Das Atomkraftwerk Neckarwestheim 1 ist vorerst abgeschaltet © Thomas Kienzle/AFP/Getty Images

Fast zwei Drittel der Deutschen halten das dreimonatige Moratorium für Atomlaufzeiten grundsätzlich für richtig. Die Mehrheit ist aber zugleich der Ansicht, dass die Regierung es verhängte, um die Wahlchancen von CDU und FDP in den anstehenden Landtagswahlen zu verbessern. Wie eine Umfrage des Marktforschungsinstitutes YouGov im Auftrag von ZEIT ONLINE ergab, sehen das 60 Prozent der Befragten so.

YouGov hatte am vergangenen Wochenende 1143 Menschen in ganz Deutschland um ihre Meinung gebeten. In der Umfrage ging es auch um die künftige Energieversorgung im Land. 33 Prozent gegen davon aus, dass Deutschland wegen der Atomkatastrophe in Japan früher als geplant auf Kernkraft verzichtet. 15 Prozent halten Kernenergie für unverzichtbar auf dem Weg zu einer Vollversorgung durch regenerative Energieträger. Neun Prozent wollen eine Atomkraft-Versorgung ohne Zeitlimit.

Am Montag vor einer Woche hatte die Bundesregierung angekündigt, die im Herbst 2010 beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke um drei Monate auszusetzen. Sie begründete das mit der Katastrophe in Japan, die eine erneute Sicherheitsprüfung der deutschen Meiler erforderlich mache. Tags drauf beschlossen der Bund und die Bundesländer mit Atomkraftwerken, alle sieben vor 1980 ans Netz gegangenen Reaktoren vorläufig abzuschalten. Mittlerweile ist klar, dass das hessische AKW Biblis A auf Dauer stillgelegt wird, bei den Meilern Neckarwestheim 1 (Baden-Württemberg) und Isar 1 (Bayern) ist dies absehbar.

Die größte Zustimmung für das Moratorium herrscht in Rheinland-Pfalz (75 Prozent), Bayern (73) und Baden-Württemberg (66). Noch deutlicher fiel die Zustimmung in Schleswig-Holstein aus, doch ist hier die Datenbasis dünner, es konnten nur 40 Menschen befragt werden. Unter den großen Flächenländern gibt es die geringste Sympathie für das Moratorium in Sachsen und Niedersachsen.

Dass Atomenergie als Übergangstechnik unverzichtbar ist, meinen überdurchschnittlich viele Baden-Württemberger. Unter den genannten Ländern steht der Südwesten mit 18 Prozent an der Spitze, nur Brandenburg liegt mit 24 Prozent höher, doch auch hier haben nur 40 Menschen geantwortet. In Rheinland-Pfalz halten mit 12 Prozent die wenigsten Befragten die Kernkraft als Übergangstechnik für unverzichtbar.

Dass die Regierung das Moratorium verhängte, um die Wahlchancen von CDU und FDP in den Landtagswahlkämpfen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zu verbessern, meinen besonders viele Berliner und Schleswig-Holsteiner (73 und 76 Prozent). In den großen, unionsregierten Flächenländern Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen denken das eher wenige, erstaunlicherweise auch im SPD-regierten Rheinland-Pfalz (59 Prozent).

Dass die Atomkatastrophe in Japan bewirkt, dass Deutschland früher als geplant auf Kernenergie verzichtet, halten besonders viele Berliner (26 Prozent) für unwahrscheinlich. Ähnlich hoch ist die Skepsis in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Die Bayern halten das schon für wahrscheinlicher (40 Prozent), ebenso Brandenburger und Niedersachsen (46 und 43 Prozent).

34 Prozent würden ihren Energieverbrauch einschränken und gegebenenfalls mehr für Strom bezahlen, wenn Deutschland dafür alle AKW stilllegte. 45 Prozent meinen, dass Deutschland auf Kernkraft verzichten kann, ohne dass sich die Verbraucher einschränken müssen.

Die Umfrage wurde in Kooperation mit dem Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov durchgeführt. Sie basiert auf Online-Interviews mit Teilnehmern des YouGov-Panels , das weltweit bereits 2,5 Millionen Mitglieder zählt.