Mit beachtlichem Einsatz bemühen sich die Nutzer der Website GuttenPlag Wiki um die Exegese einer Doktorarbeit. Seit Donnerstag wird dort das Buch Verfassung und Verfassungsvertrag überprüft, die juristische Dissertation Karl-Theodor zu Guttenbergs. Mittlerweile ist das Wiki auf mehr als 900 Seiten angeschwollen, bei einer 475 Seiten umfassenden Schrift ein erschütterndes Ergebnis. Denn jeder Eintrag widmet sich plagiierten Passagen in der Arbeit des Bundesverteidigungsministers. Mehr als 68 Prozent der Seiten sind im Wiki zu diesem Zeitpunkt schon als Plagiat markiert.

Unter vielen unausgewiesenen Quellen (etwa aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Neuen Züricher Zeitung )  befindet sich auch ein Artikel aus der ZEIT. Darauf wies der ZEIT-ONLINE-Nutzer Duckmichnichtweg die Redaktion am Sonntag hin. Es handelt sich um einen Beitrag des Historikers Oliver Burgard, der unter dem Titel Europa von oben im Jahr 2000 erschienen ist. Darin erklärt Burgard das Scheitern politischer Erwägungen für eine Europäische Union nach dem Ersten Weltkrieg. Zu weiten Teilen findet sich der Artikel in Guttenbergs Dissertation wieder, im Kapitel II.2a . Dieses widmet sich insbesondere dem Grafen Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, dem Gründer der Pan-Europa-Bewegung in den zwanziger Jahren.

Über ihn heißt es gleich im zweiten Absatz der Dissertation: "Bereits im November 1923 hatte R.N. Graf Coudenhove-Kalergi, geboren 1894 in Tokyo als Sohn eines k. u. k. Diplomaten und einer Japanerin, ein schmales Buch veröffentlicht, in dem er seine Neigung, in Erdteilen zu denken und die Welt nach seinem persönlichen Ermessen zu formen, erstmals einer größeren Öffentlichkeit verriet."

Nur in Nuancen unterscheidet sich dieser Satz vom Original. Statt "bereits" heißt es im ZEIT-Artikel "Drei Jahre zuvor". Burgard hatte, anders als Guttenberg, mit einer Anekdote über Thomas und Katia Mann eingeleitet, die dem Aristokraten Coudenhove-Kalergi an einem Abend 1926 begegneten. Von Thomas Mann stammt auch die eigenwillige Formulierung über die Gewohnheiten des Grafen, "in Erdteilen zu denken". Burgard nimmt sie in deutlicher Nähe zu Mann im Folgenden auf. Guttenbergs Arbeit fehlt aber sowohl der Verweis auf Burgard wie auch auf Mann, und so wird – streng genommen – diese Passage nicht nur zum Plagiat am Historiker, sondern auch am Schriftsteller.

Sieben Druckseiten enthält das Kapitel (ein umfassender Stellenvergleich findet sich hier ). Vom ersten Absatz und einigen Fußnoten abgesehen ist der Fließtext bis zur vorletzten Seite nahezu identisch mit Burgards Artikel. Es ist überdies erstaunlich, wie wenig Aufwand betrieben worden ist, die übereinstimmenden Stellen zu verändern. Hier und da fehlt ein Halbsatz, allenthalben wurde eine sprachliche Winzigkeit arrondiert. Die einzig deutliche Abweichung vom Original ist die Anordnung der Absätze, die vertauscht oder bisweilen in die Fußnoten gerückt wurden.

Bemerkenswert sind die Sorglosigkeit oder der Leichtsinn, mit denen sich Guttenberg selbst die auffälligsten Formulierungen des Originals einverleibt. An einer Stelle schreibt Burgard etwa vom "Schrittmacher einer europäischen Annäherung",  was gleichermaßen in der Dissertation steht. Auch Burgards kommentierende Einlassungen übernimmt Guttenberg nicht nur, sondern passt sie entsprechend an.

So schreibt Burgard: "Im Frühjahr 1924 gründete er in Wien die Paneuropa-Union, eine Nichtregierungsorganisation (wie man heute sagen würde), welche die Öffentlichkeit mobilisieren sollte." Dagegen Guttenberg: "Im Frühjahr 1924 gründete er in Wien die Paneuropa-Union 117, eine – nach heutigem Sprachgebrauch – Nichtregierungsorganisation, welche zunächst die Öffentlichkeit mobilisieren sollte." Eine Fußnote hätte diese "Unselbstständigkeit" (schreibt Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung ) auch nicht mehr kaschieren können.

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"Mit Nachdruck" hat Karl-Theodor zu Guttenberg den Vorwurf des Plagiats jüngst von sich gewiesen. "Abstrus" hat er ihn genannt. Er habe, zu "keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht". Oliver Burgards Artikel ist nur ein Mosaiksteinchen von vielen, die das Gegenteil beweisen könnten.

Zur Dokumentation hier eine Faksimile-Datei des ZEIT-Artikels vom 13. Januar 2000 . Die daraus plagiierten Passagen sind farblich markiert.