Sie sind der politische Gewinner der vergangenen Monate, Umfragen prophezeien ihnen traumhafte Wahlergebnisse . DIE ZEIT und der Spiegel haben sich kürzlich in seitenlangen Titelgeschichten mit der "neuen deutschen Volkspartei" beschäftigt. Und auch CDU und SPD erkennen inzwischen an, dass die Grünen nicht mehr nur einfach eine kleine Öko-Partei sind. Vielleicht stellen sie bald den neuen baden-württembergischen Ministerpräsidenten oder eine Regierende Bürgermeisterin in Berlin.

Für die CDU seien die Grünen inzwischen ein "wirklicher Konkurrent", sagte Umweltminister Norbert Röttgen diese Woche. Und Kanzlerin Angela Merkel ätzte in ihrer Rede auf dem CDU-Bundesparteitag lauter gegen die Grünen als gegen die SPD.

Dennoch gibt sich das Grüne-Spitzenpersonal zurückhaltend. "Dieser Höhenflug kann so flüchtig sein wie hochprozentiger Schnaps", beschreibt der Parteivorsitzender Cem Özdemir das Unbehagen. "Ich weiß nicht, ob die 30 Prozent ein Ausreißer sind", sagte der grüne Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, in der Süddeutschen Zeitung über die Umfragewerte in Baden-Württemberg.

Beide wissen: Vielen Bürgern sind die Grünen zwar sympathisch, sie gelten als glaubwürdig, prinzipientreu. Beim umstrittenen Bahnprojekt "Stuttgart 21" und bei der Verlängerung der AKW-Laufzeiten vertreten sie mehrheitsfähige Positionen.

Und doch bleibt bei vielen potenziellen Wählern die eine, am Ende entscheidende Frage: Hat die einstige Protestpartei wirklich die Antworten auf komplizierte politische Fragen, also auf die Realität? Sind ihre politischen Ideen finanzier- und umsetzbar? Taugen die Grünen also zum Regieren? Wollen sie überhaupt regieren? Auch die Grünen selbst sind sich darüber nicht durchweg einig.

Von morgen bis Sonntag trifft sich die Partei in Freiburg. In der baden-württembergischen Grünen-Hochburg wollen die rund 820 Delegierten versuchen, genau diese Bedenken zu zerstreuen. Eine vorsichtige Annäherung an die Macht soll dieser Parteitag werden.

"Arbeitsparteitag" nennt die Politische Geschäftführerin der Partei, Steffi Lemke, das Zusammentreffen unter dem Motto "Auftrag Grün" daher auch. Es gilt, sechs Landtagswahlen im kommenden Jahr vorzubereiten und auch schon einmal das "programmatische Fundament" für die Bundestagswahl 2013 zu legen. Allerdings – ein neues Grundsatzprogramm (das letzte stammt aus dem Wahlkampf 2009) ist nicht geplant.

Inhaltliche Schwerpunkte des Delegiertentreffens sollen Beratungen über ein Energiekonzept sowie grüne Gesundheitspolitik sein. Für einen dauerhaften Erfolg müssten sich die Grünen in Zukunft vor allem geschlossen präsentieren, mahnte Parteichef Özdemir unlängst. Beobachter werden daher auch mit Spannung verfolgen, wie konzentriert und einträchtig die streitlustige  Partei in Freiburg arbeiten wird.