Terrorismus : Keine Angst vor der Angst

Weil wir Attentate fürchten, lassen wir uns von Panikmachern erpressen und erwürgen die offene Gesellschaft. Lasst uns Weihnachtsmärkte besuchen. Ein Kommentar

"Kein Anlass zur Hysterie", seien die Terrorwarnungen, sagen Innenpolitiker wie der Berliner Senator Erhart Körting (SPD). Um im nächsten Satz genau diese zu verbreiten. Körting beispielsweise warnt vor "seltsamen Menschen" und fordert auf, diese der Polizei zu melden. Seit Tagen haben solche Ideen wieder einmal Konjunktur. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl, will terroristische Bedrohungen mittels (der dazu eher untauglichen) Vorratsdatenspeicherung "frühzeitig erkennen" und sagt: "Wenn diese Chance vertan wird, und sich der Terrorist mit der Bombe unterm Arm auf den Weg gemacht hat, hat der Staat verloren." Und der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) möchte "Gefährdern" (also im Zweifel jedem), gern Handys und Computer wegnehmen .

Was nichts weiter heißt, als dass die Innenpolitiker den Job der Terroristen übernehmen und den Anschlag, mit dem diese drohen, selbst begehen. Denn sie verbreiten damit Angst und Schrecken und ruinieren die offene und freiheitliche Gesellschaft. Es kommt noch schlimmer: Wir sind daran nicht unschuldig, dass unsere Politiker solche Dinge sagen.

Wer in Umfragen angibt, dass er neue Sicherheitsinstrumente wichtig findet, der macht sie und die Terroristen stark und schwächt uns alle. In dieser Umfrage beispielsweise finden 66 Prozent der Deutschen, der Staat tue nicht genug gegen Kriminalität und Terrorismus und viele wünschen sich mehr Videoüberwachung, härtere Strafen und weniger Freiheitsrechte.

Das aber ist der falsche Weg. Wer Politikern klar machen will, dass sie aufhören sollen, reflexhaft Sippenhaft, Überwachungsinstrumente oder Denunziantentum zu fordern, der darf keine Angst zeigen.

Weihnachtsmärkte sollen das Ziel sein? Nun, dann gehen wir in diesem Jahr besser alle dorthin und amüsieren uns. Bahnhöfe sind gefährdete Orte? Lasst uns Bahn fahren wie noch nie.

Das ist hart, denn Angst haben wir alle. Mit ihr zu leben, ist eine der schwersten Aufgaben überhaupt. Aber es ist der einzige Weg, um sie loszuwerden.

Selbstmord aus Angst vor dem Tod

Wer seiner Angst nachgibt und entsprechende Orte und Verhaltensweisen meidet, macht sie nur schlimmer. Irgendwann dreht sich das ganze Leben um die Angst und sogar um die Angst vor der Angst . Wir bleiben im Bett. Vom Leben selbst ist dann nichts mehr übrig.

Damit verlieren wir nicht nur unsere Freiheit, wir geben Politikern auch noch Bestätigung für ihr falsches Verhalten und schenken Terroristen den Sieg, den sie sich so sehnlich erhoffen. Zu allem Überfluss machen wir uns als Gesellschaft erpressbar.

Angstgesteuertes Ausweichverhalten führe zu noch viel schlimmeren gesellschaftlichen Schäden als die Attentate selbst, schreibt Florian Altherr bei netzpolitik.org : "Gesellschaftliche Toleranz sinkt, Ausgrenzung nimmt zu, härtere Strafen für alle Arten von Verbrechen werden befürwortet und massive Einschränkungen von Bürgerrechten werden akzeptiert. (...) Die Angst und die daraus resultierenden Reaktionen richten mehr Schaden an als die Anschläge selbst."

Es geht nicht darum, unsere Angst zu verdrängen. Es geht darum, uns ihr bewusst zu werden und dann die Dinge trotzdem zu tun, die wir tun wollten, bevor wir um die Gefahr wussten.

Der römische Philosoph Cicero beschrieb vor langer Zeit den Tyrannen Dionysios von Syrakus, über dessen Thron ein Schwert hing, gehalten allein von einem Rosshaar. Es sollte verhindern, dass Dionysios die Gefahren vergisst, die ihm drohen – und ihn daran erinnern, trotzdem mutig zu handeln.

Wie also geht man mit Terror um?

"Wir müssen eine heroische Gelassenheit entwickeln", sagt Herfried Münkler , Soziologe an der Humboldt Universität Berlin. "Denn es wird auch bei uns früher oder später einen Anschlag geben. Dabei erwächst die Macht der Terroristen aus unserer eigenen Angst. Wenn wir aber die Anschläge als Unfälle ansehen, dann stellt sich heraus, dass die Terroristen uns gar nichts anhaben können." Wir müssen also eigentlich nur vernünftig bleiben.

Die Anschläge werden damit nicht aufhören und auch die Terrorwarnungen nicht. Doch vielleicht besinnt sich der ein oder andere Politiker, künftig weniger Unsinn zu fordern. Ganz sicher aber können wir dann nicht mehr mit unserer Angst erpresst werden und hören auf, uns aus Sorge vor dem Tod selbst zu erwürgen.

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Kommentare

98 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

Mit solch einer Angst

leben Menschen z.B. in den Großstädten Israels schon seit 20 Jahren und sie leben ihr Leben trotzdem weiter.

Die unqualifizierten, xenophobischen und Fremdheitsphantasien beflügelnden Ausführungen von Politikern dienen in keinster Weise einem sachlichen Umgang mit einer wie auch immer gearteten Gefahrenlage in Deutschland.

Die Politik kann uns nur mitteilen, was sie selbst nicht genau weiß, solche Informationen sind aber weder zweckdienlich zur Terrorabwehr, noch helfen sie einem Menschen seinen Alltag sicherer zu gestalten.

Wir müssen uns damit auseinandersetzen, das wir als westliche Wirtschaftsnation, welche in zahlreichen Verflechtungen international agiert nun mal ein wohlfeiles Ziel für Terroristen ist, die eine tolerante und offene Gesellschaft verabscheuen wie der Teufel das Weihwasser.

Dennoch bin ich dagegen, deshalb ein wie immer auch geartetes Engagement in weltweiten Krisengebieten aus Angst vor Terror aufzugeben. Zumindest sollte das nicht der Grund sein, sondern einer der sich nicht aus Erpressbarkeit speist.

Interessant das Guido Westerwelle heute konkrete Planungen zum Abzug aus Afghanistan bekannt gegeben hat und das im Vorfeld einer weltweit beobachteten Sicherheitsveranstaltung.

Ob das nun in einer Kausalität mit der aktuellen Terrorwarnung steht kann ich nicht sagen, ich glaube aber dass das Leben in der BRD genau so gefährlich ist, wie es das vor 1 Monat war und es auch jetzt nicht anders ist und es auch nicht in 1 Woche sein wird.

Äpfel mir Birnen...?

Sie vergleichen nicht wirklich eine Aussage, die auf NICHTS basiert mit dem Konflikt und TATSÄCHLICHEN Bedrohung durch TATSÄCHLICHEN Terrorismus in Nahost...?

Der einzige Terror der hier herrscht kommt aus Berlin!

Herr De Maziere hat - laut Spiegel.de - sogar bestätigt, dass es KEINE konkrete Bedrohung oder Hinweise gibt. Es gibt nur seine 'Sorge'. Mehr nicht. Ansich sollte so etwas höchstens eine Randnotiz sein, kein Titelthema!

Was hier passiert ist wieder 1A Show-Politik - und das noch vom Feinsten.

Vorgestern gab's die Aussage, seit gestern schreit wieder alles nach Vorratsdatenspeicherung und mehr Überwachung. Den Grund dazu hat unser zwielichtiger Herr De Maziere geliefert. Basierend auf - nichts!

Ein Schelm, wer böses dabei denkt... 1939 wurden wir von Polen angegriffen, 2010 sind es 'Terroristen'.

Sie vergleichen die Besatzung Palästinas...

... mit der Afghanistans. Das ist vollkommen richtig.

Vollkommen falsch ist es aber, aus dem Widerstand der dortigen Aufständigen zu schließen, dass wir ein Recht oder gar eine Pflicht hätte, die Besatzung nur immer weiter fortzusetzen.

Palästina den Palästinensern! Afghanistan den Afghanen!

Wir verteidigen nicht unsere Sicherheit am Hindukusch, wir zerstören die Sicherheit der Menschen am Hindukusch. Wir sind nicht in Afghanistan, weil dort ein Krisengebiet ist, wir machen Afghanistan zu einem Krisengebiet.

Zuerst ist es unser schlechtes Gewissen, das uns vermuten lässt, dass es den Afghanen langsam zu bunt sein müsste, was sich unsere Soldaten bei ihnen erlauben, und zurückschlagen sollten. Unsere Angst entsteht aus den Phantasmen, die sich aus unserem schlechten Gewissen speisen.

Wir hätten allen Grund, uns endlich aus Afghanistan zurückzuziehen. Denn außer Leid bewirken wir dort nichts mehr. Die Mädchenschulen sind von den Taliban längst akzeptiert. Die Brunnen drohen Kriegshandlungen zum Opfer zu fallen. Und die Israelis täten gut daran, endlich wieder menschlich zu agieren. Die Idee Großisraels ist ebenso konfrontativ wie die Idee einer laizistischen Musterdemokratie in Afghanistan.

Und wer hat's erfunden, dieses Schwert?

Nein, diesmal nicht die Schweizer. Der Herr hieß Damokles.

(Cicero: Tusculanae Disputationes, Buch V)

Weil aber nun ein so klassisches Schwert über unseren Häuptern hängen soll, sehe ich noch keinen Grund, warum unsere Gelassenheit gleich so "heroisch" sein müsse wie die griechischer Helden.

Einfach gelassen und vernünftig bleiben tut's auch.

Im Übrigen bin ich mit Ihrem Artikel, lieber Herr Biermann, durchaus einverstanden.

Ich habe Angst

Ich möchte meiner Staatsbürgerlichen Pflicht nachkommen und sofort auf einige "seltsame Menschen" aufmerksam machen. Sie heißen Schünemann, De Maiziere, Körting, um nur ein paar wenige zu nennen. Sie treten im öffentlichen Raum auf und reden wirres Zeug über Bedrohungen und Terror. Sogar im Fernsehen treten sie auf, wo sie Angst und Schrecken verbreiten. Offenkundig handelt es sich im ein ausgebautes Netzwerk, denn sie agieren sogar in Namibia und Jemen, ganz zu schweigen von Afghanistan.