Das Tor war nur für einen kurzen Moment geöffnet. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wollte sich für mögliche Fehler bei der Kennzeichnung von Fremdtexten in seiner Doktorarbeit entschuldigen. Ein wichtiger Auftritt in eigener Sache, der über die Zukunft eines Politikers entscheiden kann. Wenige Minuten, in denen der Minister mit dem selbst angehefteten Image der Glaubwürdigkeit versuchen wollte, Fälschungsvorwürfe zu entkräften.

Doch statt sich vor die regelmäßig freitags stattfindende Bundespressekonferenz zu stellen, gewährte der 39-Jährige nur einem kleinen Kreis von Journalisten Einlass in das zwei Kilometer entfernte Verteidigungsministerium. Dort verlas er seine Erklärung und verschwand, ohne weitere Fragen zuzulassen. Dieser Termin war vom Ministerium trotz entsprechender Nachfragen vorher nicht allgemein angekündigt worden. Die von Guttenberg sonst geliebte Öffentlichkeit blieb diesmal weitgehend außen vor.

Ein einmaliger Vorgang, der zu einer seltenen Beschwerde der Bundespressekonferenz führte. Auch bei ihr entschuldigte sich der Minister. Er werde "selbstverständlich" künftig solche Parallelunterrichtungen vermeiden. Nun hat er ein Problem mehr. In der Unionsfraktion wurde plötzlich Kritik am Krisenmanagement des Ministers geäußert. "Das war kein Befreiungsschlag", hieß es seitens der CSU. Auch die CDU hält die Situation für "eine sehr brisante Lage".

Guttenberg hat schon einmal bewiesen, dass er vor aller Welt Fehler einräumen kann. Ende 2009, gerade erst im Amt, korrigierte er seine Einschätzung, der von einem deutschen Oberst befohlene Luftangriff im nordafghanischen Kundus mit vielen Toten und Verletzten sei trotz Verfahrensfehlern angemessen gewesen. Er war nicht angemessen, sagte der Minister dann. Er warf den damaligen Generalinspekteur und den Staatssekretär raus.

Diesmal kann Guttenberg niemanden entlassen. Es geht nicht um militärische Fehler, nicht um Versäumnisse im Amt, sondern um eine Doktorarbeit, die nichts mit dem Verteidigungsministerium zu tun hat. Es geht um seine Leistung – und um seine Glaubwürdigkeit. Es geht darum, ob er sich an seinen hohen Maßstäben selbst messen lässt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war mit Guttenberg am späten Donnerstagabend im Kanzleramt zusammengesessen, um seine Sicht zu hören. Welche Ratschläge sie ihm gab, ließ sie nicht mitteilen. Nur, dass sie "volles Vertrauen" in ihren Verteidigungsminister habe. Öffentlich äußerte sie sich zunächst nicht. In einem Interview erklärte sie später, Guttenberg gehe "sehr offensiv" mit den Vorwürfen um. Fragen zu einem Rücktritt nannte sie Spekulation.

Für sie selbst und die ganze Regierung wäre ein Rückzug Guttenbergs ein empfindlicher Schlag. Er ist weiterhin der beliebteste Politiker des Landes, sieben Landtagswahlen stehen bevor, und Guttenberg gilt unbestritten als politisches Ausnahmetalent.

Auch eine weitere Beschädigung, ein Vertrauens- oder ein Glaubwürdigkeitsverlust des Ministers wäre ein Problem. Denn die Truppe steht mit der Abschaffung der Wehrpflicht und der drastischen Verkleinerung der Streitkräfte vor ihrer größten Reform. Merkel sagte: "Dafür braucht er meine Unterstützung, und dafür bekommt er sie auch." Das Wörtchen "dafür" lässt aufhorchen. Denn zu inhaltlichen Vorwürfen gegen die Doktorarbeit schwieg sie.

Just vor seinem Auftritt im abgeschirmten Ministerium erreichte Guttenberg die wohl schlimmste Nachricht, die der Oberkommandierende der Bundeswehr erhalten kann: Ein 30-jähriger Hauptfeldwebel wurde bei einer Schießerei in Nordafghanistan getötet. Deshalb sei er auch im Ministerium geblieben, hieß es. Allerdings rechtfertigt das aus Mediensicht nicht die Einschränkung für die Journalisten. Denn der Einsatz in Afghanistan ist von höchstem öffentlichen Interesse.

Am Abend gab der Minister ein weiteres Statement im Ministerium. Er teilte mit, dass ein zweiter Soldat in Afghanistan an seinen Verletzungen gestorben ist.

Nun liegt das Schicksal des Ministers zunächst in der Hand der Universität Bayreuth. Sie entscheidet in wenigen Wochen, ob ihm der Doktortitel aberkannt wird. Ob er dies politisch überstehen würde, bezweifelt nicht nur die Opposition.