Drei Bundeswehr-Skandale innerhalb von zwei Tagen – wann hat es das schon einmal gegeben? Es scheint etwas nicht zu stimmen mit der Truppe oder ihrer Führung, wenn auf dem Segelschulschiff Gorch Fock Offiziersanwärter unter Druck gesetzt werden, wenn Briefe von Soldaten auf dem Weg von Afghanistan nach Deutschland verschwinden und wenn ein Todesfall am Hindukusch sich plötzlich ganz anders darstellt.

Drei Skandale. Was ist los mit der Bundeswehr? Verlottert die Armee im Einsatz? Wird sie zu dem, was man immer verhindern wollte, zum Staat im Staate? Eine Organisation, in der übertriebener Drill, Zensur und Vertuschung Alltag sind? Ist Guttenberg an allem Schuld?

All diese Fragen kann man mit Ja beantworten – wenn man hysterisch genug ist und eine passende politische Agenda hat. Ehrlich ist es nicht.

Denn betrachtet man die drei Fälle genauer, zeigt sich schnell, dass sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Nur eines führt sie zusammen: Sie gingen allesamt durch die Hände des Wehrbeauftragten des Bundestages. Hellmut Königshaus hat seinen Job gemacht, gut so. Demnächst wird noch mehr von ihm zu hören sein, wenn er seinen Jahresbericht über Mängel und Missstände bei der Bundeswehr vorlegt.

Die deutsche Armee wandelt sich gerade. Sie führt Krieg, und Krieg verändert Menschen. Das muss der Militärführung bewusst sein, wenn sie die Bundeswehr Schritt für Schritt zur Einsatzarmee umbaut. Doch weder die verschwundene Feldpost noch die Zustände auf der Gorch Fock haben mit dieser Veränderung etwas zu tun.

Dass Feldpost geöffnet wurde , ist eine Straftat und schlimm für die betroffenen Soldaten und ihre Angehörigen. Doch als Beleg einer rabiat werdenden Bundeswehr, als Zeugnis von Zensur und Vertuschung, taugt der Fall nicht. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass MAD oder Armee darin verwickelt sind, dafür war das Vorgehen zu plump. Möglicherweise war es Diebstahl oder eine seltsame Variante von Vandalismus.

Die Zustände auf der Gorch Fock wiederum sind ein Widerspruch zum Prinzip der Inneren Führung. Das besagt: Soldaten werden nicht zu willenlosen Befehlsempfängern erzogen, sondern zu Staatsbürgern in Uniform, die Befehle auch ablehnen dürfen, wenn sie beispielsweise gegen die Menschenwürde verstoßen. Die Bundeswehr war nie vollständig gefeit vor derartigen Vorfällen, das haben zuletzt die im Vergleich zur Gorch Fock weit unwürdigeren Rituale der Gebirgsjäger in Mittenwald gezeigt. Als Beweis dafür, dass sich die Bundeswehr im Krieg verändert, taugt der Fall Gorch Fock nicht – die Marine führt keinen Krieg.