rest besorgen. Störende legale Bürgerproteste werden durch die schwarzgelben Klientelbediener als Rechtsbrecher, "Teroristen" und dergleichen mehr beschimpft. Ganz nach dem Motto: Après nous le deluge!

  5. und Mülllager gegen Sabotage (sprich: Terrorismus) absichern? Diesen Aspekt vermisse ich in der derzeitigen Debatte. In meinem Domizil Kanada (mit wesentlich weniger Reaktoren als in Deutschland pro Grundfläche) wird Atommüll grundsätzlich auf den Meilergebieten gelagert. Auch und gerade auch, weil damit weniger Orte zu sichern sind. Und wie soll das In Deutschland laufen, Frau Merkel? Schon wieder Deutschland, bleiche Mutter?

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    Mit Terror kann man heut wohl jeden Schwachsinn rechtfertigen oder? Früher war es die Umwelt, heute sind es die evtl. Anschlagsziele der Terroristen! [...]

    Man sollte die NICHT einsichten Demonstranten, die die Kosten des Einsatzes, in die Höhe treibt, dafür zahlen lassen. BMW zahlt ja auch nicht, wenn ein Autonomer den 7er Anzündet, weil er nichts für "Großkapitalisten" übrig hat.

    So viel Lügen und Heucheln auf Seite der selbsternannten "Gutmenschen" lässt mich an der Zukunftsfähigkeit dieses Landes zweifeln!

    Bitte verzichten Sie auf beleidigende Bemerkungen. Die Redaktion/sh

    Kanada verfügt insgesamt über mehr Kernreaktoren als Deutschland - insbesondere, wenn die Forschungsreaktoren hinzugezählt werden. Außerdem hat Kanada einen doppelt so hohen Energieverbrauch pro Einwohner wie Deutschland.

    Kanada - ein Land voller natürlicher Energiequellen produziert mehr Atomstrom als Deutschland und will darüberhinaus stillgelegte AKWs wieder reaktivieren.

    Mit Terror kann man heut wohl jeden Schwachsinn rechtfertigen oder? Früher war es die Umwelt, heute sind es die evtl. Anschlagsziele der Terroristen! [...]

    Man sollte die NICHT einsichten Demonstranten, die die Kosten des Einsatzes, in die Höhe treibt, dafür zahlen lassen. BMW zahlt ja auch nicht, wenn ein Autonomer den 7er Anzündet, weil er nichts für "Großkapitalisten" übrig hat.

    So viel Lügen und Heucheln auf Seite der selbsternannten "Gutmenschen" lässt mich an der Zukunftsfähigkeit dieses Landes zweifeln!

    Bitte verzichten Sie auf beleidigende Bemerkungen. Die Redaktion/sh

    Kanada verfügt insgesamt über mehr Kernreaktoren als Deutschland - insbesondere, wenn die Forschungsreaktoren hinzugezählt werden. Außerdem hat Kanada einen doppelt so hohen Energieverbrauch pro Einwohner wie Deutschland.

    Kanada - ein Land voller natürlicher Energiequellen produziert mehr Atomstrom als Deutschland und will darüberhinaus stillgelegte AKWs wieder reaktivieren.

  6. ...schlich der "Castor" nur durchs Land.

    Derweil die Demonstranten ganz verschlafen

    die Politik des "smarten Grafen":

    http://www.tagesschau.de/...

    Bald gibt es eh nix mehr zu demonstrieren...

    Bleibt der "Graf", dann wird das Volk krepieren!

    Nun freuet Euch auf Weihnacht, diesem "Friedensfeste".

    Geht's nach dem Guttenberg - ist das das vielleicht das letzte.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bemühen Sie sich um einen sachlichen Diskussionsbeitrag. Danke. Die Redaktion/ag

    • Hokan
    • 09.11.2010 um 14:41 Uhr

    Dem, der die Hochzeiten der alten Bundesrepublik noch in Erinnerung hat, müssen die neuen Töne vertraut klingen. Anheimelnd geradezu. Dobrindts Lied rühert mich von Herzen und mir ist, als hörte ich ein Lied meiner Jugend. Ist es nicht das, das man dort von allen Seiten so herrlich und aus vollen Kehlen anstimmte, wenn vaterlandslose Gesellen gesichtet wurden? Ja, ja - grad schee ists wieder. Dieser Dobrindt ist doch ein rechter Teufelskerl. Wie der vom Blatt singt und den Ton trifft. Da müssen alerte Pomadenstimmbänder einmal Pause einlegen. Danke, Alexander.

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    ist freilich auch nichts anderes zu erwarten als dieses verbalen Anbiedern an die verlorenen Stammtische.

    Dass die Grünen nicht der Veranstalter der Kundgebung und erst recht nicht der Krawalle waren, sondern eine teilnehmende Organisation unter vielen verschiedenen, zählt aus dieser reaktionär-hetzerischen Sicht der Dinge natürlich nichts.

    Ein Prosit der Gemütlichkeit!

    ist freilich auch nichts anderes zu erwarten als dieses verbalen Anbiedern an die verlorenen Stammtische.

    Dass die Grünen nicht der Veranstalter der Kundgebung und erst recht nicht der Krawalle waren, sondern eine teilnehmende Organisation unter vielen verschiedenen, zählt aus dieser reaktionär-hetzerischen Sicht der Dinge natürlich nichts.

    Ein Prosit der Gemütlichkeit!

  7. Man mag ja von den AKW's halten was man will, aber die Gewalt gegen die Demonstranten ist inakzeptabel. Wer für Atomstrom ist soll diesen friedlich durchsetzen. Was soll die Gewalt? Ist das schwarz-gelbes Demokratieverständnis? Haben Polizisten Narrenfreiheit?

    Sie sehen, solche Allgemeinplätze bringen uns nicht weiter.

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