Eines ist neu an dieser Wahl in Baden-Württemberg. Drei Tage vorher haben noch immer drei Kandidaten aussichtsreiche Chancen, Ministerpräsident zu werden. Zwar ist es schon länger in Mode, dass vormals kleine Parteien eigene Spitzenkandidaten präsentieren. Man erinnere sich an Cornelia Pieper und Guido Westerwelle von der FDP, die als Kanzlerkandidat und Ministerpräsidentin-Kandidatin antraten. Ganz ernst gemeint aber war das nie.

Nun könnte dieser Ernstfall eintreten. Die SPD ist in Baden-Württemberg traditionell schwach verankert, während die Grünen bis ins konservativ-bürgerliche Milieu Anklang finden. In der letzten Umfrage am Donnerstag erhielten beide Parteien exakt 24 Prozent . Wenige Tausend Stimmen könnten also darüber entscheiden, wer neuer Ministerpräsident wird. In doppelter Hinsicht: Denn zusammen liegen SPD und Grüne nun wieder knapp vor Schwarz-Gelb.

Am Donnerstagabend trafen die drei potenziellen Ministerpräsidenten noch einmal im SWR aufeinander. Flankiert von den Spitzenpolitikern der FDP und Linken, stellten sie sich 90 Minuten lang den Fragen der Zuschauer und Moderatoren.

Rechts außen: der Amtsinhaber, Stefan Mappus. Er hat es am schwersten derzeit. Seit er das Amt vor gut einem Jahr von Günther Oettinger übernommen hat, steht er in der Dauerkritik. Das Bahn-Bauvorhaben Stuttgart 21, der Deal um den Energieversorger EnBW, die Atom-Politik: Allein zu diesen Stichworten fallen Mappus-Kritikern in und außerhalb der CDU etliche Sätze ein.

Wie schon den ganzen Wahlkampf über ist Mappus auch in dieser TV-Runde um einen höflichen, verständnisvollen Auftritt bemüht. Er spricht Moderatoren und Rivalen mit Namen an, hört zu, nickt. Ja, er stehe dazu, dass er die Atomkraft immer verteidigt habe, sagt er. Aber er wisse auch, dass es kein "Weiter so" nach Japan geben dürfe. Daher befürworte er das Laufzeiten-Moratorium der Kanzlerin, um noch einmal drei Monate nachzudenken.

An einer gedeihlichen Lösung wäre Mappus inzwischen vermutlich tatsächlich viel gelegen. Im Umfeld der Kanzlerin heißt es, dass Mappus am liebsten jeden Tag "Heiner Geißler zum Schlichter ernennen" würde. So froh war er im Spätherbst, als dieser im Stuttgarter Bahnhofsstreit die Kontrahenten beruhigte.

Mappus wäre gern ein beliebter Landesvater. Aber er ist eben auch ein gelernter Parteipolitiker, den in seinem ersten Wahlkampf als Spitzenkandidat viele kritisieren. Auf Kritik reagiere Mappus jedoch dünnhäutig und impulsiv, erzählt man sich sogar bei der CDU. Erst verteidigt er sich, dann schießt er zurück. So auch im SWR: Erst rattert er nach einigen bohrenden Fragen leicht angesäuert die Bilanzdaten seines Bundeslandes herunter. Später warnt er vor der Einheitsschule und dem Kommunismus.

Halblinks in der Runde: der Spitzenkandidat der SPD. Anders als Mappus spricht Nils Schmid, der sich gern als "seriöser Finanzpolitiker" vorstellt, nicht polternd, sondern ruhig, selbst wenn er Mappus in der Energiepolitik "ein Ablenkungsmanöver vor der Wahl" vorwirft. Auch die Punkte aus seinem Wahlprogramm referiert er ohne Überschwang: Kindergärten sollen beitragsfreie "Erziehungszentren" werden, das Volk soll über den Tiefbahnhof in Stuttgart abstimmen. Würde Schmid nicht mehrfach erwähnen, "als Ministerpräsident" dies oder jenes zu planen, in der Runde würde er kaum weiter auffallen.

Das geht Schmid schon im ganzen Wahlkampf so. Von den drei Spitzenkandidaten hinterlässt er am wenigsten Eindruck. Die öffentliche Aufmerksamkeit konzentriert sich auf Mappus und Kretschmann. Im schwarz-grünen Kulturkampf spielt der 37-jährige Sozialdemokrat nur eine Randrolle. Schmid ärgert das. Schließlich will er auf dem zweiten Platz landen, auch wenn damit keiner rechnet.

Deshalb ließ er im Gespräch mit ZEIT ONLINE vor einigen Tagen mehrere spitze Bemerkungen gegen seinen künftigen Wunschpartner los. Er warf den Grünen vor, nichts "außer Bahnhof" zu verstehen. Den 25 Jahre älteren Kretschmann nannte er eine "Großvaterfigur", der nicht unbedingt für einen "Neuanfang" stehe, anders als er selbst.

Winfried Kretschmann war verwundert, als er davon hörte. "Warum sagt der Schmid so etwas?", fragte er kopfschüttelnd. Der 62-Jährige legt Wert auf einen fairen Umgang im Wahlkampf. Auch im bürgerlichen Lager wird er geschätzt. Der frühere Gymnasiallehrer ist bekannt für seine feinsinnigen Vorträge. Auf vertrautem Terrain, auf Wahlkampfveranstaltungen der Grünen oder im Landtag zitiert er gern Hannah Arendt oder Perikles.

Ganz so bildungsbeflissen indes tritt er an diesem Abend, in der Mitte des Studios stehend, nicht auf. Im Gegenteil: er attackiert Mappus mit einer Emphase, die die von Schmid bei weitem übersteigt. "Mit brachialer Energie" habe der Ministerpräsident darauf gedrängt, aus dem Atom-Konsens auszuscheren, echauffiert sich Kretschmann. Er spricht Mappus die Glaubwürdigkeit ab und bekundet, dass dieser – gerade geht es um die Vernachlässigung der Windenergie – "Schande über Baden-Württemberg" gebracht habe.

Kretschmann ist aber nicht nur in Rage, sondern auch ein wenig fahrig heute. Einmal sagt er "Fujiyama" statt Fukushima. Mehrmals verhaspelt und räuspert er sich. Zwischen den deutlich jüngeren Schmid und Mappus, die routiniert aus ihren Wahlkampfreden zitieren, wirkt er in manchen Momenten wie ein Politiker aus einer anderen Zeit: einer, der frei assoziiert und störrisch vor sich hinwütet. Was für eine Performance er abliefert, scheint ihm egal zu sein. Gegen ihn spricht das nicht unbedingt: Viele Bürger halten ihn für den Glaubwürdigsten in dem Trio.

Einen persönlichen Führungsanspruch bekräftigt Kretschmann in der TV-Runde nicht, überhaupt macht er das nicht gern. Er gebraucht lieber diese Formulierung: "wenn wir regieren werden". Das mag kokettes Understatement sein. Aber es hält sich das Gerücht, Kretschmann sehne sich nicht unbedingt nach dem Ministerpräsidenten-Posten. Im Gespräch mit ZEIT ONLINE zitiert er Erwin Teufel, den früheren CDU-Ministerpräsidenten: "Das Amt muss zum Mann kommen." Wenn es komme, treffe es schon den Richtigen. Und er sagt: Mappus "auf dem dritten Platz wegzubekommen" sei besser "als auf dem zweiten Platz" zu landen, ohne Machtwechsel.

Für FDP und Linke sind das Tabellenränge, von denen sie in Baden-Württemberg nur träumen können. Sie müssen um den Einzug in den Landtag bangen. An der Elefantenrunde dürfen sie trotzdem teilnehmen. Der Spitzenkandidat der Linken, Roland Hamm, bekundete in vielen Punkten, mit Rot-Grün übereinzustimmen. Einem Regierungswechsel werde seine Partei "nicht im Weg" stehen, kündigt er an, was eine höfliche Umschreibung für ein Tolerierungsangebot ist.

Schmid und Kretschmann schließen nicht aus, es im Zweifel anzunehmen. Fraglich ist nur, wer dann die Verhandlungen führt.