Seit Donnerstag sind unsere beiden Reporter in Dannenberg und Umgebung. Sie berichten von dort über den Castor-Transport und die Proteste dagegen – auf ZEIT ONLINE und aufTwitter.

Der Demoplatz war noch vor kurzem ein Maisfeld . Aus dem Boden ragen die Strünke der abgeernteten Pflanzen, spießen nach Gummistiefeln, Wanderschuhen und Kinderwagenrädern. Nach Norden steht die große Bühne, in Hörweite liegt der Verladebahnhof für den Castor. Der Atomtransport soll Sonntagnacht hier ankommen, doch ob der schon mehrfach revidierte Zeitplan eingehalten werden kann, ist nicht sicher. Zur Stunde steht der Zug in Kehl, dort haben sich Aktivisten von einer Brücke abgeseilt.

Rosa gekleidete Trommler geben alles. Sie spielen für die Demonstranten, die etliche Kilometer zu Fuß von den Parkplätzen in Dannenberg zum Kundgebungsgelände laufen müssen. Polizisten, die in kleinen Gruppen verteilt an der Strecke stehen, wippen im Takt mit den Oberkörpern. Eine Gruppe Clowns läuft an ihnen vorbei und krakeelt: "Macht Euch keine Sorgen, alles ist sicher". Ein Beamter murmelt: "Wenn's nur so wäre."

Die ganze Gegend wird bewacht von 17.000 Polizisten. Einige sprechen Leipziger oder thüringischen Dialekt, auch aus Hamburg sind welche dabei. "Ich komme aus Cuxhaven und regle hier im Regen den Verkehr", sagt einer sarkastisch auf der Straßenkreuzung am Verladebahnhof.

Auf einer Wiese ganz in der Nähe des Bahnhofs haben Aktivisten einen riesigen Tyrannosaurus Rex aus Metall aufgestellt. Am Untier ziehen hunderte Demonstranten vorbei, ein Fahnenmeer: Greenpeace, Bund, Grüne, SPD, Gewerkschaften, Linkspartei, MLPD und andere Splitterparteien werben für sich und für den Ausstieg.

Drüben auf dem Demogelände laufen Mitfünfzigerinnen mit beseeltem Lächeln neben den Traktoren her, 600 davon sind hier. Im Nachbarort Splietau haben die Bauern mannshohe Räder und allerlei Gerät ineinander verkeilt. Viele haben ihre Familien mitgebracht, manche stehen zwischen den Treckern und trinken Bier.

Dreißig Jahre Anti-Atom-Bewegung haben ein reiches Repertoire an Sinnsprüchen und Reimen hervorgebracht, viel Altbekanntes findet sich auch hier an Traktoren, Rucksäcken, Transparenten und Kinderwagen. Biblisches, wie "Eva kann nicht hier sein, aber sie wäre dagegen", ist zu lesen und auch viel Grobes: "Atompolitik ist wie Schweinemast – der Trog bleibt, die Schweine wechseln".

Vorn neben der Bühne, am Sani-Wagen, hat sich ein kleines Blasorchester aufgestellt, Waldhorn, Saxofon, Posaune. Sie spielen "Sonne! Wind! Das ist unser Strom" auf den Refrain eines alten Krachers von Pink Floyd . Einer in grüner Windjacke summt mit. Im Wäldchen daneben herrscht reger Pullerverkehr.