Sie haben gelernt, alle miteinander. Das gilt für mehrere Hundert Demonstranten , die auf Zuruf der Stuttgarter "Parkschützer" am frühen Dienstagmorgen vor dem Hauptbahnhof mit einer Sitzblockade gegen die Umsetzung von 16 Bäumen demonstrierten. Kastanienwerfer , wie sie am 30. September vergangenen Jahres, dem "schwarzen Donnerstag", beobachtet worden waren, fehlten diesmal. Gelernt hat auch und vor allem die Polizei. Sie kam mit einem Großaufgebot, doch konnte man den Einsatzkräften diesmal in die Augen sehen. Die martialisch wirkenden Helme blieben an den Gürteln.

Noch am Morgen war Matthias von Herrmann, Sprecher der "Parkschützer", offenbar einem Anspannungsreflex erlegen. Wieder seien von der Polizei Pfefferspray und Schlagstöcke eingesetzt worden, wie schon am 30. September, diktierte er den Presseagenturen. Noch im Lauf des Tages korrigierte er sich. "Ich hatte ungenügende Informationen", sagte er am Nachmittag zu ZEIT ONLINE. "Rabiat und brutal" seien die Einsatzkräfte dennoch gewesen, sie hätten Demonstranten teilweise gegen Laternenpfähle gestoßen.

Die Protestler haben erneut nicht verhindern können, dass Bäume am Stuttgarter Hauptbahnhof verschwinden, doch die "Parkschützer" sprechen von einem Erfolg. "Wir haben ein sehr deutliches Zeichen gesetzt", sagt von Herrmann. Mehr als 30.000 Menschen hängen nach dessen Angaben am SMS-Alarmierungssystem der "Parkschützer", das weiterhin aktiviert werden soll, sobald die Baumbeseitiger im Anmarsch sind. "Zehn Prozent von diesen Leuten sagen, sie kommen auch vor Ort."

Die Empörungswelle, die sich nach dem 30. September aufgebaut hatte, als die Polizei minderjährige Schüler mit Schlagstöcken und Wasserwerfern wegdrängte, dürfe man nicht zum Maßstab der aktuellen Proteste machen, sagt der Sprecher der "Parkschützer". Zudem habe die Schlichtung zu Stuttgart 21 die Bewegung abflauen lassen . "Während des Faktenchecks ist die Sache eingeschlafen", gibt er zu. Jetzt, in diesen milden Wintertagen von Stuttgart, während derer sich das Frühjahr erahnen lässt, ändere sich die Situation aber. "Die Leute kommen wieder", glaubt von Herrmann.

Was da Wunsch ist und was Wirklichkeit, ist längst nicht klar. Der harte Kern der Gegner wird nicht schrumpfen, doch wie es um die entfernteren Sympathisanten des Widerstands steht, die Unentschlossenen, all jene, die den Kompromiss dem Ausfechten von Positionen vorziehen, weiß man noch nicht. Das Umsetzen von Bäumen ist einer Fällung in jedem Fall vorzuziehen, glauben viele. Und die "Parkschützer" selbst, Teil des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, haben manchen Kredit verspielt. So sprachen sie den Schlichtungsgesprächen unter Heiner Geißler jede Wirksamkeit ab, bevor diese überhaupt begannen. Seither betrachten manche Stuttgarter die "Parkschützer" als unüberlegte Hitzköpfe.

Auch der aktuelle Polizeieinsatz dürfte zudem wenig daran ändern, dass die Baumverpflanzungen am Stuttgarter Hauptbahnhof aus dem Mittelpunkt des Interesses gerückt sind. CDU und FDP in Baden-Württemberg gewinnen langsam Wählergunst zurück . Umfragen zufolge liefert sich die schwarz-gelbe Koalition mit den Oppositionsparteien Grüne und SPD ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Noch im vergangenen Herbst galten CDU und FDP als abgewählt.