Schlichterspruch Stuttgart 21 soll kommen – unter Auflagen

Geißler schlägt vor: Der Bahnhof soll gebaut werden, die Bahn aber beweisen, dass er effizient ist. Die Gegner kündigen schon neue Proteste an.

Die Schlichtungsgespräche zum umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 sind beendet. Den Schlusspunkt setzte Mediator Heiner Geißler, als er nach langwierigen abschließenden Verhandlungen mit rund vierstündiger Verspätung seinen Schlichterspruch bekannt gab. Dabei sprach sich der 80-jährige Schlichter grundsätzlich für die Fortführung des umstrittenen Bahnprojekts aus. Ein Abbruch wäre zu teuer. Geißler machte aber auch deutlich, dass er die Realisierung von Stuttgart 21 nur dann für richtig halte, wenn "entscheidende Verbesserungen" vorgenommen werden. "Aus Stuttgart 21 muss ein Stuttgart 21 plus werden." Hier seien sich Gegner und Befürworter in den Verhandlungen einig geworden.

Dabei müssten die Bauherren zusätzliche Auflagen erfüllen. So sollen Geißler zufolge etwa die bei einer Untertunnelung frei werdenden Gleisgrundstücke Immobilienspekulationen entzogen und stattdessen in eine Stiftung eingebracht werden. Auf dem Gelände soll eine ökologische und parkdurchsetzte Bebauung entstehen. Im Vordergrund müssten Familien- und Kinderfreundlichkeit stehen.

Anzeige

Im Bahnhof selbst müsse mehr für die Sicherheit der Fahrgäste getan werden. Dazu gehörten verbreiterte Zugangs- und barrierefreie Fluchtwege, um einen behindertenfreundlichen Bahnhof sicherzustellen. Auch die Sicherheit der geplanten Tunnel müsse verbessert werden – unter anderem mit mehr Zugängen für die Feuerwehr. Zudem hätten sich Gegner und Befürworter des Bahnprojekts auf einen Kompromiss im Streit über die Abholzung der Bäume im Schlossgarten geeinigt. Künftig sollen möglichst keine Bäume mehr gefällt werden. Falls dies noch nötig sei, müssten die Bäume verpflanzt werden, sagte Geißler.

Darüber hinaus muss die Bahn in einem noch nicht näher bestimmten Zeitraum nachweisen, dass der neue Bahnhof um 30 Prozent leistungsfähiger ist als der alte. Übernehmen soll diesen "Stresstest" ein von Gegnern und Befürwortern bestellter Gutachter. Kommt er zu dem Ergebnis, dass Stuttgart 21 tatsächlich leistungsfähiger ist, akzeptieren die Gegner das Projekt. Kommt der Gutachter aber zu der Erkenntnis, dass dem nicht so ist, verpflichtet sich die Bahn, die von den Projektgegnern geforderten Verbesserungen umzusetzen.

Stuttgart 21: Pro

Ohne Stuttgart 21 wird Baden-Württemberg vom internationalen Bahnverkehr abgehängt. So ermögliche der Bau den Lückenschluss in der europäischen Magistrale Paris-Budapest.

Die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm wird halbiert. Zudem werden Flughafen und Landesmesse an die Schnellbahnstrecke nach Ulm angebunden. Auch der Schienenregionalverkehr profitiere von dem Projekt.

Das Projekt bringt die Bauwirtschaft in Schwung und schafft rund 4000 neue Arbeitsplätze. Die verkehrsgünstige Lage des neuen Europaviertels am Bahnhof erleichtert die Ansiedlung von Dienstleistungen mit Tausenden neuen Arbeitsplätzen.

Auf derzeit noch mit Gleisen bedeckten Flächen werden Parkanlagen erweitert, außerdem entsteht neuer Wohn- und Arbeitsraum im Stadtzentrum.

Der Bau des unterirdischen Bahnhofs zieht viel weniger Probleme für die Fahrgäste nach sich als die Modernisierung des Kopfbahnhofes "unter dem rollenden Rad".

Contra

Die Kosten laufen aus dem Ruder, das Geld könnte besser in Bildung, sowie das Gesundheits- und Sozialwesen gesteckt werden.

Die Modernisierung des Kopfbahnhofes (K21) würde mehrere Milliarden Euro weniger kosten, vor allem wegen weniger Tunnelkilometern. Zudem müssten Teile des denkmalgeschützten Bahnhofsgebäudes von Paul Bonatz nicht abgerissen werden.

Auch bei K21 kann der Bahnhof an die Schnellbahntrasse angeschlossen werden und dem Regionalverkehr würde wie im Fall von S21 kein Geld entzogen.

Im Schlossgarten werden alte Bäume gefällt und der Park wird durch die hohen Lichtaugen des unterirdischen Bahnhofs verschandelt.

Wird Stuttgart21 gebaut, wird sich künftig das Klima im Stuttgarter Kessel aufheizen. Bislang kühlen sich die unbebauten Flächen des Gleisvorfeldes nachts stark ab und halten dadurch die Temperaturen in Grenzen. Zudem wird die Feinstaubbelastung durch den Abtransport des Bauschutts steigen.

Diese Forderung nahmen die Projektgegner zum Anlass, ihre alte Forderung nach einem Baustopp zu erneuern. Zumindest bis die Ergebnisse des von Geißler angeordneten "Stresstests" vorliegen, müssten die Bauarbeiten ruhen, forderte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer von den Grünen, der für die Gegner an der Schlichtung teilnahm.
"Man kann doch nicht bauen, ohne zu wissen, ob man am Ende acht oder zehn Gleise braucht." Zudem zeigte sich Palmer überzeugt davon, dass die Bahn nicht nachweisen kann, dass der Durchgangsbahnhof deutlich leistungsfähiger ist als der Kopfbahnhof. Dann müsse die Bahn mit weiteren Gleisen nachbessern, was das Projekt "von 500 Millionen Euro aufwärts" teurer mache. Dann stelle sich wieder die Frage der Wirtschaftlichkeit.

Bahnchef Rüdiger Grube wollte darauf nicht eingehen, sondern sagte, er sei "glücklich, dass die Schlichtung ein Erfolg war". Der Konzern wolle nun versuchen, trotz der Verbesserungsvorschläge den veranschlagten Finanzrahmen von maximal 4,5 Milliarden Euro einzuhalten. Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) sagte, Geißler habe dem Land eine "ordentliche Hausaufgabe" gegeben, die seiner Regierung einiges abverlangen werde. "Wir werden all die Punkte, die jetzt vereinbart sind, Punkt um Punkt transparent abarbeiten."

S-21-Gegner: Bündnis

Im Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 haben sich zehn Gruppen und Verbände zusammengeschlossen. Es gibt zwar einen Koordinationskreis mit etwa 20 Mitgliedern, der die Demonstrationen plant und über die grundlegende Strategie berät, die Protestbewegung selbst ist aber dezentral organisiert. Die gemeinsame Webseite des Bündnisses ist www.kopfbahnhof-21.de.

Leben in Stuttgart

Der Verein Leben in Stuttgart wurde von Gangolf Stocker gegründet. Der 66-jährige Kunstmaler protestierte schon 1994 gegen die frühen Planungen für Stuttgart 21. Er gilt in der Bewegung zwar als Ikone, ist aber auch nicht unumstritten. Seit 2009 sitzt er für das Bündnis Stuttgart Ökologisch Sozial im Stadtrat.

Parkschützer

Als Parkschützer bezeichnet sich eine Gruppe von etwa 50 Personen, die vor allem die Bäume im Schlossgarten vor der Abholzung bewahren wollen. Ihr Sprecher ist Matthias von Herrmann, der besonders aktive Pressearbeit für das Aktionsbündnis betreibt. Die Internetplattform www.parkschuetzer.de wird nicht von dieser Gruppe betrieben, sondern vom Verein Leben in Stuttgart.

Grüne

Die Baden-Württemberger Grünen sind als einzige Partei im Landtag gegen Stuttgart 21. Ihnen wird oft vorgeworfen, das Aktionsbündnis einerseits für parteipolitische Interessen auszunutzen und andererseits im Interesse einer möglichen schwarz-grünen Koalition nach der Landtagswahl vorschnelle Kompromisse einzugehen. Prominente Vertreter der Partei am Ort sind Fraktionschef Winfried Kretschmann und der Vorsitzende der Gemeinderatsfraktion Werner Wölfle.

Auch die Linkspartei, die nicht im Landtag vertreten ist, ist Mitglied im Aktionsbündnis.

BUND

Im Stuttgarter Büro des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wird das Aktionsbündnis koordiniert. Dessen Geschäftsführer ist Gerhard Pfeifer. 1997 half der BUND, ein Bürgerbegehren über Stuttgart 21 zu organisieren. Die gemeinsame Webseite des Bündnisseswww.kopfbahnhof-21.de wird vom BUND betrieben.

Weitere

Der Fahrgastverband Pro Bahn vertritt die Interessen von Nutzern des öffentlichen Nahverkehrs. Der Verband kritisiert an Stuttgart 21 vor allem, dass der neue Bahnhof schlecht geplant und zu klein dimensioniert sei. Auch der Verkehrsclub Deutschland, der sich für nachhaltige Mobilität einsetzt, hält das Projekt für verkehrspolitisch nicht sinnvoll.

Zum Aktionsbündnis gehören außerdem noch die Stiftung Architektur – Forum Baden-Württemberg, das parteifreie Stadtratsbündnis Stuttgart Ökologisch Sozial, die Gewerkschafter gegen Stuttgart 21 unterstützen den Protest zum Beispiel durch logistische Hilfe bei den Demonstrationen. Kletterer des Baumschutzvereins Robin Wood besetzten Baumaschinen und Bäume im Schlossgarten, sie sind aber nicht Teil des Aktionsbündnisses.

Geißlers Prognose, dass sein Spruch nicht zu Frieden in Stuttgart führen wird, bewahrheitete sich noch im Rathaus. Demonstranten skandierten "Lügenpack" und "Oben bleiben". Zudem riefen die Parkschützer zu einer neuen Demonstration auf. Wesentliche Kritikpunkte an dem Bauprojekt seien beim Vermittler Geißler offenbar nicht angekommen, kritisierte der Sprecher der Protestgruppe, Matthias von Herrmann. Er könne sich weder einen barrierefreien Tiefbahnhof vorstellen, noch dass die Bäume stehen bleiben können. Der Protest gehe in jedem Fall weiter. Am Samstag (4. Dezember) sollen nach dem Willen der Stuttgart-21-Gegner wieder Zehntausende vor dem Hauptbahnhof demonstrieren.

Auch die oppositionellen Südwest-Grünen rechnen mit weiterem Widerstand gegen das Milliarden-Bahnprojekt. "Stuttgart 21 ist nach wie vor kein gutes Projekt", sagte der Grünen-
Fraktionschef im Landtag, Winfried Kretschmann, der erneut für einen Volksentscheid plädierte. "Im Fall eines Regierungswechsels werden wir eine Bürgerbefragung oder einen Volksentscheid einleiten." Darüber seien sich Grüne und SPD einig.

Dies hatte Heiner Geißler in seinem Schlichterspruch ausgeschlossen – und stieß damit auch bei den Sozialdemokraten auf Kritik. "Es ist unverständlich, dass Geißler bei Stuttgart 21 einen Volksentscheid ablehnt, obwohl er eigentlich mehr Bürgerbeteiligung bei Großprojekten fordert", sagte deren Vizefraktionschef Nils Schmid. "Der Schlichter hat so die Chance versäumt, eine Brücke für beide Seiten zu bauen."

Beide Seiten hatten in der Abschlussrunde am Vormittag noch einmal die Möglichkeit , ihre Argumente vorzubringen und ein persönliches Resümee zu ziehen. Begonnen hatte die von Geißler moderierte Schlichtung Mitte Oktober . An den Gesprächen im Stuttgarter Rathaus, die live im Fernsehen übertragen wurden, nahmen je sieben Vertreter von Gegnern und Befürwortern teil. Auslöser waren die Proteste gegen den Abriss des alten Hauptbahnhofs .

Dieser Kopfbahnhof soll nach den Plänen von Bahn, Land und Stadt bis 2020 in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umgebaut werden. Kostenpunkt: mindestens 4,1 Milliarden Euro. Zudem soll Baden-Württembergs Landeshauptstadt mit einer 2,9 Milliarden Euro teuren Neubaustrecke nach Ulm an das Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn angebunden werden.

 
Leser-Kommentare
  1. ..und Heiner geht auch mit. 80 Jahre und kein bischen unweise kann man hier anfügen. Gratulation an das Stuttgart der Zukunft !

  2. Wer sich ein Bild über den Stuttgarter Hauptbahnhof machen möchte,
    findet hier eine virtuelle Ansicht des Bahnhofs, sowie der angerenzenden Schloßparks.

    http://www.syborgstudios....

  3. Hoffentlich hat der gute Herr Geißler da jetzt nicht mehr Schaden als Nutzen angerichtet... Ich könnte mir gut vorstellen, dass dieser Schlichterspruch von manchen als etwas viel weiterreichendes interpretiert wird, als nur die Lösung in einem Baustreit...

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Nagut, war zu erwarten, der Planungsrückstand von K21 ist Hauptgrund.

    Und die DB AG ist letztlich fein raus, weil sie die Mehrkosten für das "plus" ja nicht bezahlen muss.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Geißler sagte ausdrücklich, daß zumindest in der Stadt Stuttgart beim Aufkommen weiterer Mehrkosten ein Bürgerentscheid im Raum stünde. Wenn die Bahn diesen vermeiden will (und das wird sie), wird sie die Mehrkosten selbst schultern müssen.

    Geißler sagte selbst bei einer Runde, man lebe nicht im Konjunktiv.
    Außerdem, wenn die DB bezahlen muss, auf wen fällt das zurück?
    Genau: auf den Steuerzahler.

    Und weil es eben diesen im ganzen Bundesgebiet trifft, bin ich auf einen solchen Bürgerentscheid gespannt.

    Wer soll abstimmen? Alle, nur BW oder gar nur Stuttgart?
    Für die Frage ist evtl. eine Schlichtung ganz hilfreich...wenn sie denn von vornherein ergebnisoffen sein soll.
    Spaß beiseite, es kann nur eine bundesweite sein.

    Damit zurück zum Konjunktiv:
    Dann wäre ich geneigt zu sagen, es würde kein Bahnprojekt dort mehr geben.

    Geißler sagte ausdrücklich, daß zumindest in der Stadt Stuttgart beim Aufkommen weiterer Mehrkosten ein Bürgerentscheid im Raum stünde. Wenn die Bahn diesen vermeiden will (und das wird sie), wird sie die Mehrkosten selbst schultern müssen.

    Geißler sagte selbst bei einer Runde, man lebe nicht im Konjunktiv.
    Außerdem, wenn die DB bezahlen muss, auf wen fällt das zurück?
    Genau: auf den Steuerzahler.

    Und weil es eben diesen im ganzen Bundesgebiet trifft, bin ich auf einen solchen Bürgerentscheid gespannt.

    Wer soll abstimmen? Alle, nur BW oder gar nur Stuttgart?
    Für die Frage ist evtl. eine Schlichtung ganz hilfreich...wenn sie denn von vornherein ergebnisoffen sein soll.
    Spaß beiseite, es kann nur eine bundesweite sein.

    Damit zurück zum Konjunktiv:
    Dann wäre ich geneigt zu sagen, es würde kein Bahnprojekt dort mehr geben.

  5. kreisste und gebar eine Maus

  6. ...S21 wirlich so viele Vorteile bringen sollte wie die Befürworter immer runterbeten, dann sollten diese doch keine Angst davor haben dies prüfen zu lassen. Denn dann kann ja nur ein Ergebnis zu ihren Gunsten herauskommen...

    Wenn sie es aber ablehnen, hört man die Nachtigal schon nich mehr trappsen...

    Ich glaube jetrzt geht es wirklich um die Glaubwürdigkeit der Befürworter...

  7. Bin mal gespannt, was das Volk resp. die die sich dafür halten (Montagsdemonstranten), dazu sagen (tun oder lassen) werden.

  8. Schade drum. Geissler hatte es in der Hand.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ruhe kann es nur geben, wenn sich die Widerstandskämpfer durchsetzen. Oder wenn man sie schafft.

    Ruhe kann es nur geben, wenn sich die Widerstandskämpfer durchsetzen. Oder wenn man sie schafft.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service