Atompolitik BDI-Mitglied dementiert Brüderles Dementi

Merkels Atom-Moratorium ist "nicht rationale" Politik – diese Worte will Wirtschaftsminister Brüderle so nie gesagt haben. Ein Ohrenzeuge widerspricht.

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP)

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP)

Von einem "Protokollfehler" war die Rede, von falsch wiedergegebenen Zitaten und "absurden" Vorwürfen: Die Veröffentlichung der Aussagen von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), wonach das Atommoratorium der Bundesregierung dem "Druck der Landtagswahlen" geschuldet sei, sorgte für Spott in der Opposition – und für Aufregung innerhalb der Koalition. Schnell wiesen Beteiligte die kolportierten Äußerungen mit Verweis auf ein angeblich fehlerhaftes Protokoll zurück – was nun allerdings ebenfalls dementiert wird.

Die Süddeutsche Zeitung, die auch die Äußerungen des Ministers während einer nicht-öffentlichen Tagung des Bunds der Deutschen Industrie (BDI) publik gemacht hatte, zitiert nun ein Präsidiumsmitglied des Wirtschaftsverbands, wonach das Protokoll sehr wohl korrekt sei. "Die Sätze sind so gefallen", soll dieser Teilnehmer gesagt haben. "Sie sind im Protokoll zwar verkürzt, aber richtig wiedergegeben."

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Noch am Tag zuvor hatte BDI-Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf von einem "Protokollfehler" gesprochen: "Die Äußerungen des Bundeswirtschaftsministers sind falsch wiedergegeben worden." Die Süddeutsche berichtet unter Berufung auf Industriekreise, dass der frühere bayerische Umweltminister damit nur vom eigenen Unvermögen ablenken will. Er sei es gewesen, der das als vertraulich deklarierte Papier an alle 39 Teilnehmer der Tagung, allesamt Mitglieder von Präsidium und Vorstand des BDI, verschickt hatte. Entweder er habe es selbst nicht ausreichend gelesen oder die Brisanz unterschätzt.

Bundeswirtschaftsminister Brüderle ahnte offenbar nicht, dass seine Äußerungen aus der internen Sitzung dokumentiert und darüber hinaus versandt werden. Laut der Rheinischen Post zeigte sich Brüderle in einem Gespräch mit dem BDI-Vorsitzenden Hans-Peter Keitel darüber irritiert. Dieser wiederum habe sich bei dem FDP-Politiker für die Veröffentlichung entschuldigt. Keitel sei "sehr verärgert" über die Protokollpanne gewesen, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Verbandskreise.

Ob Protokollfehler oder nicht – diese Berichte bringen die CDU/CSU und FDP kurz vor den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg in Schwierigkeiten. Die Spitzen der Koalition waren in den vergangenen Tagen Vorhaltungen der Opposition entgegengetreten, die energiepolitische Kehrtwende sei in Wirklichkeit nichts anderes als Wahlkampf. Die Argumentation von SPD, Grünen und Linken erhielten nun aber neue Nahrung.

"Brüderle wird zum Störfall für den Wahlkampf", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann. Die stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Bärbel Höhn, hielt dem Minister vor, sich bei seinem Dementi hinter dem des BDI-Geschäftsführers zu verstecken. Es sei doch unglaubwürdig, wenn er das Protokoll dementiere und nicht erkläre, was er gesagt habe. "Stehen Sie endlich zu dem, was Sie wirklich meinen und versuchen Sie hier nicht, die Leute mit unglaubwürdigen Ausreden zu vergackeiern", sagte Höhn.

Hilfe erhält Brüderle von seinem Parteivorsitzenden. "Das hat keinen realen Hintergrund", sagte FDP-Chef Guido Westerwelle. Der BDI habe ja gesagt, dass das zitierte Protokoll falsch sei. "Dem ist nichts hinzuzufügen." Gleichwohl wächst die Angst in der Regierung die Angst um die eigene Glaubwürdigkeit. Ein Vertreter des Koalitionspartners von Brüderle und Westerwelle äußerte sich da besonders drastisch: "Brüderles Aussagen sind irrlichtern. Da fällt mir nicht vielmehr ein als: Einfach mal die Klappe halten", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn.

 
Leser-Kommentare
  1. ...war doch eigentlich klar.

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    Das ist doch alles sehr ungewöhnlich, gestern spricht der HauptGF von einem Protokollfehler, dann widerspricht ein Präsidiumsmitglied (wozu?!) und dann reicht einer seinen Rücktritt mit einer sichtlich pampigen Erklärung ein: http://berlin2011.wordpre...

    Das ist doch alles sehr ungewöhnlich, gestern spricht der HauptGF von einem Protokollfehler, dann widerspricht ein Präsidiumsmitglied (wozu?!) und dann reicht einer seinen Rücktritt mit einer sichtlich pampigen Erklärung ein: http://berlin2011.wordpre...

  2. Paradox ist, wenn ein Regierungsmitglied die Wahrheit spricht
    ...
    und diese dann (als falsch) dementiert.

    (kein Eigengewächs, in einem Kommentar auf der SZ gefunden)

    Wenn es nicht so traurige, bemitleidenswerte Gestalten wären, man könnte zornig werden.

    21 Leser-Empfehlungen
    • JaneO.
    • 25.03.2011 um 10:12 Uhr

    ja, zeigt euer wahres Gesicht

    • yarx
    • 25.03.2011 um 10:14 Uhr

    und dann ist es auch keinem recht. Schon schwer so ein Politikerleben! Ich befürchte nur, auch das wird die Stammwähler der Altparteien nicht aufhalten weiter ihre Kreuze wie immer zu setzen. [...] Ich hoffe, ich irre mich in diesem Punkt!

    Teil entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

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    sich nicht.

    sich nicht.

  3. Als Kohl Goebbels und Gorbatschow in einem Satz verknüpfte, sagte er später, dass er falsch wieder gegeben wurde, obwohl es eine Tonaufnahme der Aussage durch einen Journalisten gab.
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Protokollant sich so verhört hat, dass es sich um einen echten Fehler handelt. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass nach einem kurzen Moment der Wahrheit wieder gelogen wird.

  4. für Herrn Schnapp..., ein "falsches" Protokoll verschickt zu haben und es nicht zu merken
    - oder hat er nur nicht verstanden, was da steht
    - oder ist das Protokoll richtig, er hat nur die Brisanz nicht erkannt
    - oder hat er es einfach nicht gelsen
    - oder es ist richtig und er wollte nur Brüderle loswerden
    - oder ...

    Alle Vermutungen oben (und das Dementi vom Dementi aus dem Gremium jetzt) zeigen deutlich was für eine Mischpoke da zusammen saß - eben unsere Wirtschaftselite.

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    • gorgo
    • 25.03.2011 um 15:12 Uhr

    Immer wenn eine Beschuldigung gegen Koalitionsmitglieder als "abstrus" bezeichnet wird, dann war sie ein Volltreffer - erstaunlich. Zuletzt bei Guttenberg, jetzt bei Brüderle und bis zum Wahlsonntag ist ja noch etwas Zeit. Ob Frau Merkel es wohl bis dahin schafft, die Unterstellung, sie habe die vorübergehende Stillegung von gewissen KKWs veranlasst, als "abstrus" zu bezeichnen...?

    • gorgo
    • 25.03.2011 um 15:12 Uhr

    Immer wenn eine Beschuldigung gegen Koalitionsmitglieder als "abstrus" bezeichnet wird, dann war sie ein Volltreffer - erstaunlich. Zuletzt bei Guttenberg, jetzt bei Brüderle und bis zum Wahlsonntag ist ja noch etwas Zeit. Ob Frau Merkel es wohl bis dahin schafft, die Unterstellung, sie habe die vorübergehende Stillegung von gewissen KKWs veranlasst, als "abstrus" zu bezeichnen...?

    • docere
    • 25.03.2011 um 10:18 Uhr

    "Dem ist nichts hinzuzufügen."
    Richtig Hr. Westerwelle, jeder Versuch, egal aus welcher Richtung dieser auch kommen mag, zieht diese Sache nur noch mehr ins lächerliche.
    Wie steht es eigentlich um die FDP im Ländle?
    Angst und Zähneklappern?

    11 Leser-Empfehlungen
    • CM
    • 25.03.2011 um 10:23 Uhr

    Nach dem Moratorium zum Ausstieg vom Ausstieg bekommen wir nun das Dementi zum Dementi zu Brüderles Aussagen...

    Kann es sein, daß man uns wenn schon nicht überzeugen kann, einfach nur noch verwirren will?

    Jetzt warte ich noch darauf, daß CDU, CSU und FDP im Wahlkampf von ihrem "klaren Kurs" schwärmen.

    13 Leser-Empfehlungen

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