Wahl in Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff, der Zahlenflüsterer
Sachsen-Anhalts Noch-Ministerpräsident Böhmer ist knorrig, unabhängig, populär. Sein Ziehsohn und möglicher Nachfolger arbeitet noch am richtigen Ton.
Man soll nichts vorwegnehmen, aber Reiner Haseloff wird wahrscheinlich nicht die Lücke schließen, die der Rücktritt von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in der Union hinterlassen hat.
Der Spitzenkandidat der CDU in Sachsen-Anhalt sitzt auf einer Podiumsdiskussion der Industrie- und Handelskammer Halle. Ein Heimspiel, die Zuhörer können nichts mit den Linken und Grünen und wenig mit SPD-Kandidat Jens Bullerjahn anfangen. Doch Haseloff denkt nicht daran, groß Stimmung unter den Unternehmern zu verbreiten.
Seine Antwort ist so ausgedehnt, dass am Ende keiner mehr die Frage weiß. Er spricht von der "Steuerungs- und Impulsgebungsfunktion des gesetzlichen Handelns". Er beschwert sich bei der grünen Spitzenkandidatin Claudia Dalbert über "die Absurdität im Sinne der Diskussionsführung". Reden die anderen, schaut er mit reglosem Gesicht einen Punkt an der Decke an, weit über den Zuhörern. Nein, für Reiner Haseloff wurde der Begriff "charismatisch" nicht erfunden.
Dennoch spricht vieles dafür, dass der 57-jährige gebürtige Sachsen-Anhalter demnächst einer der einflussreicheren Männer in der Union wird. Hält sich Bullerjahn an sein Versprechen, wird die SPD nach der Wahl am 20. März mit der CDU und nicht mit der Linken eine Koalition eingehen – und Haseloff zum Ministerpräsidenten wählen. Dessen Vorteil ist, dass es keine Wechselstimmung gibt. Die Wähler sind einigermaßen zufrieden. Ob wegen der geringen Arbeitslosigkeit, des stabilen Haushalts oder einfach der freundlichen Ruhe im Kabinett Böhmer, das weiß man nicht genau.
Der derzeitige Ministerpräsident regierte zum Wohlwollen seiner Bürger vor allem präsidial. "Wir werden das Kind schon schaukeln", hieß sein erster Wahlkampfslogan. Man weiß, dass sein Finanzminister Bullerjahn eisern sparte. Man weiß auch, dass Wirtschaftsminister Haseloff jahrelang erfolgreich Ansiedelungspolitik betrieb. Aber was machte Böhmer? Brummen, den Laden zusammenhalten und hin und wieder von der CDU-Parteilinie abweichen. Unabhängig, populär und dabei noch erfolgreich.
Haseloff scheint zu wissen, dass ihm dieser Anzug zu groß ist – jedenfalls noch. Er ist jetzt erstmal nur erfolgreich. Seine wichtigsten Arbeitsgeräte im Wahlkampf sind Schaufel, Schere und Handmikrofon. Hier ein erster Spatenstich, dort eine Festrede. So oft erwähnt er den chinesischen Investor, dass man glaubt, er sei mit ihm verwandt. Haseloff gibt den klassischen Industriepolitiker. Sozial ist, was Arbeit schafft.
Dabei hat die Entwicklung auch eine Kehrseite. Weiterhin wandern die Klügsten ab, übrig bleibt eine Bevölkerung, die wenig Geld verdient. Zwanzig Prozent der Einwohner arbeiten für einen Stundenlohn von unter sieben Euro. Viele sind gar nicht mehr vermittelbar: ausgebildet und beschäftigt in der DDR, jetzt abgehängt. Ein Nährboden für Resignation und Systemopposition.
Haseloff sieht so etwas technisch. Zehn Jahre lang war er Arbeitsamtdirektor in Wittenberg. Seine Lehre aus dieser Zeit sei, dass nur Arbeit helfe, sagt er. Irgendeine Arbeit. Von ihm stammt das bundesweit eingeführte Modell der Bürgerarbeit: Gemeinnützige Arbeit bei erfolgloser Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt. Eine administrative Lösung für Chancenlose und Abgehängte. Fragt man ihn nach Hoffnungen, antwortet er mit Zahlen.
- Datum 09.03.2011 - 11:18 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Der im Schlußabschnitt genannte Handwerker hat - wenn auch indirekt - eine ehrliche Antwort bekommen: an der Grundsituation in Sachsen-Anhalt wird sich auch auf lange Sicht nichts ändern. Dazu fehlt der politische Wille und - ganz besonders - der politische Mut. Und das Problem der Abwanderung lässt sich politischerseits nicht stoppen: Union und SPD würden sich der Lächerlichkeit preis geben, würden sie die zusammen mit der Agenda 2010 aufgestellte Forderung nach bedingungsloser räumlicher Mobilität der Arbeitssuchenden aufgeben.
Sehr geehrter Herr Bangel,
meiner Meinung nach haben Sie das Wesen der Politikers Haseloff, auch in Abgrenzung zum Landesvater Böhmer, sehr treffend beschrieben. Was im Artikel leider ein wenig untergeht, ist die biografische Herleitung seiner grundsoliden Art und Weise, was zu ihrer Argumentation erheblich beigetragen hätte. Damit meine ich (1) Haseloffs naturwissenschaftliche Sozialisation als Student und Forscher in der DDR, was seine Zahlen- und Evidenzgläubigkeit erklären könnte. (2) hätten Sie auch seine Wittenberger Heimat sowie seine Verbundenheit zu Luther und zum Protestatismus thematisieren können.
Leise, sachlich, kompetent; dies sind Eigenschaften die auch dazu beigetragen haben ein politisches Programm (die Bürgerarbeit) von der Landes- auf die Bundesebene diffundieren zu lassen. Wann hat das ein Landesminister in letzter Zeit von sich behaupten können? Das H. die Präsenz und die Lust zur Kontroverse seines Vorgängers noch lernen muss steht ausser Frage.
Ihren einleitenden Gedanken des KT-Lückenschlusses durch Haseloff würde ich deshalb noch weiter spinnen: H. ist vielmehr die Antithese Guttenbergs. Weg von Glanz, Gloria und Schaumschlägertum, hin zur protestantischen Bescheidenheit. Nicht erst seit dem Wechsel Thomas de Maizières in den Bendler-Block ist klar, wie gut Haseloffs Eigenschaften in diese Zeit passen.
Lieber Verwalter,
vielen Dank. Sicher spielen seine Religion und seine naturwissenschaftliche Prägung eine Rolle. Allerdings war ich ihm nicht so nahe, dass ich das vertiefen könnte, wie stark ihn das prägte. Deswegen habe ich mich aufs Beschreiben beschränkt. Das erschien mir seriöser.
Ob Haseloff die Erwartungen der Zeit befriedigt? Möglich, wobei der Typus, seriöser Rechner ja zu allen Zeiten der Bundesrepublik beliebt war. Wenn er verstand, sich mit seiner Nüchternheit in Szene zu setzen.
Wenn er Frau Dalbert "die Absurdität im Sinne der Diskussionsführung" vorwirft, so kommt einem das gerade auf der zweiten Seite des Artikels wie ein Statement eines Mannes vor, der sich damit selbst nicht zu weit aus dem Fenster lehnen sollte. Was nützt ein unmenschlich herbei geführtes Wirtschaftswachstum? Viele Menschen müssen trotz Arbeit zum Amt und sich immer und immer wieder Rechtfertigen, warum sie Geld vom Staat benötigen. Das soll attraktiv sein? Das soll Abwanderung stoppen?
Auch wenn ich nicht in allen Einzelheiten überein stimme, werde ich dieses Mal jedenfalls die Grünen wählen. Die Kuschekurs-SPD wär ja eine weitere verschenkte Stimme ...
Grün. An der Zeit: http://www.youtube.com/wa...
Als mehrfacher Besucher der Sitzungen des Landtages in den letzte Jahren hatt mich Haseloff am meisten überzeugt.
Er hat es zwar viel mit den Zahlen, die man nicht ausser acht lassen kann, aber diese lassen sich bei gewisser Suche auch nachprüfen. Auch als Gast konnte ich den Unterlagen der Abgeordneten lesen ( alte "Seilschaften" ).
Wo Gallert seine Zahlen er hatt , kann ich nicht immer nachvollziehen, aber sie manchmal auch frei erfunden. So behauptete er, die Beschäftigten von Enercon, würden 40% unter dem Tarif bezahlt. Diese stellte sich hinter als Falsch heraus.
Was die Grünen betrifft in S/A betrifft, sind diese immer da anzutreffen, wo Menschen gegen irgendein Vorhaben sind.
Im Grunde sind diese gegen alles. So manche Ortsumfahrung, Deichsanierung oder Straßenneubau wurde durch ihre Klagen verhindert. Über die niedrige Bezahlung in bestimmten Bereichen wird geschipft, dabei waren sie es gemeinsam mit der SPD und der Gerwerkschaft, die den Leiharbeiter durchgeboxt haben.
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