Die FDP sei viel mehr als nur eine Steuersenkungs- und Wirtschaftspartei, schreiben Vertreter des von Parteimitgliedern neu gegründeten linksliberalen Dahrendorfkreises in einem Positionspapier. Sie sorgen sich um den "roten Faden" liberaler Politik, der ihrer Meinung nach derzeit nicht erkennbar sei. In den Personaldiskussionen um Guido Westerwelle gehe unter, dass eine "inhaltliche Neu-Orientierung der FDP" dringend notwendig und das eigentliche Problem der Partei sei.

"Gesellschaftliche Baustellen", die es von der Partei verstärkt zu besetzen gelte, seien unter anderem die Europa-, Bildungs- und Integrationspolitik. Auch brauche es einen "German Dream", finden unter anderem Europapolitiker wie Jorgo Chatzimarkakis,  Alexander Alvaro und die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Miriam Gruß und der Bundestagsabgeordnete Sebastian Körber.

Diese deutsche Identität solle sich definieren aus "gleichen Entwicklungschancen für alle", "dem Gefühl in einem gerechten Staat zu leben, der solidarisch für seine Bürger sorgt" und "das Wissen in einem Staat zu leben, der Leistung belohnt". Ein "German Dream" könne die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland viel eher befördern als "abstrakte Appelle an den 'Verfassungspatriotismus'", finden die Vertreter der Linksliberalen.

Der Dahrendorfkreis fordert außerdem "höchste Priorität" für die Bildungspolitik. Der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen müsse endlich aufgebrochen werden. Das nutze auch der Integration. Nur gebildete Individuen seien in der Lage, "kulturelle Traditionen kritisch zu hinterfragen, beispielsweise Beschneidung oder allgemein die Stellung der Frau in der Gesellschaft."

Die FDP dürfe sich künftig zudem von den Grünen in der Umweltpolitik nicht mehr in den Schatten stellen lassen, fordert der Dahrendorfkreis. Die sozialen und ökologischen Komponenten des Liberalismus müssten wieder verstärkt herausgearbeitet werden. So sei eine ressourceneffiziente Marktwirtschaft die "eigentliche Chance für die Neuausrichtung der deutschen und europäischen Industrie".

Als "Europapartei" könnten die Liberalen zudem "den Stolz auf das typisch Deutsche in der europäischen Gemeinschaft der EU" betonen. Auf allen Ebenen müsste die politische Mitbestimmung ausgebaut werden. "Bei Entscheidungsfindungen muss gelten: Soviel Bürger wie möglich, soviel Staat wie nötig", schreiben Chatzimarkakis und seine Parteikollegen.

In dem Papier fordert der Dahrendorfkreis auch Offenheit für andere Konstellationen der politischen Zusammenarbeit, also auch Koalitionsoptionen. Demokraten sollten "untereinander nicht nur sprach-, sondern auch geschäftsfähig" sein – "unabhängig von ihrer Couleur", heißt es. Politiker müssten hingegen "einen wahren Führungsanspruch entwickeln" und zur "Demut vor dem Amt und den Bürgern zurückkehren."