Aber es gibt einen Weg, der aus dieser Falle herausführt. Die Politik könnte sich darauf besinnen, das Deutschland ein Land ist, das nur wenige echte Geheimnisse hat. Und darauf, dass diese Republik längst gute Erfahrungen mit neuen Formen der Transparenz gemacht hat und schnell bereit ist, weitere zu erproben. Das zeigt das Schlichterverfahren um Stuttgart 21 ebenso, wie die vielen Bürgerhaushalte und Konsultationsverfahren im Netz. " Es gibt ein wachsendes Bedürfnis nach Offenheit " , sagt Hamburgs oberster Datenschützer und Informationsfreiheitsbeauftragte Johannes Caspar . " Und es ist sinnvoll, seitens der Politik darauf einzugehen. Denn erst so gewinnen politische Projekte an Akzeptanz. “ 

Letztlich wird entlang der Idee von Wikileaks abermals der klassische Diskurs darüber fortgeführt, wie eine Balance herzustellen ist zwischen Transparenz und Geheimnis, zwischen Freiheit und Sicherheit. Dazu gehört die Frage, wie weit die Meinungsfreiheit reichen darf, damit sich auch einzelne Warner gegen etablierte Machtstrukturen behaupten können. Oder wie dagegen die Privatsphäre des Einzelnen zu sichern ist und das Betriebsgeheimnis eines Unternehmens. Vielleicht muss es auch eine Art Datenschutz für den Staat geben?

Ein erster Schritt, diese Debatte fruchtbar zu machen, wäre, Organisationen wie Wikileaks zu fördern, statt sie anzugreifen, damit sie ihren Platz im bestehenden System finden können. Längst geschieht das schon, beispielsweise mit der Seite befreite-dokumente.de des Chaos Computer Club und dem Bürgerrechtsverein Foebud. Die Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg und Herberg Snorrason haben gerade einen weiteren Vorschlag gemacht. Ihre neue Plattform Openleaks will Medien, Menschenrechtsgruppen oder Gewerkschaften anbieten, für sie anonyme Briefkästen im Netz einzurichten. Wer dort geheime Dokumente hinterlässt, kann sich aussuchen, an wen er sie weitergeben will. Der Empfänger wertet das Material entsprechend seiner Fachkenntnisse aus und veröffentlicht, was er für wichtig hält. Nach einer gewissen Frist stehen die Daten dann allen Besitzern solcher Briefkästen zur Verfügung.

Thilo Weichert vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein findet die Idee gut. Schließlich sei Transparenz das Lebenselixier der Demokratie. " Die Plattformen müssen nur gut reguliert werden. " Das könnte heißen, den Betreibern würden Informantenschutz und Zeugnisverweigerungsrecht zugebilligt, wie sie auch für Journalisten gelten. Außerdem müssten diejenigen, die auf Missstände aufmerksam machen, Whistleblower also, arbeitsrechtlich geschützt werden. Im Gegenzug, so Weichert, könne man dann auch einen verantwortlichen Umgang mit brisanten und möglicherweise gefährlichen Daten verlangen. Die Grenzen der Transparenz gebe das Recht längst vor: Datenschutz, innere und äußere Sicherheit, Schutz des Betriebsgeheimnisses.

Allerdings wird es nicht ausreichen, lediglich bessere Wikileaks zu fördern. Ein zweiter Schritt ist nötig. " Die Politik muss Transparenz als ein neues und effektvolles Instrument des Regierungshandelns erkennen und nutzen " , sagt der Verwaltungswissenschaftler Philipp Müller . Denn überall dort, wo über einen gesamten politischen Prozess hin mit offenen Karten gespielt werde, wachse dem Verfahren eine Legitimität zu, die es durchsetzungsfähig mache – wenn die Bürger mitreden dürften und relevante Einwände erkennbar gehört würden. Der Lohn einer solchen neuen Offenheit könnte sein, dass verlorengegangenes Vertrauen wiederhergestellt wird. Das böte auch eine Chance, bei den größten Skeptikern Verständnis für die Vertraulichkeit zu gewinnen, die mitunter notwendig ist, damit Institutionen funktionieren.