Stellen wir uns vor, Julian Assange verschwände in irgendeinem Knast, die Wikileaks-Website und all ihre digitalen Kopien würden unerreichbar gemacht und die von den Aktivisten beschworene "thermonukleare" Datenbombe würde entschärft: Was änderte das eigentlich?

Vermutlich nichts. Denn die Idee ist ausgesprochen. Sie lautet: Alle Informationen müssen frei zugänglich sein. Solche, die versteckt sind, werden aufgedeckt, gleich, worum es sich handelt. Wenn dann alles offen liegt, können wir endlich diese Welt und ihre Machtstrukturen verstehen und zum Besseren wenden.

Diese Idee muss einem nicht gefallen. Wichtiger aber ist die Frage: Wie gehen wir mit ihr um? Bislang sind die Antworten darauf höchst unbefriedigend, weil sie immer reaktiv sind.

Wikileaks - "Das Informationsmonopol ist durch Wikileaks gebrochen"

Die einen argumentieren rückwärts gewandt: Eine Politik, ein Staat, eine Diplomatie, die so lange so gut funktionierten, dürfen nicht gefährdet werden, nur weil irgendwelche Aktivisten die absolute Transparenz als neues Weltenheil ausrufen. Sie fordern Verfolgung und Bestrafung. Doch wofür strafen? Wikileaks hat nicht spioniert, keine Daten gestohlen, weiß wegen der komplexen Verschlüsselungstechnik nicht einmal, von wem die Informationen kommen. Die Organisation hat die Daten lediglich ins Netz gestellt. Dies aber deckt das Recht auf Meinungsfreiheit, könnte man argumentieren. Schließlich verfolgt auch niemand die New York Times oder den Spiegel für seine Veröffentlichungen.

Die anderen verfangen sich in ihrem fatalistischen Glauben an die Macht der Technik. Sie sagen: Was einmal technisch möglich und ausprobiert ist, kann niemals zurückgenommen werden. Verfolgung habe deshalb keinen Sinn. Und es stimmt ja: Längst gibt es Pläne, Hunderte weitere Wikileaks aufzubauen . Also, wird gefolgert, müsse die Welt eben damit leben. Was das für den Einzelnen heißt, für die Zukunft der Demokratie? Die Antwort bleibt Schulterzucken.

Die eine Haltung ist so falsch wie die andere. Richtig wäre es, darüber nachzudenken, was den Menschen dient und daraus gesellschaftliche und politische Normen zu entwickeln. Welche neuen Formen von Transparenz brauchen wir, um Missstände ans Tageslicht zu bringen? Wie weit muss die Meinungsfreiheit in digitalen Zeiten reichen, damit auch einzelne Warner sich gegen etablierte Machtstrukturen behaupten können? Wie sichern wir dagegen die Privatsphäre des Einzelnen, schützen Unternehmen, damit sie ehrlich und erfolgreich wirtschaften können? Muss es schließlich eine Art Datenschutz für Staaten (und nicht nur für den einzelnen Bürger) geben?

Das alles sind komplizierte Fragen. Aber sie sind nicht furchtbar neu. Seit mehr als zweihundert Jahren werden sie überall dort diskutiert, wo sich demokratische Staatswesen entwickeln. Nun gilt es, sie abermals zu stellen, damit ein neuer gesellschaftlicher Konsens dazu entstehen kann, wie wir zusammenleben wollen.