Selbst Stefan Mappus hat inzwischen erkannt, dass die Atomkraft so ihre Risiken mit sich bringt. Bis zum Wochenende gefiel sich der Ministerpräsident von Baden-Württemberg darin, als treuer, unerschütterlicher Freund der deutschen Atomenergie aufzutreten. Nicht lange her, da wollte er seinen Parteifreund, den Umweltminister Norbert Röttgen, noch feuern lassen , weil der bei der Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke herumzickte. Diejenigen, die die Gefahren und Unwägbarkeiten der Kernenergie problematisierten, diffamierte Mappus als linke Ideologen und Stänkerer.

Einen solchen Tonfall wird Mappus sich künftig verkneifen. An diesem Wochenende, als die Welt gebannt nach Japan blickte, kündigte er an, "zu allen Diskussionen" über die Zukunft der Kernenergie bereit zu stehen. Er verstehe die Menschen, die sich Sorgen machen.

Natürlich ist Mappus von der Panik getrieben, die Wahl in 14 Tagen in Baden-Württemberg zu verlieren. In jedem christdemokratischen Unterbezirk wird derzeit diskutiert, wie gefährlich die Kernkraft ist und ob man nicht womöglich zuletzt auf das falsche Energiepferd gesetzt hat. Würde Mappus die Sorgen der Bevölkerung nach solch einem historischen Ereignis wie dem in Japan ignorieren, könnte er auch gleich zurücktreten.

Aber nicht nur Mappus hat seine Rhetorik verändert. Die Kanzlerin spricht seit gestern nicht mehr bevorzugt von einer "Brückentechnologie", sondern von einer "auslaufenden Technologie". Kritiker hatten immer schon bemängelt, dass Merkel mit ihrer Metapher ausklammert, wann das Ende der Brücke erreicht ist – und wie das andere Ufer wohl aussehen mag. Auch die baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner verbittet sich im Gespräch mit ZEIT ONLINE, als "Atompartei" bezeichnet zu werden. Kürzlich war das durchaus noch ein Prädikatsbegriff in manchen CDU-Kreisen.

Kein Zweifel, Fukushima hat die Union verändert. Ein atomkraftfreundlicher Wahlkampf wie in vergangenen Jahren wird auf absehbare Zeit nicht mehr funktionieren.

Und bei der Rhetorik wird es nicht bleiben. Röttgen spricht seit dem Wochenende mit einer anderen Legitimation davon, dass man nun "Grundsatzfragen" diskutieren müsse. Nichts anderes als ein möglicher Ausstieg vom schwarz-gelben Ausstieg vom rot-grünen Atomausstieg ist damit gemeint.

Außenminister Westerwelle hat am heutigen Montag ebenfalls angedeutet, dass die Aussetzung der Laufzeitverlängerung denkbar sei. Obwohl seine FDP – bis Japan – immer überaus freundlich argumentierte, was die zivile Nutzung der Kernkraft anging.

Das Gelegenheitsfenster für eine energiepolitische Wende steht nunso weit offen wie nie zuvor. Die Regierungsparteien werden der verängstigten Bevölkerung etwas anbieten müssen.  Selbst wenn es einigen Politikern derzeit in erster Linie um Beschwichtigung im Wahlkampf geht, werden sie liefern müssen. Ein paar Placebo-Maßnahmen ohne weitere Konsequenzen werden nicht ausreichen. Rot-Grün hat bereits angekündigt, im Falle des Wahlsiegs die alten Meiler in Baden-Württemberg abzuschalten. Derartige Vorschläge werden auch im Regierungslager auf Anklang stoßen.

Dieser Meinungsbildungsprozess der Regierungsparteien mag etwas wohlfeil und aktionistisch wirken. Die Herren Mappus und Westerwelle würden ohne Japan und ohne Wahlkampf heute vermutlich anders reden. Das ändert aber nichts daran, dass ihr Sinneswandel vernünftig ist : Die Technologie-Brücke hin zu erneuerbaren Energien wird nun hoffentlich schneller gebaut werden und eine breitere gesellschaftliche Unterstützung finden.