Es ist Montagnacht, 3:20 Uhr nahe dem Einfahrtstor zum Zwischenlager Gorleben. "Das sieht ja aus wie ein Schulausflug", sagt eine Seelsorgerin über die auf Strohsäcken oder Isomatten sitzenden Menschen. Seit mehr als 40 Stunden harren viele Tausend von ihnen hier auf der Straße aus. Die Temperaturen steigen auch tagsüber kaum über Null, Nieselregen kriecht in alle Falten der Kleidung. Trotzdem lachen viele, manche singen, zwischen all den Menschen ist es warm.

Als am Dienstagmorgen gegen neun Uhr der Castor-Transport durch das Tor ins Zwischenlager rollt , interessiert das im Wendland kaum noch jemanden. Die letzte Blockade ist geräumt. Die Demonstranten sind auf dem Weg in ihre Zeltlager, die Journalisten reisen ab. Niemand hört mehr den Schlussakkord. Das große Finale, um das fast 20.000 Polizisten und mindestens ebenso viele Castor-Gegner so lange gerungen haben, ist gar keines.

Es ist eine der Eigenarten der Wendland-Proteste, dass ihr Ergebnis von vornherein feststeht. Es gibt keine Rückfahrkarte für den Castor, die Container müssen irgendwann durch dieses Tor – koste es, was es wolle. Diesen Preis hochzutreiben, finanziell, politisch und medial, ist eines der Ziele der Protestierenden. Laut Spielstand haben sie noch immer verloren, Sieger sind sie dennoch.

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Proteste die schwarz-gelbe Bundesregierung von ihrer Atompolitik abbringen werden. Und auch Gorleben wird erstmal weiter als Zwischenlager für strahlenden Müll genutzt werden. Doch darum geht es nicht. Viel wichtiger ist, was in den vergangenen Tagen in den Sitzblockaden geschah.

Es haben dort Bevölkerungsgruppen auf engstem Raum miteinander gelebt, die oft nicht mehr verbindet als die Atomfrage. Großstädtische Bürgerkinder haben Lüneburger Hausfrauen untergehakt, als die Räumungstrupps der Polizei kamen. Altlinke Dauerprotestierer haben in den Volksküchen das schmutzige Geschirr gesetzter Ehepaare gespült. Die Bauern der Region haben die Einnahmen ihrer Höfe und die Unversehrtheit ihrer Arbeitsgeräte riskiert, als sie mit ungezählten Traktorblockaden immer wieder strategisch wichtige Kreisverkehre und Kreuzungen blockierten.

All das motiviert die Anti-Atombewegung immer wieder aufs Neue. Und mehr noch, die Rituale vom Wendland, dieser Schulausflug mit dem so vorhersehbaren Ende, ist der Nukleus einer gesellschaftlichen Bewegung, die für so vieles mehr in diesem Land steht. Im Wendland lernten Bauern spätestens seit dem ersten Transport 1995 die bewegungslinke Protestkultur kennen – Plenum und vegane Volksküche inklusive.

Die langen Nächte im Wendland sind nicht nur von emotionalem Wert. Sie verfestigen und fördern vor allem die Vernetzung der Bewegung, von der großen Bundespolitik bis hinein in lokale Kirchengruppen. Von der bäuerlichen Nothilfe bis zur hoch professionellen PR-Maschine Greenpeace. Von den Anwohnern des AKW Krümmel bis auf den Stuttgarter Bahnhofsvorplatz. Bauern setzen sich auf ihre Trecker und nehmen ein paar Tage Fahrzeit in Kauf, wenn in Berlin gegen Atomkraftwerke demonstriert wird . Großdemos mit mehr als 50.000 Teilnehmern, wie jene im vergangenen September in Berlin, wären ohne das Verbindungsstück Gorleben kaum denkbar. Es war die vermeintliche Folklore im Wendland , die den Protest gegen die Atomenergie in den vergangenen Jahren in die Mitte der Gesellschaft getragen hat.

Wenn jener Protest nach den Laufzeitverlängerungen durch die schwarz-gelbe Bundesregierung noch einen weiteren Beweggrund brauchte – er wurde an diesem Wochenende in elf Containern geliefert.