Gastbeitrag Ein freies, gerechtes und solidarisches Netz

Die SPD droht den Anschluss ans Internet zu verlieren. Dabei sollte sie die digitale Gesellschaft offensiv gestalten, fordern L. Klingbeil und B. Böhning. Ein Gastbeitrag

Auf ZEIT ONLINE diskutieren Politiker über ihre Internet-Strategien. Gastbeiträge von Manuel Höferlin und Jimmy Schulz (FDP) und Malte Spitz und Konstantin von Notz (Grüne) sind bereits erschienen. Heute schreiben die Sozialdemokraten Lars Klingbeil und Björn Böhning.

Der Aufbruch in die digitale Gesellschaft ist ein Glücksfall für die SPD. Ein Glücksfall, wenn die SPD mit dem Fortschritt geht. Dieser Fortschritt ist umkämpft, und die SPD droht den Anschluss zu verlieren. Daher muss die SPD als Fortschrittspartei die digitale Gesellschaft offensiv gestalten.

Die digitale Revolution verändert unser Leben und Arbeiten, sie verändert damit auch Politik und Demokratie. Zu lange hat die Politik diese Entwicklung mit einem gehörigen Maß an Fortschrittsskeptizismus betrachtet. Wir plädieren dafür, dass die Politik und erst recht sozialdemokratische Politik die digitale Gesellschaft mutig und optimistisch betrachtet und beginnt, sie zu gestalten.

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Dabei weisen sozialdemokratische Grundwerte auch im digitalen Zeitalter den Weg: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität – das sind die Grundwerte der SPD, die auch heute noch aktuell sind. Sie werden ihren Wert auch in der digitalen Gesellschaft nicht verlieren.

Lars Klingbeil
Lars Klingbeil

Netzpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion

Freiheit in der digitalen Gesellschaft bedeutet, die Unfertigkeit, ja Rohheit, des Internets zu belassen, weil wir glauben, dass es soziale und ökonomische Innovationen fördert – nicht zerstört. Und das bedeutet auch, nicht zuerst danach zu fragen, wie Fehlentwicklungen korrigiert werden können, sondern wie Freiheit und Sicherheit in veränderter Art und Weise kombiniert werden können.

Netzpolitik hat die Aufgabe, die neue digitale Ordnung zu gestalten, das Leben und Arbeiten in Würde zu ermöglichen und Technologie, dort wo sie den Fortschritt antreibt, zu fördern. Dabei sind wir natürlich nicht technikblind und kritiklos euphorisch – auch bei den neuen Informationstechnologien nicht. Aber wir sind offen und wollen die Potenziale des Informationszeitalters für eine bessere Wirtschaft und Gesellschaft nutzen.

Björn Böhning
Björn Böhning

Leiter des Gesprächskreises Netzpolitik beim SPD-Parteivorstand

Das Internet ist primär ein unbegrenztes Medium für Wissen und Informationen, die Gesellschaft und Wirtschaft positiv beflügeln. Es ist eine Plattform für Meinungsvielfalt und -austausch. Das Netz fördert Demokratie und Teilhabe, wenn wir es richtig nutzen. Es erhöht die Chance einzelner Gesellschaftsmitglieder, sich an Politik und Partizipationsprozessen zu beteiligen. Das Web 2.0 hat dabei auch Partizipationsansprüche und -erwartungen geweckt, die Politik und Parteien heute erfüllen müssen. Diese Freiheit der Kommunikation und die Demokratie zu fördern bleibt unsere Maßgabe – auch im Internet.

Die moderne Übersetzung des Freiheitsbegriffs in der digitalen Gesellschaft bedeutet, Offenheit zu fördern. Offenheit von Daten und Prozessen, Offenheit von Technologien, Offenheit von Entwicklungen dort, wo technologische Prozesse die Gesetzgebungsprozesse dramatisch überholen. Die SPD wird sich konsequent für einen offenen und transparenten Staat einsetzen. Dies bedeutet einerseits staatliches Wissen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, anderseits auch die Kommunikations- und Partizipationschancen des Netzes zu nutzen und politische Prozesse nachhaltig zu verändern.

Gerechtigkeit zu fördern bedeutet, Zugang und Teilhabe am Internet zu ermöglichen. Daher ist es Aufgabe der Politik, digitale Spaltungen zu verhindern, wo immer sie auftreten mögen. Das gilt natürlich primär für den Zugang zu schnellem Internet. Wir plädieren für ein Grundrecht auf Breitband-Internet, wie es andere Länder längst eingeführt haben. Nach derzeitigem Stand würde dies vor allem ländlichen Regionen nützen. In den Ballungsräumen und Städten muss der Glasfaser-Ausbau wo nötig auch mit öffentlicher Unterstützung vorangetrieben werden. Aber auch die Wahrung der Netzneutralität, also gleichberechtigter Zugang zum Internet, beugt digitalen Spaltungen vor. Sie muss daher gesetzlich abgesichert werden.

Leser-Kommentare
  1. Vielen Dank! Soetwas richtig schönes zum Lachen kann man in diesen Tagen gut gebrauchen.
    Füllen sich schliesslich Blogs und manche Zeitungen mit immer schlimmeren Nachrichten.
    Wikileaks, die für Offenheit einstehen werden bekämpft - u.A. von der SPD
    der JMStV wird - von der SPD - dem Internet (oder soll ich sagen "Kindernet"?) aufgezwungen und setzt Privatleute großen Risiken agemahnt zu werden aus
    Von ACTA, INDECT und dergleichen will ich gar nicht erst anfangen.
    Vor diesem Hintergrund kann ich eigentlich nichts anderes denken, als dass die Autoren sich hier einen Scherz erlauben wollten, triefen die Zeilen doch gerade nur so von Zynismus.

    Und doch, bei einigen Abschnitten zwingt sich einem geradezu der Gedanke auf, dass hier die PIRATEN beschrieben werden, man sie aber gleichzeitig lieber totschweigen will. Denn all das was die SPD hier mit hohlen Phrasen verspricht und gleichzeitig in den Parlamenten bekämpft, das wird von den PIRATEN glaubwürdig vertreten (siehe WL-Mirrors).

  2. ...recht scheinheilig in diesem Beitrag SPD-Mitglieder zu Wort kommen zu lassen? Sind diese doch gerade mit dem neuen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag dabei das freiheitliche Internet in Deutschland abzuschaffen?

    Unter diesem Gesichtspunkt kann ich diesen Beitrag nicht ernst nehmen. Aber vielleicht ist er nur dafür da, das eigentliche Problem schön zu reden oder ganz von ihm abzulenken...

  3. Lars Klingbeil und Björn Böhning stellen die richtigen Fragen.

    Im Gegensatz zur Piraten-Partei (die allenfalls ein paar Nerds hinter dem Bildschirm hervorlockt) sehen sie, dass die digitale Gesellschaft kein in sich geschlossenes Parallel-Universum ist, sondern auf breiter Front mit der "realen" Gesellschaft verlinkt werden muss, sodass wirklich alle davon profitieren und niemand von den Chancen abgehängt wird, die die neuen Medien eröffnen.

    Dass es innerhalb der Volkspartei SPD auch andere Haltungen gibt, darf man ihnen auch nicht zum Vorwurf machen, im Gegenteil: Wer die Botschaft als Prophet im eigenen Lager überzeugend verbreitet, der wird auch darüber hinaus überzeugen.

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    Die SPD ignoriert mit schöner Regelmäßigkeit die Empfehlungen ihrer Experten, die außerparteilichen Helfer die sie lange hatte haben sich mittlerweile fast alle schaudernd abgewandt.

    Dass die "digitale Gesellschaft" mit der "analogen" verzahnt ist und diese sich gegenseitig beeinflussen ist auch meine Meinung, insofern stimmen wir beide in diesem Punkt überein.
    Die SPD übrigens eher weniger, erscheint es doch meist als ob sie die "digitale Gesellschaft" ihrer Mündigkeit berauben und aus dem Internet ein Kindernet machen will.

    Hingegen haben die PIRATEN beispielsweise in Ba-Wü ein umfassendes Wahlprogramm aufgestellt, das sehr schön zeigt, wie sich digitale und analoge Welt gegenseitig ergänzen können.
    Dass diese Partei von der Parteienpolitik enttäuschte Nichtwähler wieder an die repäsentative Demokratie in Deutschland heranführen kann, halte ich für einen weiteren Pluspunkt.

    Die SPD ignoriert mit schöner Regelmäßigkeit die Empfehlungen ihrer Experten, die außerparteilichen Helfer die sie lange hatte haben sich mittlerweile fast alle schaudernd abgewandt.

    Dass die "digitale Gesellschaft" mit der "analogen" verzahnt ist und diese sich gegenseitig beeinflussen ist auch meine Meinung, insofern stimmen wir beide in diesem Punkt überein.
    Die SPD übrigens eher weniger, erscheint es doch meist als ob sie die "digitale Gesellschaft" ihrer Mündigkeit berauben und aus dem Internet ein Kindernet machen will.

    Hingegen haben die PIRATEN beispielsweise in Ba-Wü ein umfassendes Wahlprogramm aufgestellt, das sehr schön zeigt, wie sich digitale und analoge Welt gegenseitig ergänzen können.
    Dass diese Partei von der Parteienpolitik enttäuschte Nichtwähler wieder an die repäsentative Demokratie in Deutschland heranführen kann, halte ich für einen weiteren Pluspunkt.

  4. "Denn wenn beispielsweise Google die öffentlichen Weltbibliotheken scannt, so ist die Eigentumsfrage dieses Weltwissens in Form digitaler Daten noch nicht geklärt"

    Googles Deal mit den deutschen Bibliotheken hätte so ausgesehen, dass die Bibliotheken die Bücher zu Google schicken, Google scannt und dann die Bücher plus den Kopien der Scans zurück an die Bibliotheken schickt. Google hätte noch dafür gesorgt, dass die Scans der Öffentlichkeit im Internet zugänglich sind. Bis dann Frau Zypries, aufgescheucht von den deutschen Verlegern, intervenierte.

    Was für eine grandiose Fehlleistung. Und jetzt schwadroniert die SPD, dass die "Eigentumsfragen nicht geklärt wären". Das Urheberrecht klärt die Eigentumsfragen, und das Urheberrecht sagt, dass alle Werke 70 Jahre nach dem Tod der Urheber der Allgemeinheit gehören.

    Was die SPD da auf anraten der Verleger zum Wohle des Volkes klären möchte, kann man sich unschwer denken: Eine Ausweitung der Frist auf 500 Jahre wäre wohl das Minimum. Damit erst mal alle gedruckten Bücher sicher vor der Verwertung und Zugänglichmachung durch Google sind.

    Für den Schmusekurs mit den Verlegern, kann das gemeine Volk ruhig ein erneutes Mal in die Pfanne gehauen werden.

    Wenn Frau Zypries heute noch was zu sagen hätte, wäre sie inzwischen wohl auch schon losgezogen und hätte Google das Einlesen und Verbreiten deutscher Internetadressen verboten. Denn leider ist sich die SPD auch über deren Eigentumsverhältnisse nicht im klaren.

  5. Die SPD ignoriert mit schöner Regelmäßigkeit die Empfehlungen ihrer Experten, die außerparteilichen Helfer die sie lange hatte haben sich mittlerweile fast alle schaudernd abgewandt.

    Dass die "digitale Gesellschaft" mit der "analogen" verzahnt ist und diese sich gegenseitig beeinflussen ist auch meine Meinung, insofern stimmen wir beide in diesem Punkt überein.
    Die SPD übrigens eher weniger, erscheint es doch meist als ob sie die "digitale Gesellschaft" ihrer Mündigkeit berauben und aus dem Internet ein Kindernet machen will.

    Hingegen haben die PIRATEN beispielsweise in Ba-Wü ein umfassendes Wahlprogramm aufgestellt, das sehr schön zeigt, wie sich digitale und analoge Welt gegenseitig ergänzen können.
    Dass diese Partei von der Parteienpolitik enttäuschte Nichtwähler wieder an die repäsentative Demokratie in Deutschland heranführen kann, halte ich für einen weiteren Pluspunkt.

  6. Nur ein Aspekt des Artikels sei hier herausgenommen: Ist "Staat" ein Subsystem von "Kommunikation"? Angesichts der historischen Entwicklung von Staatsformen und der Koinzidenz oder Kausalität der Entwicklung von Kommunikationskulturen, springt der Gedanke des Artikels zu kurz: Wenn denn "Staat" ein Subsystem von Kommunikation ist, ist die gesellschaftliche Frage nach der Anpassung der politischen und wirtschaftlichen (…) Strukturen an eine sich verändernde Kommunikationskultur zu stellen. Welche Gemeinschaftsgrößen, -formen, -interaktionen, -regeln passen zu den Werten, Gesten und Kommunikationsakten der kommenden Kulturepoche. Dann gilt es, diese entsprechend zu designen.

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