Verfassungsrechtliche Bedenken SPD zweifelt an Hartz-IV-Regelsätzen
Die Sozialdemokraten verkaufen den Kompromiss zu Hartz IV als Erfolg. Ob die Einigung verfassungskonform ist, hält jedoch auch SPD-Chef Sigmar Gabriel für fraglich.
© Sean Gallup/Getty Images

Empfänger von Arbeitslosengeld II in Berlin
SPD-Chef Sigmar Gabriel hat seine Zweifel geäußert, ob die neuen Hartz-IV-Regelsätze verfassungskonform sind. Die Grünen waren in der letzten Verhandlungsnacht aus den Verhandlungen mit der Begründung ausgestiegen, der künftige monatliche Regelsatz halte einer verfassungsrechtlichen Prüfung nicht stand. Auf die Haltung der Partei angesprochen, sagte Gabriel am Morgen in einem Interview, die Grünen könnten "recht haben". Damit hätte die SPD einer Reform zugestimmt, von der Verfassungskonformität sie nicht hundertprozentig überzeugt ist.
In der Nacht hatten sich Spitzenvertreter aus allen drei Regierungsparteien, des Bundes und der Länder darauf geeinigt, rückwirkend ab Januar fünf Euro im Monat mehr an Hartz-IV-Empfänger zu zahlen. Für Anfang 2012 soll es noch einmal drei Euro mehr geben – zusätzlich zu einem prozentualen Ausgleich von Inflation und Lohnentwicklung. Das Bundesverfassungsgericht hatte im Februar 2010 verlangt, die Sätze neu zu berechnen.
- Regelsätze
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Der Regelsatz für erwachsene Hartz-IV-Empfänger soll nach der nun erfolgten Einigung rückwirkend zum 1. Januar 2011 um fünf Euro auf 364 Euro steigen. Zum Jahresanfang 2012 gibt es weitere drei Euro mehr - und zwar zusätzlich zu der dann ohnehin anstehenden, regulären jährlichen Anpassung aufgrund der Preis- und Lohnentwicklung.
Die Sätze für Kinder und Jugendliche von Hartz-IV-Empfängern sollen nicht steigen. Stattdessen will der Bund mehr in die Bildung investieren. Sie veranschlagen für Kinder bis zur Vollendung des sechsten Lebensjahres 211,69 Euro (tatsächlich ausgezahlt: 215 Euro), für Kinder von sieben bis 14 Jahren 240,32 Euro (tatsächlich ausgezahlt: 251 Euro) und für Jugendliche von 15 bis 18 Jahren 273,62 Euro (tatsächlich ausgezahlt: 287 Euro).
- Bildungspaket
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Anstelle höherer Regelsätze für etwa 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche aus Geringverdienerfamilien will der Bund ein Bildungs- und Teilhabepaket als Sachleistung schnüren. Hierunter fallen Zuschüsse für ein warmes Mittagessen in Schule oder Kita, für Nachhilfe sowie eintägige Schul- und Kita-Ausflüge. Zudem gibt es monatlich zehn Euro für die Teilnahme am Vereinsleben.
Zur Finanzierung stockt der Bund seinen Anteil an den Miet- und Heizkosten der Hartz-IV-Bezieher auf Dauer um 1,2 Milliarden Euro auf. Damit sollen die Leistungen des Bildungspakets, die Verwaltungskosten und die Warmwasserkosten von Hartz-IV-Beziehern abgegolten sein. Den Rest müssen die Kommunen tragen.
Für drei Jahre befristet bis 2013 gibt der Bund nochmals 400 Millionen Euro: Diese Summe können die Kommunen für den Ausbau der Jugendsozialarbeit nutzen oder für Essen in Kinderhorten.
- Mindestlohn
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Die Einigung zwischen Koalition und Opposition sieht zudem einen Mindestlohn für etwa 1,2 Millionen weitere Arbeitnehmer vor. Das betrifft vor allem die etwa eine Million Beschäftigten in der Zeitarbeit. Für sie wird im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz auf der Grundlage der tariflich vereinbarten Mindestlöhne eine Lohnuntergrenze festgelegt, die ab 1. Mai greifen soll. Weitere Mindestlöhne für das Bewachungsgewerbe, für den Bereich Geldtransporte sowie für die Weiterbildung werden im Entsendegesetz verankert.
Die vor allem mit der FDP umstrittene Frage der gleichen Bezahlung von Stamm- und Leiharbeitern wurde aus dem Kompromiss ausgelagert. Die Gewerkschaften sollen nun darüber entscheiden.
- Finanzierung
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Zur Entlastung der Kommunen, die einen Großteil der Hartz-IV-Kosten schultern müssen, hat die Koalition ein Milliardenpaket geschnürt: Der Bund nimmt ihnen ab 2012 in drei Schritten die Kosten der Grundsicherung im Alter ab, bis sie ab 2014 vollständig beim Bund liegt. Derzeit wenden die Kommunen dafür rund 3,5 Milliarden Euro auf. Ihre Entlastung bis zum Jahr 2015 beziffert der Bund auf 12,24 Milliarden Euro netto.
Im Bundeshaushalt wird damit ein Milliardenloch aufgerissen. Dies will der Bund stopfen, indem er rund vier Milliarden Euro bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) kürzt. Bisher überweist der Bund jährlich die Einnahmen aus einem Mehrwertsteuerpunkt an die Behörde. Das sind rund acht Milliarden Euro – schrittweise ansteigend soll es künftig nur noch die Hälfte sein. Damit dürften neue Milliardendefizite auf die BA zukommen, für die dann unter Umständen die Beitragszahler – also Arbeitnehmer und Arbeitgeber – aufkommen müssten: Nach BA-interner Rechnung würde sich bis 2014 ein Schuldenberg von 9,6 Milliarden Euro auftürmen. Denkbar ist auch, dass deshalb Leistungen für Arbeitslose eingestampft werden.
Mit dem Kompromiss versuchten die Beteiligten, einen mehr als ein Jahr währenden verfassungswidrigen Zustand zu beseitigen. SPD-Verhandlungsführerin Manuela Schwesig sprach zwar von einem Erfolg, wies aber die Verantwortung für ein mögliches Scheitern der Berechnungen in Karlsruhe der Bundesregierung zu. "Das kann sich insgesamt sehen lassen", sagte sie. Doch wenn die Regierung beim Regelsatz "auf ihrer juristischen Meinung beharrt, dann muss sie da auch die Verantwortung übernehmen, wenn das Verfassungsgericht es noch einmal anders entscheidet".
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wies diese Bedenken zurück. Er glaube, "dass diese politische Entscheidung auch vor Gericht Bestand haben wird", sagte er.
Die Grünen kritisierten das Ergebnis. "Wir haben erhebliche Zweifel, dass das, was jetzt herausgekommen ist, verfassungskonform ist", sagte Parteichefin Claudia Roth. Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband ließ verlauten, die Regelsätze seien weder bedarfsgerecht noch verfassungskonform. "Das Geschacher der letzten Wochen und Tage um drei Euro mehr oder weniger ist die erbärmlichste Farce, die die deutsche Sozialpolitik je erlebt hat", sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Eine Klage kündigte aber noch keiner an.
Vor wenigen Wochen hatten die Koalitionsspitzen nach einer Nachtsitzung die Reformversuche für gescheitert erklärt. Erst ein neuer Versuch mehrerer Bundesländer ermöglichte den Kompromiss.
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht das erzielte Verhandlungsergebnis als Erfolg der Koalition. "Wir haben uns mit unseren Vorschlägen durchgesetzt", sagte sie. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte, man werde "sicherlich für den Verhandlungsmarathon (...) keinen Schönheitspreis bekommen, aber wir haben dann schlussendlich gestern Nacht sozialpolitische Geschichte geschrieben". Der von ihr errechnete Hartz-Regelsatz sei "in seiner Struktur bestätigt". Die von ihr mit geführten siebenwöchigen Verhandlungen seien eine gute Grundlage für den am Schluss erzielten Kompromiss gewesen. Auch sie wies die Skepsis der Opposition zurück, dass der Regelsatz nicht verfassungskonform sei.
Doch ihr Vorgehen stieß auch auf Kritik im eigenen Lager. CSU-Chef Seehofer bemängelte, "das war eine Verhandlungsart, die man kaum noch in der Öffentlichkeit erklären konnte. Da waren viele Eitelkeiten unterwegs", sagte er und sprach von einem "echten Zirkus".
Als die Gewinner der Reform sieht die Ministerin die Kommunen – durch die zusätzlichen Leistungen für Kinder armer Familien. Die SPD setzte ihrerseits durch, dass 3000 Sozialarbeiter an die Schulen geschickt werden. Auch in der strittigen Frage der Bezahlung von Zeitarbeitern einigte man sich. Im April werden die Leistungsempfänger die Nachzahlung für die Zeit seit Januar erhalten.
Die Liberalen hatten sich zuletzt vehement gegen eine Erhöhung des Regelsatzes über die vom Bund geplanten fünf Euro hinaus gestemmt. In der finalen Verhandlung hat die FDP nach Darstellung von FDP-Generalsekretär Christian Lindner aber "nicht nachgegeben". Der Regelsatz werde wie von Anfang an geplant zum 1. Januar 2011 angepasst, sagte er.
CSU-Amtskollege Alexander Dobrindt zeigte sich "sicher, dass dieser gefundene Kompromiss im Bundestag und Bundesrat eindeutig auf Zustimmung stößt". Die Linkspartei kritisierte dagegen die Einigung als "faulen Kompromiss". Das Ergebnis habe mit den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichtes nichts mehr zu tun, sagte Parteichef Klaus Ernst und warf der Bundesregierung "statistische Tricksereien" vor.
Über das Ergebnis stimmt wohl schon am Dienstag der Vermittlungsausschuss von Bundesrat und Bundestag ab. Die Neuregelung könnte dann bereits durch eine Sondersitzung des Bundesrates am Freitag wirksam werden. Voraussetzung ist, das sie der Bundestag zuvor bestätigt, was aber mit den Stimmen der Koalition als Formsache gilt.
- Datum 21.02.2011 - 16:41 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
- Kommentare 11
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schreit zum Himmel, wie hier um 3 Euro diskutiert wird.
Das entspricht bei ca 7 mio Anspruchberechtigten im Jahr 210 Mio Euro.
Den bankrotten Banken mit ihren Großverdienern an der Spitze wurden in den letzten zwei Jahren mehr als das 1000-fache in den Rachen geschmissen.
Ich möchte darauf hinweisen, dass die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes nicht stimmen: Bei den Befragungen der Haushalte der unteren 15% konnten viele Befragten schließlich nicht angeben, was sie schwarz hinzuverdienen, konnten also nicht alle Einnahmen/Ausgaben angeben. Viele können ihren Kindern keine Schuhe mehr kaufen, wenn sie aus den alten zu schnell rausgewachsen sind.Die Leute arbeiten nicht schwarz, weil sie kriminell sind, sondern aus Not. Übrigens:
Wer wohltätige Leistungen (Tafel, Kleiderkammer) annimmt, bekommt dadurch auch geldwerte Waren, ist das dann auch "anrechenbares Einkommen"? Nein. Wer will in dem Wirrwar noch "transparent" rechnen.
Die Zahlen können also nicht stimmen.
Wer nicht von Hartz IV betroffen ist und die Politik macht, stellt sich ahnungslos bzgl. dieser Fakten. Was heute in der Politik geschieht, ist die Demontage der Humanität, die Diffamierung aller in Hartz IV Gestrandeten.
Da werden Leute wegen minimaler existenzsichernder Werte aufeinandergehetzt und jeder kriminalisiert den Anderen aus Neid. Wir entziehen uns mit dieser Hetze unsere seelischen Fundamente komplett.
Teile der Wirtschaft basieren bereits auf Schwarzarbeit bzw. auch auf Niederiglohn, viele Arbeitgeber haben sich bequem darauf eingeschwungen, dass die Leute ihr "Grundeinkommen" über Hartz IV beziehen; Arbeitgeber zahlen dann nur einen minimalen Lohn, mit dem die Arbeitnehmer auf existenzsichernde Höhe aufstocken müssen!
Der eine meinte, es könnte, der andere denkt, es wird schon.
Schon allein das zeigt doch, dass den Leuten offenbar nicht einmal annähernd klar ist, wie ernst das ganze ist und dass es da keinen Konjunktiv geben darf.
Horst S. (Ministerpräsident von Bayern) nicht zu vergessen.
Da fragt man wirklich, was das für ein gewählter Zirkus ist.
Horst S. (Ministerpräsident von Bayern) nicht zu vergessen.
Da fragt man wirklich, was das für ein gewählter Zirkus ist.
Horst S. (Ministerpräsident von Bayern) nicht zu vergessen.
Da fragt man wirklich, was das für ein gewählter Zirkus ist.
Politiker.Was hatte dieses Wort doch mal für einen hehren Klang.Heutzutage denke ich bei diesem Wort nur noch an korrumpierte Menschenfresser.
Was war noch mal mit dem Programm zur "Verschärfung der sozialen Eugenik"?
Genannt "Streichung des Elterngeldes für Alg.II-Empfänger".
Da ist das ganze Geld für die angebliche Regelsatzerhöhung und das "Bildungsprogramm für Kinder" doch schon eingerechnet.
http://www.nachdenkseiten...
Frau v.d.L. ist unerträglich.Sich jetzt einen sozialen Anstrich zu genehmigen,obwohl Sie allen Neugeborenen von sozial Schwachen,ohne Umschweife direkt ins Gesicht sagt,dass sie unerwünscht sind,spottet jeder Beschreibung.
Das die SPD die für die Abschaffung des Erziehungsgeldes verantwortlich zeichnet nun gemeinsame Sache mit den Neo-Liberalen macht,lag doch auf der Hand.
Wer hat uns verraten,...lalala
"SPD-Verhandlungsführerin Manuela Schwesig sprach zwar von einem Erfolg, wies aber die Verantwortung für ein mögliches Scheitern der Berechnungen in Karlsruhe der Bundesregierung zu. "Das kann sich insgesamt sehen lassen", sagte sie. Doch wenn die Regierung beim Regelsatz "auf ihrer juristischen Meinung beharrt, dann muss sie da auch die Verantwortung übernehmen....
Die Grünen kritisierten das Ergebnis. "Wir haben erhebliche Zweifel, dass das, was jetzt herausgekommen ist, verfassungskonform ist".......
"Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht das erzielte Verhandlungsergebnis als Erfolg der Koalition."......etc.
Insekten an die Macht!
und hat jetzt für die Leiharbeiten einen Kompromiss ausgehandelt. Zudem sind ein paar Miniverbesserungen erreicht worden.
Natürlich kommt die Selbstkritik viel zu spät.., aber sie ist da.
Ich hoffe nur, das das Verfassungsgericht nicht "einknickt" , um ein schlechtes Gesetz "solonfähig" zu machen. DAnn können wir endlich einpacken..und nur hoffen, das wir keinen Bürgerkrieg bekommen. Unfrieden gibt es ja schon genug.
Tja, ..und wenn das VVG das diese TOLLE H4 Reform für "einwandfrei" erklärt...,
fühlt sich v.d.L mal wieder in ihrem "Irrwitz" bestätigt
Kinder und ERWACHSENE ( Oja, die waren übrigens auch mal Kinder) mit H4 Bezug sind dann die "vergackeeierten".
Sehr seltsam finde ich, das niemand mehr über die "soziokulturelle Teilhabe" spricht.
Zudem..ist H4 ja so angelegt, das die Leute eben nicht damit auskommen können.., weil man davon ausgeht, das es ja nur verrübergehend ist.
Deshalb sollte man sich unbedingt der Realität stellen. Viele sind länger als 1 Jahre lang arbeitslos und brauchen höhere finanzielle Hilfen , um nicht noch weiter den Anschluß und die Hoffnung zu verlieren.
...
Bin mal gespannt auf die nächste Diätenerhöhung..., ob da dann auch so komisch "argumentiert" wird??
"Das Geschacher der letzten Wochen und Tage um drei Euro mehr oder weniger ist die erbärmlichste Farce, die die deutsche Sozialpolitik je erlebt hat"
Dem ist nichts hinzuzufügen. Die SPD hat will einem Verfassungswidrigen Gesetz zustimmen und hat sich damit wieder mal Unwählbar gemacht.
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