Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) verzichtet nach Plagiatsvorwürfen im Zusammenhang mit seiner Dissertation vorübergehend auf das Führen des Doktortitels. Er entschuldigte sich für Fehler in seiner Doktorarbeit. Sie sei in mehreren Jahren neben seiner Tätigkeit als Abgeordneter und Pflichten als Familienvater in mühevoller Kleinarbeit entstanden. Sie enthalte fraglos Fehler, sei aber kein Plagiat. Er habe nie bewusst getäuscht.

Guttenberg wies Forderungen nach seinem Rücktritt zurück. "Die Menschen in diesem Land erwarten, dass ich mich um das fordernde Amt des Verteidigungsministers mit voller Kraft kümmere, und das kann ich auch." Er werde bei der Gewichtung der Fehler in der Dissertation aktiv mithelfen, versicherte Guttenberg. Er kündigte an, bis zur Klärung ausschließlich mit der Universität Bayreuth über dieses Thema zu sprechen.

Unter den Journalisten erregte der Minister Unmut, weil er seine Erklärung abgab, während die Hauptstadtpresse gleichzeitig in der Bundespressekonferenz saß. Deren Vorsitzender Werner Gößling rügte das Verfahren in einem offenen Brief an Guttenberg. "Wir empfinden es als Brüskierung, dass Sie zeitgleich mit der Regierungs-Pressekonferenz nur ausgewählten Medien eine von allen seit Langem erwartete Erklärung abgegeben haben."

Am Donnerstagabend hatte sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in die Affäre eingeschaltet. ZDF und ARD berichteten übereinstimmend, Merkel habe einige Erklärungen von dem Minister verlangt, ihm aber ihr "volles Vertrauen" ausgesprochen.

Mehrere CDU-Politiker hatten Guttenberg in Schutz genommen. Zu ihnen gehörte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Guttenberg zu unterstellen, er habe die ganze Doktorarbeit abgeschrieben, werde dem Charakter dieser Arbeit überhaupt nicht gerecht, sagte Schäuble. "Jedem passiert auch mal vielleicht ein Fehler." Er selbst habe die Arbeit einmal gelesen. Er halte vieles für eine typische Übertreibung der Medien.

Guttenberg müsse so rasch wie möglich Klarheit schaffen. Auf die Frage, ob Guttenberg wegen dieser Affäre zurücktreten müsse, sagte Schäuble nach kurzer Pause, Guttenberg sei ein führungsstarker Politiker der jüngeren Generation. "Wir müssen zunächst einmal warten (...) und den Sachverhalt aufklären." Auf jeden Fall werde das Thema nicht auf der Tagesordnung der G-20-Finanzminister stehen.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan warnte vor einem vorschnellen Urteil über Guttenberg. Auch Minister hätten den Anspruch, nicht vorverurteilt zu werden. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende forderte die Öffentlichkeit zur Geduld bei der Überprüfung der Vorwürfe auf.

Der parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Christian Schmidt (CSU), mahnte, "die Kirche im Dorf" zu lassen. "Ein materielles Plagiat kann ich nicht erkennen", sagte Schmidt. Guttenberg werde sich jetzt noch einmal hinsetzen und die Arbeit durchgehen. "Wenn die bisherigen Fußnoten nicht ausreichen, muss es eine zweite, verbesserte Auflage geben."

Guttenberg wird vorgeworfen, an verschiedenen Stellen seiner Doktorarbeit Textpassagen von mindestens 15 Autoren ohne korrekte Zitatangabe übernommen zu haben. Dazu sollen auch Aufsätze eines CDU-Europaabgeordneten und seines Amtsvorgängers Rupert Scholz (CDU) gehören. Die Arbeit wird inzwischen auch von Plagiatsjägern im Internet seziert. Mehr als 80 Fundstellen sind dort aufgelistet.

Die Universität Bayreuth forderte eine Stellungnahme von Guttenberg binnen zwei Wochen. Die möglichen Konsequenzen der Hochschule reichen von der Aufforderung, die Doktorarbeit nachzubessern, bis zur Aberkennung des Doktortitels.

Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, legte dem Minister für den Fall, dass ihm der Titel aberkannt wird, den Rücktritt nahe. "Wenn ihm der Doktortitel abgenommen würde, dann müsste er auch das Amt verlassen." Mit diesem Makel könne man nicht mehr Minister sein. Das würde auch für jeden anderen gelten.

Der FDP-Parlamentsgeschäftsführer Jörg van Essen zeigte sich besorgt, dass eine Hetzjagd auf promovierte Politiker beginnen könnte. "Momentan ist das große Jagdfieber ausgebrochen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis gegen andere promovierte Politiker Plagiatsvorwürfe erhoben werden." Es dürfe nicht dazu kommen, dass "alle Politiker mit Doktortitel unter einen Generalverdacht gestellt werden", warnte der FDP-Abgeordnete.

Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel, fordert indessen eine strenge, aber faire Prüfung. Mit Vorverurteilungen sei niemandem geholfen. "Wenn allerdings bewusst oder grob fahrlässig Falschangaben gemacht werden oder das geistige Eigentum anderer verletzt wird, ist eine Grenze überschritten." In diesem Fall würde Guttenbergs fachliche Reputation erheblichen Schaden nehmen. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler vermutet, dass nicht Betrugsabsicht, sondern "schlampiger Umgang mit Exzerpten" zu den fehlenden Quellenangaben in der Doktorarbeit geführt habe.

Guttenberg war am Mittwoch – also kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe – zunächst zu einem schon länger geplanten Truppenbesuch nach Afghanistan gereist. Nach seiner Rückkehr sagte er am Donnerstagabend kurzfristig einen Wahlkampfauftritt für die CDU in Sachsen-Anhalt ab. Im Ministerium hieß es, Guttenberg sei "in Berlin gebunden".