Sigmar Gabriel wird strahlen wie ein Honigkuchenpferd. Angela Merkel wird tapfer lächeln. Guido Westerwelle wird die Trendwende verkünden, komme was da wolle. Gregor Gysi wird mit ein bisschen Glück aufseufzen. Jürgen Trittin wird die Daumen in die Höhe recken.

Die ersten Reaktionen, die am Sonntagabend von den Spitzenpolitikern aus Berlin ausgesandt werden, lassen sich bereits erahnen. Der Trend ist klar: Sollte nicht noch etwas völlig Unerwartetes geschehen, wird Rot dominieren, Grün wachsen, Gelb und Dunkelrot werden sich halten. Und Schwarz erlebt einen Erdrutsch.

Zweifellos, ein schöner Abend für die SPD. Das letzte Mal, dass die Genossen ein Ergebnis über 40 Prozent und womöglich eine absolute Mehrheit feiern durften, liegt ein halbes Jahrzehnt zurück. Olaf Scholz hat bewiesen, dass die SPD alte Hochburgen zurückerobern kann. Im vergangenen Jahrzehnt hat die Partei ein Stammland nach dem anderen verloren. Sie krallte sich damals an der Hoffnung fest, dass die meisten Stammwähler aus Enttäuschung der Wahl fern geblieben, aber nicht dauerhaft an die Konkurrenz verloren gegangen waren.

Diese Hoffnung scheint Scholz nun zu bestätigen, Hannelore Kraft hat es in Nordrhein-Westfalen bereits gezeigt. Mit bundespolitischem Rückenwind lassen sich womöglich demnächst auch Länder wie Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Hessen zurückerobern.

Die SPD-Strategen werden das Hamburger Modell stolz als mustergültig für künftige sozialdemokratische Wahlkämpfe anpreisen. Scholz hat seine Wahl in der Mitte gewonnen, nichts hat er so häufig betont wie seine Wirtschaftskompetenz. Ein wenig fühlte man sich an Gerhard Schröder erinnert, der mehr vom Aufschwung als von sozialer Gerechtigkeit schwärmte.

Allerdings dürfte es der SDP schwer fallen, den Hamburger Erfolg auf andere Bundesländer zu übertragen, insbesondere auf die, die demnächst wählen. Scholz' wirtschaftspolitische Ausrichtung ist nicht jedermanns Sache. Nicht nur in Baden-Württemberg und in Sachsen-Anhalt hat sich die SPD in den letzten Jahren als Schutzmacht der kleinen Leute zu profilieren versucht. Nicht zufällig fehlt ihr in diesen beiden Ländern der Rückhalt und die Verwurzelung, um sich zur neuen Staatspartei aufzuschwingen. Der Präses der Stuttgarter oder Magdeburger Handelskammer würde sich vermutlich gar nicht erst von der SPD vereinnahmen lassen, wie in Hamburg geschehen. In Rheinland-Pfalz wird die SPD zwar (mit liberaler Ausrichtung) an der Macht bleiben, aber sie wird prozentual eher verlieren als hinzugewinnen.

Und die CDU? Welche Lehre wird sie aus ihrer wohl dramatischen Niederlage in Hamburg ziehen? In der Hansestadt wird sie ein "Scherbengericht" abhalten, wie ein Spitzenfunktionär im Gespräch mit ZEIT ONLINE schon angekündigt hat. Aber ihre Wut werden die Hamburger CDU-Funktionäre nicht auf Merkel abladen. Erstens waren die Probleme in Hamburg zu sehr hausgemacht. Zweitens hat Ahlhaus sich gewissermaßen für den Anti-Merkel-Weg entschieden, und ist damit gescheitert. Er hat versucht sich vom liberalen Kurs seines Vorgängers Ole von Beust abzugrenzen. Als konservativer Hardliner gefällt er vielleicht der Basis seiner Partei, nicht aber den Hamburger Wählern.

Dennoch ist die Wahl in Hamburg für Merkel gefährlich. Seit sie Bundeskanzlerin ist, hat die CDU bei fast jeder Wahl im Vergleich zur Vorwahl eingebüßt. Als Kanzlerinnenpartei verliert die CDU seit sechs Jahren: Prozentpunkte, Mandate, Sitze im Bundesrat – und auch die Zuversicht. Einfacher wird es für Merkel nicht, weder als Parteichefin noch als Kanzlerin.