Für die Opposition ist klar, dass der Verteidigungsminister die Lage nicht im Griff hat. Die Koalition spricht Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hingegen ihr Vertrauen aus. Der Ton in der Gorch Fock-Affäre wird nach der Entlassung des Gorch-Fock-Kommandanten rauer: "Ich halte es nicht für in Ordnung, dass man mittags noch sagt, es gibt keine Vorverurteilungen und abends – nachdem eine große Boulevard-Zeitung das Thema aufgreift – dann in dieser Art und Weise handelt", sagte Rainer Arnold, der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im ZDF-Morgenmagazin. Arnold kritisierte, Guttenberg schädige mit seinem Verhalten das Ansehen der Bundeswehr.

Koalitionspolitiker – und Guttenberg selbst – verteidigten dagegen das Vorgehen. Guttenberg ließ in Berlin erklären, seine Entscheidung sei "sachgerecht und notwendig" gewesen. Manche Stellungnahme dazu sei "Ausdruck bemerkenswerter Ahnungslosigkeit", wie es in der Erklärung des Ministeriums weiter hieß.



Der Kommandant der Gorch Fock sei weder "gefeuert", noch "geschasst" oder "rausgeworfen" worden. "Ich empfehle allen, die sich bereits vorsorglich empörten, sich nächstes Mal zumindest mit den Grundzügen des Beamten- und Soldatenrechts vertraut zu machen." Der CSU-Politiker sagte, dass er ein dreistufiges Verfahren im Umgang mit den aktuellen Bundeswehraffären angekündigt habe: Aufklären, abstellen, Konsequenzen ziehen. "Wir befinden uns bei der Gorch Fock immer noch in der ersten Phase: Aufklärung."

Die Entscheidung vom Wochenende betreffe die Frage, ob der Kommandant während der Aufklärung in seiner Position verbleibe oder nicht, erläuterte Guttenberg. "Wenn die Anschuldigungen sich als nicht stichhaltig erweisen sollten, wird er seine Karriere wie geplant fortsetzen."

Die Grünen beantragten für diese Woche eine Aktuelle Stunde im Bundestag zu den Vorgängen um das Segelschulschiff. Auch sie kritisieren die schnelle Abberufung des Gorch-Fock-Kapitäns. "Erst sagt Guttenberg in aller Öffentlichkeit, dass die Vorverurteilungen von Soldaten infam seien. Und dann entlässt er wenige Stunden später den Kommandanten der Gorch Fock", sagte Verteidigungsexperte Omid Nouripour.

Susanne Kastner (SPD), Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, sagte, das Verhalten zeige, "wie nervös Herr zu Guttenberg ist". Am kommenden Mittwoch muss Guttenberg im Verteidigungsausschuss Rede und Antwort stehen. Außer zu den Vorfällen auf der Gorch Fock soll er dort auch zum versehentlichen Todesschuss auf einen Soldaten in Afghanistan und zum Öffnen von Feldpost aus diesem Einsatzgebiet Stellung nehmen. Guttenberg will die gesamte Truppe auf Fehlverhalten überprüfen lassen.

Ulrich Kirsch, der Chef des Bundeswehrverbandes, sagte, es mache ihn tief betroffen, wenn die Soldaten "unter einen Generalverdacht gestellt" würden. Er fühle sich "da schon ein bisschen an die heilige Inquisition erinnert". SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier verlangte rasche Aufklärung. Er sieht aber bisher keinen Anlass für eine Rücktrittsforderung an Guttenberg. In der ARD-Sendung Bericht aus Berlin sagte er am Sonntagabend: "Das ist kein Thema für einen Streit an der Oberfläche. Da sind zwei Menschen gestorben, ein junger Mann in Afghanistan, eine junge Frau auf der Gorch Fock. Und da ist zunächst mal Trauer und Mitgefühl für die Angehörigen." "Wir fordern Aufklärung, und am Ende der Aufklärung (...) wird über den Verteidigungsminister zu reden sein."

Aus der Koalition gab es für Guttenberg zunächst Rückendeckung: Bundeskanzlerin Merkel habe den Verteidigungsminister bei den Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Segelschulschiff "ausdrücklich unterstützt", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Der Minister habe hier eine "hohe Aufklärungsverantwortung". "Der ist er nachgekommen." Jetzt solle, unter Einbeziehung der Bundestagsfraktionen darüber nachgedacht werden, welche Rolle das Schulschiff in Zukunft spielen werde. 

Auf die Frage, ob die schnelle Abberufung des Schiffskommandanten durch den Minister gerechtfertigt sei, sagte CDU-Präsidiumsmitglied Philipp Mißfelder in Berlin: "Offensichtlich war dieser Schritt überfällig." Wer Führungsverantwortung trage, müssen gehen, wenn Fehler passieren. Die Kritik der Opposition an Guttenberg zeige, dass sie ihm seine Popularität nicht gönne.

Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus und Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht erklärten vor einer CDU-Präsidiumssitzung, Guttenberg sei mit seiner Ankündigung der rückhaltlosen Aufklärung auf dem richtigen Weg. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen sagte: "Wir machen uns natürlich Sorgen, was auf der Gorch Fock passiert ist."

Auch FDP-Generalsekretär Christian Lindner sprach Guttenberg das Vertrauen seiner Partei aus. Es gebe keinen Anlass, an der Führungsfähigkeit des Ministers zu zweifeln, sagte Lindner. Die verteidigungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Elke Hoff, unterstützte Guttenberg ebenfalls: "Aus Fürsorgegründen ist es absolut richtig, den Kapitän aus der Schusslinie zu nehmen, bis alles aufgeklärt ist", sagte sie. Der Kommandant sei ja nicht geschasst worden, sondern könne wieder auf seinen Posten zurück, wenn die Untersuchung kein Fehlverhalten ergebe.

Am Tag des Unfalls im November, als eine 25-jährige Kadettin aus der Takelage in den Tod stürzte, soll der Kapitän nicht an Bord des Schiffes gewesen sein. "Das ist durchaus ein normaler Vorgang. Die unmittelbare, direkte Verantwortung für das Personal hat der erste Offizier", sagte Arnold. Er stehe an der Schnittstelle zur Mannschaft. "Es geht hier nicht nur um den Kapitän."

Inzwischen wollen die Eltern einer 2008 gestorbenen Kadettin der Gorch Fock, die Wiederaufnahme der Ermittlungen erzwingen. "Wir erstatten Strafanzeige wegen des Verdachts der sexuellen Nötigung mit Todesfolge", sagte die Mutter Marlis Böken in Geilenkirchen bei Aachen. Nach den jüngsten Veröffentlichungen über die Gorch Fock erscheine vieles im neuen Licht, sagte die Mutter. Außerdem gebe es in den Ermittlungsakten zum Tod der Tochter viele Ungereimtheiten.

Die Offiziersanwärterin Jenny Böken war im September 2008 auf der Gorch Fock 20 Kilometer von Norderney entfernt über Bord gegangen und ertrunken. Ein Fischereiaufsichtsboot fand den treibenden Körper elf Tage danach. Bei der Obduktion wurden keine Anzeichen für ein Fremdverschulden gefunden. Nach Angaben der Eltern wurde nie geklärt, wie die junge Frau bei ihrer Nachtwache über Bord gehen konnte. Der Generalstaatsanwalt in Kiel habe eine Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt, sagte der Vater Uwe Böken.