Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in einer Fraktionssitzung der CDU/CSU am 22.2.2011 © Hannibal/dpa

Barbara Hendricks weint fast vor Wut. Eine halbe Stunde ist Karl-Theodor zu Guttenberg gerade im Bundestag über seine Doktorarbeit befragt worden . Jetzt steht die SPD-Schatzmeisterin im Foyer des Reichstags und hört mit an, wie der CSU-Abgeordnete Hans Michelbach sich über die Opposition mokiert. Schwache Vorstellung sei das gewesen, spottet Michelbach, "es ist halt so, dass Abgeordnete nicht fragen können". Hendricks kocht noch mehr. Eine Ehrenwort-Erklärung hat der Doktorand zu Guttenberg bei seiner alte Uni damals unterzeichnet, dass er korrekt gearbeitet habe. Und jetzt, Entschuldigung, und das war’s? "Ihr nehmt das wahrscheinlich billigend in Kauf, dass die bürgerliche Kultur in Bruch geht", ruft Hendricks. Plötzlich steht Volker Kauder vor ihr. "Bei mir zu Hause sagt man: Bleiben Sie chremig", sagt der Unionsfraktionschef. Es soll wohl besänftigend wirken. Hendricks explodiert: "... und schmieren Sie weiter Ihren Lügner und Heuchler!"

Wenn es so weit gekommen ist im Reichstag, dann ist es weit gekommen. Man geht schon mal hart miteinander um im Plenum. Das gehört dazu. Aber hinterher das ernsthafte Gespräch, das gemeinsame Bier gehört auch dazu. Guttenberg trägt Bitterkeit ins Parlament. Und es sind keineswegs nur Rote und Grüne, die die Faust in der Tasche ballen.

Dabei ist die Fragestunde so ungefähr der ungeeignetste Moment für Emotion im Bundestag. Sie ist eine sehr formelle Veranstaltung – jeder Abgeordnete darf eine Frage stellen, einer auf der Regierungsbank muss antworten. Normalerweise findet das vor leerem Hause statt. Diesmal ist der Reichstag gut gefüllt. Guttenberg will selber kommen. Es ist der erste öffentliche Auftritt in der Plagiatsaffäre, bei dem der Freiherr sich sein Publikum nicht selbst aussuchen kann. Vorne in der erste Reihe der Union tuschelt die gesamte Fraktionsspitze miteinander. In den hinteren Bänken redet CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe mit rudernden Armbewegungen auf Norbert Lammert ein. Der Bundestagspräsident wird dort hinten sitzen bleiben und später nicht mitklatschen, wenn die Union applaudiert. Lammert muss von Amts wegen prüfen, ob der Minister in seiner Doktorarbeit Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Parlaments missbraucht hat.

Die Fragestunde beginnt harmlos, mit dem neuen Insolvenzrecht und der Bundesjustizministerin, die dem Gesetzeswerk das Motto "Sanierung vor Liquidierung" voranstellt. Aber Guttenberg ist noch gar nicht im Saal, da will Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck schon etwas vom Kanzleramt wissen: Ob es sich mit den Richtlinien der Regierung vertrage, dass der Minister – ausweislich des Faksimiles in der Bild -Zeitung – seinen Verzicht auf den Doktortitel der Universität Bayreuth auf Minister-Briefpapier geschrieben habe? Das Kanzleramt sagt, dass es das nicht weiß. Ob diese Vermischung von Amt und Privatsache bedeute, fragt Beck weiter, dass Guttenberg jene feine Trennung nicht sehe, die die Kanzlerin vorgenommen habe mit der Bemerkung, sie habe den CSU-Mann nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt, sondern als Minister? Das Kanzleramt in Gestalt des Staatsministers Eckard von Klaeden sagt, dass es die Frage nicht versteht.

Dabei verstehen sie die Frage bei der Union sehr genau. Angela Merkel hat am Montag Guttenberg aufgespalten in guten Politiker und fehlerhaften Wissenschaftler. Der Riss zieht sich seither durch die Argumentation , mit der CDU und CSU ihren Star verteidigen. Der Star selbst hat seine Aufspaltung dankbar als Vorab-Freispruch aufgegriffen. Am Montagabend hat er vor CDU-Publikum in Hessen "gravierende Fehler" zugegeben. Er ist dafür gefeiert worden. Wahrscheinlich hätten sie ihn dort aber sogar gefeiert, wenn er den Doktor gekauft hätte. KT ist längst eine Droge. Sie löst auch bei sonst durchaus kritischen Menschen psychedelische Zustände aus. Sie wollen ihm unter allen Umständen glauben, dass er der einzige ehrliche Kerl sei im schmutzigen Geschäft der Politik.

Der einzige ehrliche Kerl betritt den Plenarsaal um 13:40 Uhr, federt zu seinem Platz, macht aber vorher noch bei seinem Parlamentarischen Staatssekretär Christian Schmidt Halt. Schmidt redet eindringlich auf ihn ein. Es wirkt wie eine Ermahnung: KT, nicht vergessen – Demut! Eine ganze Zeit lang hält der Vorsatz. "Ich war sicher so hochmütig zu glauben, dass mir die Quadratur des Kreises gelingt", sagt Guttenberg. "Für mich stellte das offenbar eine Überlastung dar." Schließlich, der Stress neben Abgeordnetenberuf und Familie, da verliere man schon mal den Überblick über die vielen Quellentexte für so eine Doktorarbeit: "Sieben Jahre hat’s gedauert, das erklärt auch viele Fehler." Aber jetzt habe er ja bereut und sich entschuldigt.

Und damit soll alles erledigt sein? Was ist denn, fragt der SPD–Mann Hans-Peter Bartels, mit dem Ehrenwort, das er als Doktorand zusammen mit der Arbeit abgegeben habe? Da legt der Dr. ex. auf einmal großen Wert auf Präzision: Kein Ehrenwort – nur eine "Erklärung" habe er abgegeben. Und auch das Wort "Plagiat" missbehagt ihm. "Da muss man aufpassen, dass man nicht in den Bereich übler Nachrede kommt", muss sich Jürgen Trittin anhören. "Der bedroht mich mit dem Staatsanwalt", sagt der Grüne in der Pause amüsiert. "Find’ ich jetzt auch interessant." Neben ihm steht sein Parteifreund Toni Hofreiter. Ein, zwei Zitierfehler, das komme vor, erregt sich der Doktor der Botanik. Aber 200 Zitate vergessen? "Es gibt keinen Doktoranden der Welt, dem so was aus Versehen passiert."