Spätestens am Donnerstagabend dürfte Guido Westerwelle gemerkt haben, dass das Superwahljahr 2011 für seine Partei hart und anstrengend werden könnte. Anders als 2009, im letzten Superwahljahr, wird der FDP-Chef diesmal nicht umjubelt, sobald er eine FDP-Veranstaltung betritt. Stattdessen trifft er auf Misstrauen, verschränkte Arme und spöttische Mienen.

Zu beobachten war das in Hamburg, wo am 20. Februar das Wahljahr eingeläutet wird. Die Hamburger FDP hatte am Donnerstag in ein Restaurant im Rathauskeller geladen. Als Westerwelle den schlauchartigen Saal betrat, war der Beifall gedämpft, keinesfalls überschwänglich, spätestens in der Mitte des Schlauchs kam er zum Erliegen.

Viel besser wurde die Stimmung vorläufig nicht mehr. Was auch daran lag, dass vor Westerwelle die Hamburger Spitzenkandidatin Katja Suding sprach. Es war ihr erster Auftritt in dieser Funktion überhaupt. Nervös klammerte sich die 35-jährige Kommunikationsberaterin während ihrer Rede an gelbe Karteikarten. Manchmal verhaspelte sie sich, mehrfach kam sie ins Stocken, oft betonte sie die falschen Stellen. Es entstanden unangenehme Pausen, in denen es so still war, dass man hin und wieder Handys klingeln hören konnte.

Suding ist erst seit 2006 Mitglied der FDP. Hört man sich in ihrem Landesverband nach ihren Vorzügen um, verweisen viele, gerade die älteren Herren, auf ihr ansprechendes Äußeres. Sie sei ein " Eye-Catcher ", sagt der Landeschef Rolf Salo mit Altherrenmine. Auch andere Liberale berichten stolz von den hübschen Plakaten der Schwarzhaarigen, die sich auf den Hamburger Straßen als "KatJA" im Friesennerz präsentiert. Bei ihrem ersten Auftritt auf bundespolitischer Bühne, beim Dreikönigstreffen in Stuttgart, sorgte sie für Getuschel, weil sie als Tischdame Westerwelles ein spektakulär rückenfreies Abendkleid trug.

Manche Liberale lästern zwar hinter vorgehaltener Hand, dass ihr womöglich etwas "Substanz" fehle. Dennoch setzen viele darauf, dass Suding erfolgreicher sein könnte als die grauen Herren, die zuletzt an der Spitze der Hamburger FDP standen. "Silvana-Effekt" heißt das in liberalen Kreisen, seit dem Erfolg der jungen Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin bei der Europawahl 2009.

Bei ihrem Aufstieg hat Suding auch davon profitiert, dass die Hamburger FDP nicht nur chronisch erfolglos ist, sondern auch tief zerstritten. Der Landesvorstand und die Bundestagsabgeordneten bekämpfen sich öffentlich. Bezirkschefs fordern sich gegenseitig zu Selbsteinweisungen in die Psychiatrie auf. Als Seiteneinsteigerin hat sich Suding aus diesen Grabenkämpfen herausgehalten. Deswegen verkörpere sie einen "Neuanfang", wie Westerwelle später nicht müde wurde zu betonen.

Aber auch Westerwelle wird an diesem Abend geschwant haben, dass aus Suding keine mitreißende Wahlkämpferin mehr wird. In der erste Reihe sitzend, lauschte er, aufmunternd lächelnd, wie sie sich am Wahlprogramm der Grünen abarbeitete. Seine eigene Rede leitete Westerwelle mit dem Satz an, man solle ihr die "innere Aufregung" doch bitte nachsehen. Er versuchte Sudings Unsicherheit positiv zu deuten, als Zeichen, dass hier eben keine Berufspolitikerin am Werk sei, sondern eine Freiberuflerin und Mutter, eine "Mutbürgerin", wie er sie nannte, "mitten aus dem Leben".

Was ein Berufspolitiker ist, demonstrierte Westerwelle anschließend in seiner gut einstündigen Rede. Jemand nämlich, der schon tausend Mal mehr Reden in Ratskellern gehalten hat als Suding. Jemand, der auf Knopfdruck präsent ist, der sich routiniert empören kann, der kräftig spricht, und, ja auch das, der seine Anhänger mitreißen kann.